Sachsen: Was experimentiert die Landwirtschaft da eigentlich?

Dresden - Wird das nächste Jahr wieder heiß und trocken? Wird es vielleicht einen langen, strengen Winter geben? Könnten Sachsens Landwirte in die Zukunft schauen, würde das ihren Job wohl sehr erleichtern. Um das Risiko für die Bauern dennoch zu minimieren, führt das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) an fünf Standorten pflanzenbauliche Versuche durch. Wir haben uns beim "Maistag" in Pommritz mal angeschaut, was da gemacht wird.

Zum Feldtag stand der Mais noch saftig grün da. Damit er geerntet werden kann, muss die Pflanze aber einen Trockengehalt von 33 bis 35 Prozent haben.
Zum Feldtag stand der Mais noch saftig grün da. Damit er geerntet werden kann, muss die Pflanze aber einen Trockengehalt von 33 bis 35 Prozent haben.  © Norbert Neumann

"Herzlich willkommen zum ersten Feldtag, den wir in diesem Jahr durchführen dürfen", begrüßt Beatrix Trapp (58), Leiterin des Referats Multifunktionale Versuchsbasis Pflanzenbau im LfULG, an einem kühlen Septembermorgen Landwirte und Vertreter der Züchterhäuser am Maisfeld in Pommritz. Sie alle wollen sehen, wie die Versuchssorten in diesem Jahr gewachsen sind.

Scheinbar gut. Denn hochgewachsen steht der Mais da. "Der letzte Regen hat nochmal viel gebracht", meint Pierre Seibold (57), Leiter der Versuchsstation Pommritz. Dennoch seien der April und Juli zu trocken gewesen. "Das wird sich in den Erträgen zeigen", ist er sicher.

Bereits sichtbar sind hingegen Krankheiten wie der Maisbeulenbrand oder Schäden des Maiszünslers. Der gefährlichste Schädling, der Westliche Maiswurzelbohrer, ist in Pommritz zum Glück noch nicht angekommen. 

Erstmals trat der Käfer 2015 in Sachsen auf. "Man kann ihn nur stoppen, wenn man die Fruchtfolge beachtet und Mais nicht jedes Jahr auf demselben Feld anbaut", warnt Beatrix Trapp die Landwirte.

Sachsen unterteilt sich in drei Boden-Klima-Regionen

So sollte ein erntereifer Maiskolben aussehen. Aber zwei solcher Kolben pro Pflanze wären noch besser.
So sollte ein erntereifer Maiskolben aussehen. Aber zwei solcher Kolben pro Pflanze wären noch besser.  © Norbert Neumann

Insgesamt vier Blöcke mit 64 Maissorten wachsen ordentlich aufgereiht - darunter 41 frühe und mittelfrühe Silo-, also Futtermaissorten, und 23 Körnermaissorten. "Vier Blöcke für vier Wiederholungen. Wenn einer ausfällt, haben wir noch drei, um einen Durchschnittswert bilden zu können", erklärt Beatrix Trapp.

In jedem Block stehen die Sorten zufallsverteilt an anderer Stelle. Dadurch würden zufällige Umwelteinflüsse und Nachbarschaftswirkungen, zum Beispiel hinsichtlich der Lichtverhältnisse, ausgeschlossen. 

Alle Sorten würden zudem gleich behandelt, ob bei der Düngung oder der biologischen Bekämpfung des Maiszünslers mit Schlupfwespen. "Wir versuchen, Landwirtschaft und Naturschutz miteinander zu verzahnen", betont Beatrix Trapp. So werde auch auf chemische Pflanzenschutzmittel verzichtet, wenn es biologische Alternativen gibt.

Jede Sorte wächst immer auf etwa 18 Quadratmetern in vier Reihen. Davor steht jeweils ein Schild mit der Versuchsnummer und dem Namen. Bewertet und geerntet werden immer nur die mittleren zwei Reihen. Dabei werden Noten von 1 bis 9 (beste Ausprägung) für die Größe der Pflanze, der Kolben oder auch die Schadensbilder vergeben. Zur Ernte werden die Pflanzen dann gehäckselt, gewogen, getrocknet, wieder gewogen und im Labor untersucht. "Messen, zählen, wiegen sind die Grundlagen unserer Arbeit", sagt Beatrix Trapp.

Nach drei Versuchsjahren gibt das LfULG schließlich eine Empfehlung für die Sorten aus - von Mais über Getreide bis hin zur Kartoffel. Welche bringt gute Erträge? Welche verträgt Trockenheit am besten? Welche ist weniger anfällig gegenüber Krankheiten und Schädlingen? 

Wichtig dabei: Die Empfehlungen werden immer nur regional ausgesprochen. Denn Sachsen unterteilt sich in drei Boden-Klima-Regionen - den Norden mit sandigen Böden, die Mitte Sachsens mit fruchtbaren Lößböden und die Gebirgslagen, die wegen ihrer frühen Fröste beispielsweise keinen Körnermais anbauen können.

Referatsleiterin Beatrix Trapp (58) erklärt, dass der Mais noch eine relativ junge Kulturpflanze in Europa ist und bisher wenige Pilzkrankheiten und Schädlinge kannte.
Referatsleiterin Beatrix Trapp (58) erklärt, dass der Mais noch eine relativ junge Kulturpflanze in Europa ist und bisher wenige Pilzkrankheiten und Schädlinge kannte.  © Norbert Neumann
Diese Schlupfwespen-Kokons werden von Drohnen abgeworfen.
Diese Schlupfwespen-Kokons werden von Drohnen abgeworfen.  © Norbert Neumann
Der Maisbeulenbrand sieht aus wie ein Krebsgeschwür.
Der Maisbeulenbrand sieht aus wie ein Krebsgeschwür.  © Norbert Neumann

Das Testen hat eine lange Tradition

Stationsleiter Pierre Seibold (57) begutachtet Rapssamen. Insgesamt hat die Versuchsstation Pommritz acht Beschäftigte.
Stationsleiter Pierre Seibold (57) begutachtet Rapssamen. Insgesamt hat die Versuchsstation Pommritz acht Beschäftigte.  © Norbert Neumann

Bereits 1864 wurde in Pommritz eine Versuchsstation betrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg war jedoch Schluss. 

Erst 1991 kehrten die Versuchsfelder hierher zurück. 2019 wurde schließlich auch ein moderner Neubau bezogen. Auf etwa 14 Hektar werden Körner- und Silomais, Winterraps, Getreide, Leguminosen, Kartoffeln, Öllein und Soja zu Versuchszwecken angebaut. 

Außerdem werden weitere 9 Hektar auf dem Versuchsfeld in Baruth von Pommritz bewirtschaftet.

Und auch hierzu laufen Versuche auf Sachsens Feldern

Blühende Grünstreifen an Feldern sind nicht nur wichtig für Insekten. Auch Wildtiere wie der Hase verstecken sich darin.
Blühende Grünstreifen an Feldern sind nicht nur wichtig für Insekten. Auch Wildtiere wie der Hase verstecken sich darin.  © Norbert Neumann

  • Neue Sorten

Neu zugelassene Sorten werden länderübergreifend auf ihre regionale Anbaueignung hin untersucht. Die Ergebnisse von vergleichbaren Standorten werden dabei miteinander verrechnet.

  • Düngung und Pflanzenschutz

Sowohl Dünger als auch Pflanzenschutzmittel sollen umweltverträglicher eingesetzt werden. So wird neben dem effizienteren Einsatz von Mineraldünger auch am Ersatz durch Biogas-Gülle getüftelt. Außerdem laufen beim Winterraps seit 2018 Versuche mit Spezialdüsen, die das chemische Pflanzenschutzmittel nicht mehr auf die Blüten befördern, wo Bienen daran sterben können.

  • Klimawandel

In Baruth wird seit 2007 ein mehrjähriger Versuch mit Gerste, Raps, Roggen, Mais und Kartoffel zur Anpassung an den Klimawandel durchgeführt. Im Fokus stehen die Intensität der Bewirtschaftung und der Einsatz einer Tröpfchenbewässerung - auch unter ökonomischer Betrachtung.

Auch Klee gehört zum Pommritzer Versuchsfeld. Versuchsfeldtechniker Marcus Graf (42) wiegt den Kleeschnitt, ehe er getrocknet und analysiert wird.
Auch Klee gehört zum Pommritzer Versuchsfeld. Versuchsfeldtechniker Marcus Graf (42) wiegt den Kleeschnitt, ehe er getrocknet und analysiert wird.  © Norbert Neumann
  • Ökologischer Landbau

Am Standort Nossen beschäftigt man sich damit, wie der ökologische Landbau auch ohne Pflügen auskommt. Problem: Gepflügter Boden ist in Hanglagen erosionsgefährdet. Ohne Pflügen wächst das Unkraut zu sehr. Deshalb wird mit Kleeschnitt und Weizenstroh als Mulch probiert.

  • Nachwachsende Rohstoffe/Energiepflanzen

In Pommritz laufen Dauerversuche mit Pappel, Weide und Miscanthus als nachwachsende Rohstoffe, aber auch mit neuen möglichen Energiepflanzen. Dabei scheint besonders die Durchwachsene Silphie vielversprechend, auch weil ihre Blütenpracht Bienennahrung liefert.

  • Biodiversität

Um mehr Nahrung für Insekten, aber zum Beispiel auch Schutz für Niederwild zu bieten, testet das LfULG in Pommritz verschiedene Blühmischungen mit regionalem Saatgut. Erste Ergebnisse zeigen, dass sich über mehrere Jahre einzelne dominante Arten durchsetzen.

Titelfoto: Bildmontage: Norbert Neumann

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