Politiker Frank Richter im Interview: "Wer nicht träumt, ist geistig tot"

Meißen - Der DDR-Bürgerrechtler Frank Richter aus Meißen feiert am Montag seinen 60. Geburtstag. Anlässlich des runden Jubelfestes bat ihn TAG24 um ein Interview. Im Gespräch plauderte der charismatische Parteilose, der für die SPD im Landtag sitzt, übers Älterwerden, Träumen und die schönsten Momente des Lebens.

Gespräch mit Sicherheitsabstand im Park: Frank Richter im Interview mit Redakteurin Pia Lucchesi.
Gespräch mit Sicherheitsabstand im Park: Frank Richter im Interview mit Redakteurin Pia Lucchesi.  © Norbert Neumann

TAG24: 60 ist die neue 50, sagt man. Wie fühlt sich das Alter bei Ihnen an?

Frank Richter: Ich spüre, dass die körperliche Spannkraft und die Konzentration manchmal nachlassen.

TAG24: Entdecken Sie auch schöne Seiten am Älterwerden?

Mir fällt es zunehmend leichter, 'Nein' zu sagen. Mir fällt es zunehmend leichter, damit zu leben, dass ich nicht jedem erklären kann, was ich denke und tue.

TAG24: Bringt Ihnen das mehr Lebensqualität?

Es befreit, 'Nein' sagen zu können.

TAG24: Wozu sagen Sie 'Ja'?

Ich sage uneingeschränkt 'Ja' zum politischen Engagement. Ich bin für die SPD im Landtag und Mitglied der Fraktion, auch wenn ich noch kein Parteimitglied bin. Der Staat gehört allen Bürgern. Es ist ein Fehler, Demokratie auf Parteiendemokratie zu reduzieren. Ich erlebe leider in Sachsen viele Menschen, die sich wie Untertanen verhalten und nicht wie Bürger.

TAG24: Die SPD ist also ihre politische Heimat geworden?

(lacht) Eine Partei wird niemals meine Heimat. Ich bin von der SPD überzeugt. Sie ist die Partei, die mir am allernächsten steht. Im S der SPD steckt mehr C als im C der CDU. Wenn es eine Heimat gibt, dann ist es für mich das C - das Christliche. Ich würde mir wünschen, dass die CDU mehr darüber nachdenkt, was das C in ihrem Parteinamen bedeutet.

Wiedervereinigung etwas ganz Besonderes

Frank Richter im Gespräch mit Egon Krenz. Den ehemaligen SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden der DDR traf der Meißener vor zwei Jahren auf dem Theaterkahn bei einer Sonntagsmatinee.
Frank Richter im Gespräch mit Egon Krenz. Den ehemaligen SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden der DDR traf der Meißener vor zwei Jahren auf dem Theaterkahn bei einer Sonntagsmatinee.  © Steffen Füssel

TAG24: Sie haben einmal gesagt, dass der Tag der Wiedervereinigung und der Weg dahin zu den schönsten Momenten ihres Lebens gehören. Welche weiteren Momente würden Sie solch einer Aufzählung noch zufügen?

In politischer Hinsicht war der 8. Oktober 1989 der wichtigste Tag in meinem Leben. Nicht, weil ich damals die Gruppe der 20 mit gegründet habe, sondern weil wir damals sehr, sehr viel Glück in Dresden hatten. Glücklich bin ich, weil ich eine liebe Frau an meiner Seite habe und Freunde, die mir teilweise seit 35, 40 Jahren verbunden sind. Und ich bin als Christ im Glauben geborgen. Glauben ist für mich die höhere Form von Erkenntnis im Vergleich zu Wissen.

TAG24: Haben Sie das Gefühl, dass der Glauben für die Menschen wieder an Bedeutung gewinnt?

Ja. Der staatlich verordnete Sozialismus ist zu Recht untergegangen. Die Idee des Sozialismus kann nicht untergehen, denn sie ist eine gute Idee. In den vergangenen 30 Jahren haben viele Menschen in diesem Land - und ich auch - gelernt, dass der real existierende Kapitalismus auch ein großer Schaden ist. Weil er aktuell die natürlichen Grundlagen der Menschheit auffrisst. Die westliche liberale Gesellschaft hat keinen Sinn. Menschen brauchen aber einen Sinn in ihrem Leben. In diesem Kontext könnte Corona bei aller Belastung auch eine Chance sein, dass wir den materialistischen Lebensstil hinterfragen, an das Gute glauben und Ideale haben.

TAG24: Sie haben Corona als Fanal bezeichnet. Warum?

Weil ich hoffe, dass unsere Gesellschaft aus der Krise lernt.

TAG24: Von welcher gesellschaftlichen Utopie träumen Sie?

Erstens: Wir müssen träumen. Wenn wir uns mit den gegebenen Umständen abfinden, sind wir geistig tot. Ich wünsche mir, dass die Menschheit eine Kultur des Respekts, der Selbstbeschränkung und der Solidarität entwickelt.

Frank Richter leidet unter der Visionslosigkeit der aktuellen Politik

Als Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung öffnete Frank Richter 2015 seine Institution für Gespräche mit den Spitzen der Dresdner Pegida-Bewegung, Lutz Bachmann und Kathrin Oertel.
Als Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung öffnete Frank Richter 2015 seine Institution für Gespräche mit den Spitzen der Dresdner Pegida-Bewegung, Lutz Bachmann und Kathrin Oertel.  © Arno Burgi/dpa

TAG24: Haben Sie Hoffnung, dass das passiert?

Ich habe immer Hoffnung. Ob wir alle zusammen zu mehr Bescheidenheit finden, das weiß ich aber nicht. Doch wann, wenn nicht jetzt, sollen wir lernen, dass Äußerlichkeiten unwichtig sind? Ich habe in meinem Leben gelernt: Nichts, was Menschen machen, hält und gilt für immer. Alles kann sich ändern.

TAG24: Eine große Richtungsänderung zeichnet sich in der Politik aber nicht ab. Oder?

Ich leide sehr unter der Visionslosigkeit der aktuellen Politik. Insbesondere in Sachsen habe ich manchmal den Eindruck, dass Politik mit Verwaltung verwechselt wird. Ich glaube, dass manche Ablehnung von Politik in Wirklichkeit Ablehnung von Verwaltung ist. Und zwar dann, wenn die Menschen erleben, dass sie von Behörden nicht ernst genommen und herablassend behandelt werden.

TAG24: Autoritäres Verwaltungshandeln macht Sie zornig?

Ja, sehr. Genau so macht es mich zornig, wenn man das ganze menschliche Leben auf ökonomische Prinzipien zurückführt. Dem sage ich den Kampf an!

War es rückblickend falsch, Gespräche mit PEGIDA zu beginnen?

Der Theologe, Bürgerrechtler und Landtagsabgeordnete Frank Richter blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Als sein 30. Geburtstag anstand, brach die DDR zusammen. Morgen feiert er seinen 60. Geburtstag und das Land steht still wegen Corona.
Der Theologe, Bürgerrechtler und Landtagsabgeordnete Frank Richter blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Als sein 30. Geburtstag anstand, brach die DDR zusammen. Morgen feiert er seinen 60. Geburtstag und das Land steht still wegen Corona.  © Norbert Neumann

TAG24: Hoppla, öffentlich sind Sie eher als Zuhörer und Moderator bekannt.

Mein Naturell liegt im Verstehen und Versöhnen. Wenn es um Auseinandersetzung und Kampf geht, bin ich ein Spätzünder. Kampf und Zorn sind dennoch Teil meines Lebens. Man muss nicht für alles Verständnis haben. Konkret: Ich habe mich über Monate und Jahre um Gespräche mit Pegida-Anhängern bemüht. Und ich musste erkennen, dass nicht alle Gespräche zum Ziel führen. Da muss man abbrechen, weil es keinen Zweck mehr hat.

TAG24: Würden Sie denn rückblickend sagen, dass es falsch war, die Gespräche mit Pegida zu beginnen?

Nein. Es ist niemals falsch, ein Gespräch zu beginnen. Dialog ist das Prinzip unserer Gesellschaft.

TAG24: Zum Abschluss noch eine ganz persönliche Frage: Wie werden Sie am Montag ihren Geburtstag feiern?

(schmunzelt) Corona hat meinen Geburtstag verschoben. Ich werde in einigen Monaten feiern, wenn die Kontaktsperren aufgehoben sind. Mein Freund, Hans-Eckardt Wenzel, hat mir versprochen, dass er zu meinem verschobenen Geburtstag nach Meißen kommt und ein Konzert gibt. Darauf freue ich mich sehr.

Zur Person Frank Richter

Frank Richter erblickte am 20.4.1960 in Meißen das Licht der Welt und wuchs in Großenhain auf. Er studierte Philosophie und Theologie in Erfurt und Neuzelle. 1987 weihte man ihn in Dresden zum Priester, anschließend war er dort Kaplan. Richter gründete 1989 die "Gruppe der 20" in Dresden mit. Nach dem Mauerfall hatte er verschiedene Kirchenämter inne. 2006 verlor er das Pfarramt, weil er heiratete. 

Von 2009 bis 2017 war Richter Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, dann Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche Dresden. 2018 kandidierte er für das Amt des Oberbürgermeisters von Meißen. 

2019 zog das Ex-CDU-Mitglied für die SPD in den Landtag ein.

Titelfoto: Norbert Neumann

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