Für diese Corona-Projekte gibt der Freistaat gerne Geld

Dresden - Der Corona-Erreger schwirrt durch die Luft, schlummert aber auch im Speichel und Stuhl von Infizierten.

15 Projekte entlocken dem tückischen Virus die letzten Geheimnisse: Sachsens Forscher ziehen mit Nanoelektronik, Labortechnik und Gummistiefeln in den Kampf gegen das Coronavirus.
15 Projekte entlocken dem tückischen Virus die letzten Geheimnisse: Sachsens Forscher ziehen mit Nanoelektronik, Labortechnik und Gummistiefeln in den Kampf gegen das Coronavirus.  © Archiv

Mit 16 Millionen Euro fördert das sächsische Wissenschaftsministerium aus Mitteln des sächsischen Corona-Bewältigungsfonds aktuell 15 Forschungsprojekte.

Ziel: das Virus erforschen und die Pandemie in den Griff bekommen.

Dabei geht es um mehr als die Entwicklung eines Impfstoffs oder wirksamer Medikamente. Wir stellen einige dieser Projekte vor.

Diese Projekte erhalten Millionen-Förderungen

Für die bevorstehenden Impfungen wird vielerorts im Freistaat Grundlagenforschung betrieben.
Für die bevorstehenden Impfungen wird vielerorts im Freistaat Grundlagenforschung betrieben.  © dpa/Stefan Puchner

In der LIFE-COVID-Studie des Leipziger Forschungszentrums für Zivilisationserkrankungen (LIFE) wird der Gesundungsverlauf von Infizierten erforscht - analog zu Zivilisationskrankheiten wie Depression, Diabetes oder Allergien.

Das SaxoCOV-Projekt führt eine sachsenweite Feldstudie zur Ausbreitung von SARS-CoV-2 durch. Außerdem wurde in fünf städtischen Alten- und Pflegeheimen in Leipzig untersucht, wie sich das Virus bei Bewohnern und Personal ausbreitet - auch, wenn sie symptomfrei waren.

Mit einer Million Euro wird das Projekt CASUS unterstützt, bei dem Görlitzer Forscher eine Software entwickeln, die den Einsatz von Corona-Tests optimieren soll.

Wöller fordert "Schnellprozesse" bei Corona-Verstößen: "Sind rigoros zu ahnden!"
Sachsen Wöller fordert "Schnellprozesse" bei Corona-Verstößen: "Sind rigoros zu ahnden!"

Am Klinikum St. Georg in Leipzig läuft die weltweit erste klinische Studie, die klären soll, ob bestimmte ACE-Bluthochdruck-Hemmer auch als Medikamente in der Therapie gegen COVID-19 wirksam sein können.

Sebastian Gemkow (42, CDU), Minister für Wissenschaft, Hochschule und Forschung.
Sebastian Gemkow (42, CDU), Minister für Wissenschaft, Hochschule und Forschung.  © DPA/ZB/Jan Woitas

Das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf erforscht mit zwei Millionen Euro, ob sich wie bei Tumoren auch Coronaviren in gefährlich veränderten Zellen aufspüren und bekämpfen lassen.

Ein Projekt des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der TU Dresden erforscht im Dreiländer-Eck Deutschland-Polen-Tschechien die Wirkung der Corona-Krise auf verschwörungstheoretisches Denken. Außerdem sollen eine Radikalisierung der politischen Kultur und neue Feindbilder untersucht werden, wie sie schon bei der Spanischen Grippe in den frühen 1920er-Jahren und bei Kriegsniederlagen beobachtet wurden.

"Die umfangreiche Forschung zum Umgang mit der Corona-Pandemie bei uns in Sachsen sorgt letztlich dafür, dass wir alle für künftige Krisen besser gerüstet sind", sagt Sebastian Gemkow (42, CDU), Minister für Wissenschaft, Hochschule und Forschung.

"Dass Forschung oft viele verschiedene Ansätze braucht und zwischenzeitliche Ergebnisse immer wieder hinterfragt, geprüft und neu beleuchtet werden, ist durch Corona deutlich mehr in den öffentlichen Fokus gerückt."

Schulstudie stellt fest: Je jünger, desto seltener steckt man sich an!

Abstrich bei einem Schüler für einen Massen-PCR-Test an 18 Schulen.
Abstrich bei einem Schüler für einen Massen-PCR-Test an 18 Schulen.  © imago images/ZUMA Wire/Jordi Boixareu

Können Kitas und Schulen in der Pandemie geöffnet bleiben? Sind Schüler Infektionstreiber? Das soll die Schulstudie des Freistaates klären.

"Dafür haben wir an 18 Grundschulen und Gymnasien in Borna, Dresden, Leipzig, Werdau und Zwickau insgesamt 2687 Schüler und Lehrer untersucht", sagt Prof. Wieland Kiess (62), Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Leipzig. Es wurden insgesamt 2599 Rachenabstriche und 2344 Blutproben ausgewertet.

Ergebnis: Im Juni gab es null Infizierte. Im September wurde ein 14-jähriger Schüler positiv getestet. Seit dieser Woche liegen die Zahlen der November-Testreihe nach zweieinhalb Monaten regulären Schulbetriebs vor: 26 Infizierte.

"Es scheint, dass sich Kinder im Vergleich zu Erwachsenen seltener infizieren. Je jünger sie sind, desto seltener sind sie von einer Corona-Infektion betroffen", sagt Prof. Kiess.

Die Entscheidung, Schulen bislang offen zu halten, war richtig. Kiess: "Wir haben auch die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf die soziale und psychische Situation von Schulkindern erforscht. Mehr als Dreiviertel wünschten sich nach dem Lockdown, dass sie wieder normal zur Schule gehen können."

Schnüffel-Sensor spürt Viren auf

Elektronik, so klein wie das Virus: Prof. Gianaurelio Cuniberti (50) entwickelt Biosensoren, die das Coronavirus "riechen" können - hier ein Prototyp.
Elektronik, so klein wie das Virus: Prof. Gianaurelio Cuniberti (50) entwickelt Biosensoren, die das Coronavirus "riechen" können - hier ein Prototyp.  © Steffen Füssel

Befinden sich Coronaviren in der Luft von geschlossenen Klassenräumen, Bussen, Bahnen oder Flugzeugen? Das soll ein neuartiger Biosensor "erschnüffeln".

"Er erkennt Spike-Proteine an der Außenhülle des Coronavirus und schlägt Alarm", sagt Prof. Gianaurelio Cuniberti (50), Inhaber der Professur für Materialwissenschaft und Nanotechnik an der TU Dresden. "Coronaviren werden bereits in Aerosolen versprüht, wenn wir Worte mit 'P' wie Polen aussprechen."

Für das Projekt zur "Entwicklung einer elektronischen Biosensorplattform zur schnellen und zuverlässigen Erkennung von Coronaviren" wurden 410.000 Euro freigegeben.

Einen Prototyp gibt es bereits. Cuniberti: "Jetzt wollen Investoren Patente kaufen oder in ein Start-up investieren."

Der bioelektronische Sensor kann übrigens schnell umkonfiguriert werden, um auch Ebola-, H1N1-Schweinegrippe oder einen künftigen, noch unbekannten neuen Pandemie-Virus nachzuweisen.

Abwasser weist auf Corona-Hotspots hin

Verräterisches Abwasser: Forscher spüren das Coronavirus in der Kanalisation auf.
Verräterisches Abwasser: Forscher spüren das Coronavirus in der Kanalisation auf.  © Jürgen Lösel

Viele SARS-CoV-2-Infizierte tauchen in keiner Statistik auf, weil sie keine Symptome aufweisen, deshalb nicht getestet und gemeldet werden. Wie hoch die Dunkelziffer ist, sollen Abwasseranalysen in Klärwerken herausfinden.

"Auch wer keine Krankheitssymptome hat, scheidet Viren aus. Wir weisen die Viren-RNA im Abwasser nach, noch bevor überhaupt klinisch relevante Fälle auftreten", erklärt Umweltmikrobiologe Prof. Antonis Chatzinotas (50) vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig.

"Mit den Daten können politische Entscheidungsträger frühzeitig auf lokale Ausbruchsherde reagieren."

Ein Team aus 20 Abwasserfachleuten, Mikrobiologen, Virologen und Modellierern vom UFZ und der TU Dresden analysiert dafür Abwasser in 30 Kläranlagen und wertet Stuhlproben aus.

Prof. Chatzinotas: "Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt, wird mit 1,2 Millionen Euro vom Freistaat gefördert."

Titelfoto: Montage: Archiv, imago images/ZUMA Wire/Jordi Boixareu, Jürgen Lösel, Steffen Füssel

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