Ministerin Köpping: "Ossis arbeiten länger und verdienen 700 Euro weniger"

Dresden - Zwei starke Stimmen aus dem Osten gaben TAG24 Interviews zu 30 Jahre Wiedervereinigung: der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz (44, CDU) aus Hohenstein-Ernstthal und Petra Köpping (62, SPD). Die sächsische Staatsministerin für Soziales und gesellschaftlichen Zusammenhalt legte 2018 mit "Integriert doch erst mal uns!" eine Streitschrift für den Osten vor. Hier lest Ihr das Interview mit ihr. 

Petra Köpping (62, SPD) traf sich mit Redakteurin Pia Lucchesi in Leipzig zum Interview.
Petra Köpping (62, SPD) traf sich mit Redakteurin Pia Lucchesi in Leipzig zum Interview.  © Ralf Seegers

TAG24: Woher kommt der aktuelle Frust in breiten Teilen der Bevölkerung Ostdeutschlands ihrer Meinung nach?

Petra Köpping: Der Frust ist im Moment so groß, weil die Menschen unglaublich verunsichert sind. Keiner weiß, ob er das Coronavirus bekommt, es schon hatte oder wie er die Krankheit überstehen würde. Zudem machen sich die Menschen Sorgen, um die Wirtschaft. Sie sehen, dass der Staat viele Rettungsschirme aufspannt. Trotzdem weiß man nicht, ob das am Ende reicht.

TAG24: Eine Erkenntnis aus der Nachwende-Zeit?

Köpping: Ja. Der Ostdeutsche ist da sehr sensibel. Alle dachten damals, sie gehören zu den Siegern und Gewinnern. Doch es war ein weiter Weg und es gab am Ende nicht nur strahlende Gewinner. Diese persönliche Erfahrung gepaart mit den gesellschaftlichen und strukturellen Umbrüchen hat sich tief ins Gedächtnis der Menschen eingegraben. Man erinnert sich wieder, wie es war, als quasi über Nacht die Wirtschaft zusammenbrach.

TAG24: Steckt diese Angst und Sorge den Ostdeutschen tief in den Gliedern?

Köpping: Ja, obwohl man heute weiß, an welche Behörden man sich zur Not wenden, sich schützen oder informieren und optimistisch bleiben kann. 1990 sah das ganz anders aus. Trotzdem, die Unsicherheit bleibt, ob man persönlich am Ende die Krise gut bewältigen kann.

Petra Köpping: "Diese Menschen fühlen sich betrogen"

Ministerin Petra Köpping sieht "Nachbesserungsbedarf im Osten". Vor zwei Jahren stieß die SPD-Politikerin mit einer Streitschrift eine bundesweite Diskussion an.
Ministerin Petra Köpping sieht "Nachbesserungsbedarf im Osten". Vor zwei Jahren stieß die SPD-Politikerin mit einer Streitschrift eine bundesweite Diskussion an.  © Ralf Seegers

TAG24: In den Aufbau Ost flossen Milliarden. Trotzdem mangelt es heute an Zuversicht. Ist der Sachse undankbar?

Köpping: Nein, überhaupt nicht. Die Menschen sind stolz auf ihre Städte, Gemeinden und das Erreichte. Schauen Sie nur in den Leipziger Süden. Im einstigen Tagebau-Gebiet ist eine Seen-Landschaft entstanden. Die haben die Menschen dort mitgestaltet, denn sie sind bewusst hier geblieben und haben zugepackt.

TAG24: Dennoch haben einige das Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein. Woran liegt das?

Köpping: Es gibt Menschen, die haben viele, viele Jahre lang für wenig Geld hart gearbeitet und Aufbauarbeit geleistet. Die bekommen jetzt Bescheide über 600 Euro Rente zugestellt. Diese Menschen fühlen sich betrogen, denn sie können an den Erfolgen persönlich kaum partizipieren. Nehmen wir das Handwerk. Wie soll ich jemandem 30 Jahre nach der Wiedervereinigung erklären, dass er für das Verlegen von Fliesen im Osten 30 Prozent weniger Geld bekommt als sein Kollege in Westdeutschland?

TAG24: Sie wünschen sich die Aufbruchstimmung von 1990 in Ostdeutschland zurück. Warum?

Köpping: Es sind nach wie vor 700 Euro mehr, die der Westdeutsche im Schnitt mehr verdient als sein Kollege im Osten. Dafür wird hier sogar noch länger bei oft weniger Urlaub gearbeitet. Das kann doch alles nicht sein! Wir brauchen Tarifgleichheit und Flächentarifverträge. Die Unterschiede beim Lohn müssen aufhören. Ich beobachte gerade, wie viele Arbeiter und vor allem auch Arbeiterinnen sich höhere Löhne erstreiten. Das ist der richtige Weg! Es gilt: Nicht lamentieren, selbstbewusst handeln und verändern.

Titelfoto: Ralf Seegers

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