Kerzenmeer in Görlitz: Restaurant organisiert großen Protest gegen Corona-Spaltung

Görlitz - Welch schönes Lichtermeer! Welch brandgefährlicher Aufruf? Am Sonntagabend haben sich auf dem Görlitzer Elisabethplatz zahlreiche Menschen versammelt. Allesamt mit roten oder weißen Kerzen. Vorausgegangen war ein Aufruf eines Gastronomiebetriebs der Stadt.

Menschenansammlung auf dem Elisabethplatz in Görlitz am Sonntagabend.
Menschenansammlung auf dem Elisabethplatz in Görlitz am Sonntagabend.  © Harry Beer

Der ein oder andere Passant dürfte sich bei diesem Anblick verwundert die Augen gerieben haben. Trotz Versammlungsverbot tummelten sich etwa 100 Leute am Elisabethplatz in Görlitz.

Fast wie bei einem Lampionumzug erleuchtete der Platz in Kerzenschein.

Doch wie kam es dazu, inmitten der Pandemie, inmitten des von Ministerpräsident Michael Kretschmer (46, CDU) als "Wellenbrecher" betitelten Quasi-Lockdowns?

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Das "Wirtshaus zur Altstadt" wandte sich mit einem Appell - oder, wie es auf der Facebook-Seite des Restaurants betitelt wurde, "mit einer Idee bzw. einer Bitte" - an die Community.

"Die Spaltung der Gesellschaft in diesem Land nimmt immer erschreckendere Formen an. Politik und Medien lassen nichts unversucht, um von ihrem eigenen Versagen abzulenken", heißt es in dem Post.

Im Anschluss wird die Klassifizierung der Menschen durch ebenjene Akteure angeprangert. Es gebe nur noch "gut und böse, solidarisch und egoistisch, schlau und dumm ... Geimpfte gegen Ungeimpfte!".

Womit das Motto auch stand: "Geimpft oder nicht geimpft - wir sind alle gleich".

"Geimpft oder nicht geimpft - wir sind alle gleich" - viele weiße und auch ein paar rote Kerzen wurden angesteckt

Der Facebook-Aufruf des Wirtshauses vom 26. November.
Der Facebook-Aufruf des Wirtshauses vom 26. November.  © Screenshot/Facebook Wirtshaus zur Altstadt

Unter diesem Motto sollte auf die "Spaltung der Gesellschaft", welche sich bis in den Freundes- und Familienkreise ziehe, aufmerksam gemacht und gegengesteuert werden.

Die Marschroute war klar: Impfen oder nicht - jeder, wie er will, und das gelte es auch zu respektieren.

"Das Problem dieser Gesellschaft ist nicht der Impfstatus des Einzelnen - das ist eine persönliche, freie Entscheidung, die man einfach akzeptieren sollte (...) Wir dürfen uns nicht weiter einreden lassen, dass einer dem Anderen etwas wegnimmt, dessen Gesundheit bedroht oder verantwortlich ist für die derzeitige Situation - denn es stimmt einfach nicht...", hieß es in dem Facebook-Post weiter.

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Entsprechend kam es dann ab 18 Uhr zu einer de-facto-Versammlung.

Das Ansinnen, die Menschen friedlich zusammenzuführen, gelang auch. Der Plan, eine rote Kerze mit sich zu führen, sollte man geimpft sein, und eine weiße, sollte man ungeimpft sein, ging auf.

Ein Blick auf das Lichtermeer offenbarte dann jedoch auch durchaus eine überwältigende Mehrheit an weißen Kerzen.

Ansammlung verlief laut der Polizei "relativ ruhig"

Zahlreiche Kerzen stehen nebeneinander auf dem Elisabethplatz. Ringsherum Schaulustige.
Zahlreiche Kerzen stehen nebeneinander auf dem Elisabethplatz. Ringsherum Schaulustige.  © Harry Beer

An die Bitte "Einfach die Kerze nur hinstellen, da ja ein Versammlungsverbot besteht" hielten sich die Leute dann auch zum Teil.

Dennoch waren für einen gewissen Zeitraum viele Menschen um das Lichtermeer versammelt, sprachen miteinander und machten Fotos.

Wie die Polizeidirektion Görlitz auf TAG24-Nachfrage mitteilte, wurde den Ordnungshütern um kurz vor 19 Uhr bekannt, was sich am Elisabethplatz abspielte. Dort angelangt, war die Lage nach Aussage der Beamten jedoch "relativ ruhig", so eine Sprecherin aus dem Lagezentrum.

Es gab keinerlei nennenswerter Auseinandersetzungen und es blieb friedlich.

Ob diese Ansammlung in Zeiten wie diesen aus rein infektiologischen Gesichtspunkten tatsächlich der richtige Weg war, darüber darf zumindest nachgedacht werden.

Die Menge löste sich dann nach Aussage der Polizei auch recht schnell wieder auf. Die rund 100 Personen seien gegen 19.10 Uhr wieder weg gewesen.

Wirtshaus zur Altstadt bedankt sich via Facebook bei allen Teilnehmenden

Noch am Abend bedankte sich das Wirtshaus dann auf Facebook für die zahlreiche Unterstützung und postete dazu einige Bilder des Kerzenmeers.

"Ihr seid echt der Wahnsinn, wir sind sowas von überwältigt❤️ es gibt ihn doch noch den Zusammenhalt", so das "Team Wirtshaus".

Man habe viele Gespräche geführt und festgestellt, "wie einfach es doch ist, Menschen wieder Hoffnung zu geben mit solchen kleinen Aktionen".

Titelfoto: Harry Beer

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