Gastronomen zittern vor "Lockdown Light"

Dresden / Lohmen - Der Gastronomie in Sachsen steht ein harter November bevor. In sämtlichen Restaurants bleiben die Küchen bis Ende November kalt, Hotels müssen ihr Türen für Touristen vorerst schließen. Die Einschränkungen der neuen Corona-Verordnung hinterlassen Fassungslosigkeit und Unverständnis im Gastgewerbe.

Bastei-Chefin Petra Morgenstern (62) und ihr Sohn Kai Reiße (36) sind sauer über den "Lockdown Light".
Bastei-Chefin Petra Morgenstern (62) und ihr Sohn Kai Reiße (36) sind sauer über den "Lockdown Light".  © Petra Hornig

Wenn das Frühstück am Montag aufgegessen ist, müssen alle 130 Gäste des Bastei Hotels in der Sächsischen Schweiz ihre Koffer packen und abreisen. 

"Uns blutet das Herz", sagt Petra Morgenstern. Die 62-Jährige betreibt gemeinsam mit ihrem Sohn das Hotel auf Sachsens wohl schönstem Aussichtspunkt. 

Morgenstern ist vor allem von der Regierung bitter enttäuscht. 

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"Es ist eine Katastrophe", betont die 62-Jährige immer wieder. 

Knapp 20.000 Euro hatte sie in die Umsetzung des Hygienekonzepts investiert. 

"Eine einzige Plexiglas-Scheibe allein kostet schon 435 Euro."

Auf zusätzliche Euros aus dem Rettungspaket der Bundesregierung braucht die Hotelchefin nicht zu hoffen. 

"Mit 120 Mitarbeitern fallen wir aus dem Raster für das Hilfspaket." 

Mit der Mehrwertsteuersenkung ab dem 1. Juli bis 31. Dezember konnten die Folgen der Krise abgemildert werden. "Für ein großes Unternehmen, wie wir es sind, ist die Senkung ein echter Vorteil", sagt Morgenstern. 

"Ich befürworte aber eine längerfristige Senkung." Morgenstern sitzt außerdem auf 1000 Martinsgänsen fest. Diese können bei ihr zwischen dem 11. November und 6. Januar nach vorheriger Anmeldung abgeholt werden.

Die Restaurants in Sachsen haben allesamt zu.
Die Restaurants in Sachsen haben allesamt zu.  © Daniel Karmann/dpa
So leer wie im ersten Lockdown könnte es auf dem Dresdner Neumarkt auch im November werden.
So leer wie im ersten Lockdown könnte es auf dem Dresdner Neumarkt auch im November werden.  © imago images / ddbd

Winterhütte auf der Louisenstraße zählt auf das Vorweihnachtsgeschäft

Winterhütten-Chef Josef Dölle (37) hofft auf das Dezembergeschäft.
Winterhütten-Chef Josef Dölle (37) hofft auf das Dezembergeschäft.  © Petra Hornig

Einer, der voll aufs Vorweihnachtsgeschäft zählt, ist Josef Dölle (37). 

Seit 2011 verwandelt er den Dresdner Louisengarten Jahr für Jahr in ein weihnachtliches Glühweindorf. 

Dölle verkauft in seiner Winterhütte auf der Louisenstraße bereits seit dem 23. Oktober dampfende Heißgetränke. 

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Ob und wie hier Glühwein und Wurst vom Grill ab sofort über die Ladentheke gehen, ist noch ungewiss.

"Ich habe ganz gemischte Gefühle", sagt Dölle. "Die Gesundheit aller geht natürlich vor, aber ich kann die Verhältnismäßigkeit nicht nachvollziehen." Der Glühweinverkauf an der Winterhütte erfüllt sämtliche Hygienevorschriften, der Einlass ist von Personal geregelt. 

Die Stehtische haben genügend Abstand, manche sind sogar durch Holzwände voneinander getrennt. "Wer sich auf dem Gelände bewegt, muss Maske tragen. 

Die Gäste halten sich super und konsequent daran." Fest steht: "Sollte sich der Lockdown bis ins Frühjahr ausdehnen, dann habe ich ein Problem."

Raskolnikoff verkauft Speisen per Fenster

Das Raskolnikoff verkauft im November Eingemachtes.
Das Raskolnikoff verkauft im November Eingemachtes.  © Thomas Türpe

Am Montag bleibt die Winterhütte erst einmal geschlossen. Josef Dölle bleibt nichts anderes übrig, als auf das Milliarden-Rettungspaket vom Bund zu hoffen. 

Bis dahin überlegt der 37-Jährige, ob die Neustädter Winterhütte sich übergangsweise mit einem "To-go"-Geschäft über Wasser hält.

Ginge es nach Ralf Hiener, dann wäre "Lockdown Light" das Unwort des Jahres 2020. 

Der 54-Jährige ist Inhaber des Raskolnikoff, einem Restaurant inklusive Pension in der Dresdner Neustadt. 

Das Gastgewerbe wegen Corona in einen einmonatigen Winterschlaf zu versetzen, hält er für Quatsch. "Die Zahlen sprechen für sich." 

Einer aktuellen Untersuchung des Robert-Koch-Instituts zufolge zählen Gastronomie und Hotellerie nicht zu den Infektionsherden. 

"Trotzdem nehme ich die Lage ernst, schließlich habe ich Verantwortung", sagt Hiener.

Dehoga prüft rechtliche Schritte

Sachsens Dehoga-Chef Axel Klein (51).
Sachsens Dehoga-Chef Axel Klein (51).  © Norbert Neumann

Ralf Hiener schaut dennoch mit weitaus weniger Pessimismus in die Zukunft. 

"Wir haben uns schon vor etwa einen Monat auf einen Lockdown eingestellt." 

Bereits im Frühjahr hatte das Raskolnikoff Speisen per Fensterverkauf an die Kunden gebracht.

"Wir haben vor drei Wochen begonnen, Speisen in Gläser einzuwecken, die sich unsere Gäste dann zu Hause warm machen können." 

Finanziell habe er in den vergangenen Jahren gut gehaushaltet. Hiener ist sich sicher, dass die Einschränkungen bald wieder gelockert werden.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Sachsen verkündete am Donnerstag, dass er weitere rechtliche Schritte prüfen wolle - es gehe immerhin um das Überleben von 9500 Betrieben. 

Hauptgeschäftsführer Axel Klein (51) plädiert für weitere Steuersenkungen. "Jetzt muss geklotzt, nicht gekleckert werden.

Titelfoto: Petra Hornig

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