"Problem in allen Gewerken": Sächsische Handwerksbetriebe suchen dringend Nachfolger

Von Corinna Schwanhold

Leipzig - Sie bauen ganze Häuser, kümmern sich um verstopfte Rohre, legen Stromleitungen oder schneiden Haare. Die Handwerkerinnen und Handwerker in Sachsen haben viele Aufgaben - und sie sind überdurchschnittlich alt, zumindest die Inhaber der Betriebe.

Viele sächsische Handwerksbetriebe finden keinen Nachfolger. Das hat auch mit der Wiedervereinigung zu tun. (Symbolbild)
Viele sächsische Handwerksbetriebe finden keinen Nachfolger. Das hat auch mit der Wiedervereinigung zu tun. (Symbolbild)  © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

"Viele haben sich nach der Wiedervereinigung in den 1990er-Jahren selbstständig gemacht und sind jetzt in dem Alter, dass sie ihren Betrieb übergeben wollen", sagt der Geschäftsführer der Handwerkskammer Leipzig, Volker Lux. Selbst für viele gut laufende Unternehmen sei es nicht einfach, einen Nachfolger zu finden.

Die Suche nach einem Betriebsnachfolger ist deutschlandweit ein Problem, was unter anderem an der veränderten Altersstruktur der Bevölkerung und Nachwuchs-Problemen liegt.

In Sachsen, wo die Handwerker-Dichte laut dem Wirtschaftsministerium so hoch ist wie in keinem anderen Bundesland, sprechen die Kammern aber von einer regelrechten "Welle".

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Allein im Bereich der Handwerkskammer Leipzig ist beinahe jeder fünfte Betriebsinhaber älter als 60 Jahre. Die Kammer rechnet im Bezirk mit 2300 Betrieben, bei denen eine Übergabe ansteht.

"Das Problem haben alle ostdeutschen Kammern, natürlich auch wir", sagt Sören Ruppik von der Handwerkskammer Chemnitz. Früher sei es in bestimmten Branchen schwierig gewesen, die Zukunft des Betriebs zu sichern. "Heute haben wir das Problem in allen Gewerken."

Ruppik fürchtet vor allem die Folgen für ländliche Regionen - etwa für die Dörfer im Erzgebirge, die jenseits der gut versorgten Städte liegen. "Wenn es im Dorf und im ganzen Umkreis keinen Handwerker mehr gibt, kommt niemand mehr, um den tropfenden Wasserhahn zu reparieren."

Trockenbauer aus dem Vogtland: "Ich fühle mich manchmal wie der Depp der Nation"

Offen und mit Namensnennung wollen sich kaum Betriebsinhaber zu dem Problem äußern. Viele fürchten, dass Mitarbeiter und Kunden abwandern könnten, wenn sie hören, dass der Chef oder die Chefin an die Rente denkt.

So geht es auch einem Trockenbauer aus dem Vogtlandkreis. Er hat sich in den 90ern selbstständig gemacht und heute mehrere Festangestellte. "Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich mein Unternehmen gerne in ein bis zwei Jahren übergeben", sagt er.

Der Standort sei ihm weniger wichtig. Aber die Angestellten sollten ihren Job behalten. "Ich möchte sagen können: Ich habe in meinem Leben etwas geschafft und damit geht es jetzt weiter."

Interesse hätten erst einmal viele daran, Chef oder Chefin eines Unternehmens zu werden. "Aber es scheitert bei vielen am Geld", sagt er.

Und für viele sei es unattraktiv, die Risiken einer Selbstständigkeit zu tragen. "Ich fühle mich manchmal wie der Depp der Nation", sagt der Handwerker.

Er müsse immer mehr Anforderungen - auch bürokratischer Art - gerecht werden, zugleich werde es immer schwieriger, motivierte Mitarbeiter zu finden. "Viele wollen nicht mehr lange auf Montage fahren. Die sind lieber abends zu Hause bei ihrer Familie", sagt er.

Die Sorge, einen Nachfolger zu finden, hat Thomas Winkler nicht mehr. Er gehört zu denjenigen, die mit Hilfe der Handwerkskammer Leipzig ihren Betrieb erfolgreich übergeben haben.

Winklers wichtigste Bedingungen: Alle Arbeitsplätze zu bestehenden Konditionen und Standort in Leipzig erhalten

Thomas Winkler ist Elektro-Ingenieur und konnte seinen Betrieb erfolgreich übergeben.
Thomas Winkler ist Elektro-Ingenieur und konnte seinen Betrieb erfolgreich übergeben.  © Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Ein klassischer Handwerker ist Winkler nicht, sondern Elektro-Ingenieur, der sich auf kathodischen Korrosionsschutz spezialisiert hat. Sein Unternehmen sorgt grob erklärt dafür, dass etwa Gasleitungen nicht korrodieren - das Material also nicht wegen chemischer Prozesse zerfressen wird.

Winkler hatte schon einmal eine Lösung für seine Nachfolge gefunden. Ein junger, motivierter Mitarbeiter wollte ihm das Unternehmen abkaufen. "Die Firmenübernahme schien fast perfekt", erinnert sich Winkler. Dann habe der Kollege ihm eröffnet, dass er die Firma doch nicht übernehmen könne. Private Gründe waren dazwischen gekommen.

Für den Ingenieur ging die Suche von Neuem los. Er sprach mit Kollegen aus der Branche, ließ sich Tipps geben und nahm schließlich Kontakt zu einem größeren Unternehmen in Merseburg auf, das Interesse hatte. Anfang 2020 übergab er seinen Betrieb.

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"Meine wichtigsten Bedingungen, alle Arbeitsplätze zu bestehenden Konditionen und unseren Standort in Leipzig zu erhalten, war kein Streitpunkt, sondern Grundinhalt des Vertrages", sagt Winkler. Er habe unbedingt sicherstellen wollen, dass seine Mitarbeiter ihren Job behalten.

Zurzeit ist Winkler Standort-Leiter in seinem früheren Unternehmen. Vereinbart ist, dass er noch eine Weile als Angestellter dabei bleibt.

Ob es für ihn aktuell komisch ist, nicht mehr sein eigener Chef zu sein? Überhaupt nicht, er fühle sich wohl, sagt Winkler merklich zufrieden. Jetzt könne er in Ruhe seiner eigentlichen Arbeit nachgehen, ohne viel Papierkram erledigen zu müssen. "Zum ersten Mal habe ich feste Urlaubstage, ein festes Gehalt und muss mir keine Sorgen mehr machen."

Titelfoto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

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