Sächsin Anita (84) wird der Führerschein geklaut, danach beginnt eine jahrelange Tortur

Böhlen - Handtaschendiebstähle passen täglich dutzendfach. Doch was Anita Walter (84) aus Böhlen bei Leipzig durchgemacht hat, ist eine wahre Tortur.

Der Kampf um Neuausstellung ihres Führerscheins beschäftigte eine Sächsin jahrelang. (Symbolbild)
Der Kampf um Neuausstellung ihres Führerscheins beschäftigte eine Sächsin jahrelang. (Symbolbild)  © Andreas Arnold/dpa

Vor etwa zwei Jahren ist die Rentnerin mit Pudel Fee unterwegs. Auf der Rückbank ihres Autos wird die Hündin unruhig, weshalb Anita an einem Waldweg hält und mit dem Vierbeiner Gassi geht, wird in der MDR-Sendung "Voss & Team" erzählt.

Als sie wiederkommt, findet sie ihren Wagen aufgebrochen vor, die Leder-Handtasche wurde gestohlen. Die EC-Karte sperrt die 84-Jährige umgehend, tauscht das Türschloss ihrer Wohnung aus, will sich die gestohlenen Papiere neu ausstellen lassen.

"Ich bin gleich am nächsten Tag nach Borna und habe einen Antrag gestellt, dass mir der Führerschein gestohlen wurde", berichtet sie.

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Ein Mitarbeiter des Landratsamts fragt, wo der Führerschein gemacht wurde. Er würde das Ersatzdokument dort beantragen und sich nach dessen Zusendung bei Frau Walter melden.

Von der Führerscheinstelle in Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern), Anitas früherem Wohnort, erhielt das Bornaer Landratsamt den Hinweis, "dass dort keine Unterlagen über Ihre Führerscheindaten vorliegen". Dies sei der Grund, weshalb man ihr kein Ersatzdokument ausstellen könne.

Die Tortur beginnt!

Voss & Team: Keinerlei Daten über bestandene Führerscheinprüfung vorhanden!

Moderator Sven Voss (45) und sein Team setzten sich für die Seniorin ein.
Moderator Sven Voss (45) und sein Team setzten sich für die Seniorin ein.  © MDR/Martin Jehnichen

Anita gibt nicht auf. Sie wendet sich selbst an die Führerscheinstelle Pasewalk und bekommt die Antwort, dass es keine Daten über ihre Führerscheinprüfung gebe.

Diese habe sie 1961 erfolgreich bestanden. Da es damals aber noch keine elektronische Datenerfassung gibt, wurden die Informationen zu DDR-Zeiten auf VK30-Karten erfasst und bei der Volkspolizei archiviert.

Einige Behörden hatten diese später an die Inhaber geschickt, um ihre Archive zu entlasten. Doch Anita Walter hat ihre nach eigenen Angaben nie erhalten.

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Dass sie trotz ihres hohen Alters weiter Autofahren möchte, steht für die Seniorin fest. "Wenn ich es mich nicht mehr trauen würde, würde ich auch nicht mehr fahren. Aber ich bin wirklich fit und habe keine Bedenken, hatte nie einen Unfall."

Unter der Voraussetzung, dass Zeugen eine eidesstattliche Erklärung ablegen, dass die Rentnerin einen Führerschein besessen hat, lässt sich die Führerscheinstelle auf einen Kompromiss ein und wolle ihr ein neues Dokument ausstellen. Auch ein Autohaus, bei dem sie Stammkundin ist, bestätigt, dass die Fahrerlaubnis regelmäßig eingesehen wurde, als Frau Walter einen Ersatzwagen gestellt bekam.

Zudem soll die 84-Jährige eine freiwillige Fahrstunde nehmen, in der ihr der Fahrlehrer bestätigt, dass sie ein Fahrzeug führen kann. All dies geschieht auch.

Schikane gegen Anita Walter? "Ich hab doch nichts getan. Ich wurde bestohlen."

Nach mehr als zwei Jahren darf sich Anita Walter endlich wieder hinters Steuer setzen (Symbolbild).
Nach mehr als zwei Jahren darf sich Anita Walter endlich wieder hinters Steuer setzen (Symbolbild).  © 123Rf/lightpoet

Der Handtaschen-Dieb wird später gefasst und von der Polizei vernommen. Er bestätigt, die Fahrerlaubnis in der Hand gehabt und entsorgt zu haben. Ein weiteres gutes Indiz für Frau Walter.

Neun Monate nach dem Diebstahl sind alle Unterlagen beim Landratsamt Borna. Dieses verlangt nun überraschend eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung, deren Kosten in Höhe von 600 Euro sie selbst tragen soll. "Warum? Warum?", fragt sich Anita. "Ich hab doch nichts getan. Ich wurde bestohlen."

Ein eingeholtes hausärztliches Attest wird abgelehnt. Frau Walter wird aufgefordert, ein Gutachten eines Arztes einer Begutachtungsstelle für Fahreignung (BfF) vorzulegen.

Erst als die MDR-Sendung "Voss & Team" nachhakt, kommt Bewegung in die Sache. Der Vorgang wird überprüft. Und tatsächlich erhält Anita Walter einen "neuen" Führerschein. "Über zwei Jahre Kampf und auf einmal geht alles glatt", wundert sich die Sächsin.

Den ganzen Fall seht Ihr auf Abruf in der MDR-Mediathek.

Titelfoto: Andreas Arnold/dpa

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