Sachse erinnert an seine Republikflucht: Mein Weg in die Freiheit führte über den Knast

Bischofswerda - Falk Mrázek war noch ein Teenager, als er an der Grenzabsperrung am Brandenburger Tor in Berlin festgenommen wurde. Mit einem demonstrativen Fluchtversuch versuchte er, über den Häftlingsfreikauf in den Westen zu gelangen. Was folgte, waren Stasi-Knast und Zwangsarbeit.

Als 17-Jähriger wegen Republikflucht zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt: Falk Mrázek ist heute 61 Jahre alt, arbeitet als Journalist in Dortmund.
Als 17-Jähriger wegen Republikflucht zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt: Falk Mrázek ist heute 61 Jahre alt, arbeitet als Journalist in Dortmund.  © Bildmontage: Archiv, Falk Mrázek

Ein langer beschwerlicher Weg, der ihn aber letztendlich in die lang ersehnte Freiheit führte. 40 Jahre später taucht er noch einmal in das Gefühlsleben seines 17-jährigen Ichs ein und schreibt seine Geschichte auf.

In "Erwachsenwerden hinter Gittern" erzählt der gebürtige Sachse, was er auf sich genommen hatte, um in den Westen zukommen.

Falk Mrázek wurde 1960 in Radeberg geboren, aufgewachsen ist er in Bischofswerda. Sein Onkel im Westen war Journalist, ein Mann, der die Welt bereiste. Schon als Kind stellte sich Mrázek die Frage: Warum darf ich nicht ans Mittelmeer oder nach Paris?

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1975 stellten die Eltern einen Ausreiseantrag. Mrázek war damals 15 Jahre. Er führte ein für die DDR der 60er- und 70er-Jahre ganz normales Leben: Jung- und Thälmannpionier, FDJ-Beitritt, Jugendweihe, Fußballspielen im Verein.

"Ich wurde im sozialistischen Sinne erzogen. Doch recht schnell stellte ich fest, dass Realität und Theorie nicht übereinstimmten."

Monate von Zwangsarbeit, Erniedrigung und einem Leben hinter Gittern

Ort mit doppelter Diktatur-Vergangenheit: Das Kaßberg-Gefängnis diente der NS-Justiz als Untersuchungs- und Strafgefängnis, danach dem sowjetischen Geheimdienst NKWD und später dem MfS als Untersuchungshaftanstalt.
Ort mit doppelter Diktatur-Vergangenheit: Das Kaßberg-Gefängnis diente der NS-Justiz als Untersuchungs- und Strafgefängnis, danach dem sowjetischen Geheimdienst NKWD und später dem MfS als Untersuchungshaftanstalt.  © imago images/Sylvio Dittrich

Im Sommer 1978 beschloss Falk Mrázek, dass er so nicht weiterleben mochte. Am Morgen des 14. September 1978 fuhr er mit dem Zug von Bischofswerda nach Berlin.

Am Brandenburger Tor wusste Mrázek dann: "Hier und jetzt wird mein Leben enden, wie ich es kenne." Er ging zur Schranke Richtung Westen, schlüpfte unter ihr hindurch, ging mit erhobenen Händen auf die Soldaten zu. Wenige Schritte später wurde er in Gewahrsam genommen. Und hier beginnt Mrázeks Odyssee.

Der damals 17-Jährige wurde wegen Republikflucht zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt. Vom Knast aus, so spekulierte er, würde er schnell von der Bundesrepublik freigekauft. Das wurde er auch.

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Doch zwischen Urteil und Entlassung lagen Monate von Zwangsarbeit, Erniedrigung und einem Leben hinter Gittern. Nach einigen Wochen Haft in Görlitz wurde Falk Mrázek nach Bitterfeld gebracht. Seinen 18. Geburtstag erlebte er hinter Gittern.

Falk Mrázek konnte sich seinen Traum am Ende erfüllen

Größtes Stasi-Gefängnis und zugleich größte Abschiebeanstalt der DDR: Justizvollzugsanstalt am Kaßberg in Chemnitz.
Größtes Stasi-Gefängnis und zugleich größte Abschiebeanstalt der DDR: Justizvollzugsanstalt am Kaßberg in Chemnitz.  © dpa/Jan Woitas

Es war der 30. Dezember 1978, als er seine Haft im Straflager antrat. "Ich erinnere mich noch, dass es plötzlich bitterkalt war", so Mrázek. Denn: 1978 war das Jahr des Jahrhundertwinters, als Deutschland unter einer eisigen Decke versank. Am nächsten Tag kam der Schnee. "Das Straflager sah aus wie ein KZ, nur ohne Krematorium", erinnert sich der 61-Jährige.

Nur mit viel Mühe kann man sich vorstellen, was Falk Mrázek dann durchleben sollte: Schnee schippen in viel zu dünnen Klamotten, bei minus 20 Grad unter freiem Himmel Eisenbahnschwellen hin- und herschleppen, später Schwerstarbeit im Chemiekombinat Bitterfeld. Anfang Juni wurde Mrázek schließlich ins Kaßberg-Gefängnis in Chemnitz überführt.

Es war der 20. Juni 1979, ein Mittwoch, als es plötzlich unruhig wurde hinter den Gefängnismauern. Stimmengewirr, Schlüssel klapperten. "Ich wusste: Da passiert was", sagt Mrázek. Aus heiterem Himmel wird er aus der Haft entlassen. "Ich hatte es geschafft, ich war frei."

Falk Mrázek ist heute 61 Jahre alt. Seinen Traum von der großen weiten Welt und einem Leben ohne Sorgen konnte er sich erfüllen. Er studierte Journalistik in Dortmund und ist dort heute Journalist beim Hörfunk und Fernsehen.

An genau der Stelle beim Brandenburger Tor, an der der damals 17-Jährige verhaftet wurde, steht heute eine Bank. "Zum 30. Jubiläum meiner Festnahme habe ich mich mit meiner Frau genau dort hingesetzt und mit ihr einen Sekt getrunken."

Ein Heft gegen das Vergessen

"Erwachsenwerden hinter Gittern – Als Teenager im DDR-Knast" - das Buch von Falk Mrázek.
"Erwachsenwerden hinter Gittern – Als Teenager im DDR-Knast" - das Buch von Falk Mrázek.  © PR

Falk Mrázeks bewegende Geschichte könnt Ihr in aller Ausführlichkeit hier nachlesen:

"Erwachsenwerden hinter Gittern – Als Teenager im DDR-Knast" ist Band 19 der Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur (224 Seiten, 12 Euro).




Titelfoto: Bildmontage: imago images/Sylvio Dittrich/Falk Mrázek

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