Sachsens Erntedankfest geht ein Stück weit an den Bauern vorbei

Zittau - Im Dreiländereck steigt seit Freitag das 23. Sächsische Landeserntedankfest.

Sachsens Blütenkönigin Helena Ohnsorge (22) vertritt auch die Interessen des Obstbaugebietes im benachbarten Sachsen-Anhalt.
Sachsens Blütenkönigin Helena Ohnsorge (22) vertritt auch die Interessen des Obstbaugebietes im benachbarten Sachsen-Anhalt.  © Peter Gercke/dpa

Nach den pandemiebedingten Ausfällen ist das die größte Party, die der Freistaat nach 2019 schmeißt - jeder darf sich eingeladen fühlen.

Die Leute, die im Schweiße ihres Angesichtes die Ernte gerade einholen und denen der Dank gebühren sollte, spielen bei der Sause allerdings eine geringe bis keine Rolle. Der Verdacht des Etikettenschwindels drängt sich auf.

Über 50.000 Leute werden an diesem Wochenende in Zittau erwartet und für alle sei etwas dabei: Vom Rathausplatz bis zu den Fleischbänken gibt es dutzende kulinarische Angebote, auf mehreren Bühnen abwechslungsreiche Volksfestunterhaltung.

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Ein grandioser Festumzug (Sonntag 13 Uhr), die Prämierung der schönsten Erntekrone und als Höhepunkt ein Konzert mit Karat runden das Programm ab.

Doch wer soll eigentlich gefeiert werden? Für Landesbischof Tobias Bilz eine klare Angelegenheit: "Der Dank ist ein zentraler Begriff für das Erntedankfest, weil die Dankbarkeit für uns Christen verbunden ist mit Gottvertrauen und Demut vor seiner Schöpfung."

Verband "Sächsisches Obst" denkt noch nicht ans Feiern

Die Getreideernte fiel dieses Jahr etwas magerer aus, doch es hätte schlimmer kommen können.
Die Getreideernte fiel dieses Jahr etwas magerer aus, doch es hätte schlimmer kommen können.  © IMAGO/Countrypixel

Das Wort Gott taucht im Willkommenstext der Staatsregierung selbstredend nicht auf. Doch nach den Begriffen Landwirte, Bauern oder Erntehelfer sucht man ebenfalls vergebens.

Das liegt sicher auch daran, dass nicht Landwirtschaftsminister Wolfram Günther (Grüne) Schirmherr des Erntefestes ist, sondern Regionalentwicklungsminister Thomas Schmidt (CDU).

Und als Hintergrund für die Party verweist sein Ministerium darauf, dass über die Hälfte der Sachsen im ländlichen Raum wohnt und dieser attraktiver geworden sei: "Das Sächsische Landeserntedankfest soll das Engagement, die Leistungen der Menschen, die hierbei durch sie erbracht wurden, würdigen." Der korrekte Begriff wäre demnach: Landbevölkerungswürdigungsfest.

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So ging auch beim Verband "Sächsisches Obst" keine Einladung zum Fest ein. Dort denkt man ohnehin noch nicht ans Feiern.

Landesgeschäftsführer Udo Jentzsch: "Wir stecken noch mitten in der Ernte, haben alle Hände voll zu tun." Auch der Kartoffelverband hat keinen Stand in Zittau. Geschäftsführerin Anita Weiß: "Wir veranstalten an diesem Wochenende das Sächsische Kartoffelfest auf dem Leipziger Augustusplatz und zeigen dort die Früchte unserer Ernte."

Sachsens Oberbauer findet für Erntebilanz milde Worte

Zittau ist an diesem Wochenende Gastgeber des Landeserntedankfestes - für alle ist etwas dabei.
Zittau ist an diesem Wochenende Gastgeber des Landeserntedankfestes - für alle ist etwas dabei.  © IMAGO/Volker Preuße

"Es wundert mich schon, dass wir auf dem Landeserntedankfest nahezu keine Rolle spielen", meint auch Landesbauernpräsident Torsten Krawczyk. "Das darf man durchaus mal hinterfragen."

Immerhin durfte er etwas zur Dekoration der Feier beitragen - er stellte gestern Abend die beiden neuen Erntehoheiten des Verbandes vor. Dabei durfte dann auch der Landwirtschaftsminister auf die Bühne des Festzeltes.

Zur Frage, ob Sachsens Landwirte zur diesjährigen Ernte aufrichtig "Danke" sagen würden, schickt Tobias Krawczyk erst einmal Bedenkliches voraus. "In Zeiten wie diesen, wo nahezu nichts mehr selbstverständlich ist, sollte man allen Dingen mit Demut begegnen. Das macht zwar nicht glücklich, aber es fällt leichter, dankbar zu sein."

Und auch für die Erntebilanz findet Sachsens Oberbauer milde Worte: "Es ist ein unterdurchschnittliches Jahr. Doch im Sommer sind wir noch von einer Katastrophenernte ausgegangen, da kann man dankbar sein, dass es nicht so weit kam." Auch wenn der Regen im September zu spät einsetzte: "Ich bin dankbar für jeden Tropfen, der zurzeit auf unsere Äcker fällt."

Obstbauern rechnen mit einer um acht Prozent geringeren Apfelernte

Landesbauernpräsident Torsten Krawczyk fordert mehr von der Politik und warnt: "Die nächste Ernte wird die teuerste, die wir je hatten."
Landesbauernpräsident Torsten Krawczyk fordert mehr von der Politik und warnt: "Die nächste Ernte wird die teuerste, die wir je hatten."  © Steffen Füssel

Der Getreideertrag lag in Sachsen trotz der Trockenheit bei 66,3 Dezitonnen je Hektar und damit reichlich drei Prozent unter dem fünfjährigen Mittel. Auch die Qualität - also Korngröße und Hektolitergewicht - fällt magerer aus.

Allerdings gibt es auch erhebliche regionale Unterschiede: An verschiedenen Standorten wie etwa im Vogtland gab es in der Vegetationszeit keine nennenswerten Niederschläge und damit einen Ergebniseinbruch.

So sind es auch die vogtländischen Kartoffelbauern, die eine Halbierung des Ertrages zu beklagen haben. Knollen sind zwar genügend vorhanden, doch sie fallen erheblich kleiner aus als in den Vorjahren. Auch wenn die Ernte noch im Gange ist: Auch überregional wird man sich in diesem Winter an kleinere Erdäpfel gewöhnen müssen.

Die Obstbauern rechnen mit einer acht Prozent geringeren Apfelernte. Grund sind neben der Trockenheit auch Sonnenbrand. Auch wenn die Früchte geschmacklich super, knackig und süß sind - etwa knapp die Hälfte muss aus Qualitätsgründen in die Vermostung.

Bauernpräsident rechnet mit hohen Energiekosten, Düngermangel und gestiegenen Beschaffungspreisen

Bauernminister Wolfram Günther (49, Grüne) spielt beim Erntedankfest nur eine Nebenrolle. Schirmherr ist Kabinettskollege Thomas Schmidt (61, CDU).
Bauernminister Wolfram Günther (49, Grüne) spielt beim Erntedankfest nur eine Nebenrolle. Schirmherr ist Kabinettskollege Thomas Schmidt (61, CDU).  © dpa/ZB

Während man bei den Pflaumen von einer guten Ernte schwärmt, haben die Kirschen unter der Hitze gelitten. Bei der Aronia gab es nahezu einen Totalausfall. Beim Grünfutter sieht es jedoch katastrophal aus, einige Höfe erwägen, vorsorglich den Bestand zu reduzieren.

Sachsens Bauernpräsident sieht derzeit die durch den Klimawandel verursachten Wetterkapriolen gar nicht als die Hauptherausforderung für die Landwirte, sondern die fehlenden Antworten und mangelnden Perspektiven durch die Politik - nicht nur in Sachsen und im Bund, sondern in der EU.

Krawzcyk: "Wenn die endlich was geregelt bekommen, bin ich der Erste, der beim Erntefest 'Danke' sagt."

Angesichts der Energiekosten, des Düngermangels und der gestiegenen Beschaffungspreise ist er sicher: "Die nächste Ernte wird die teuerste, die wir je hatten."

Info: zittau.de

Titelfoto: IMAGO/Countrypixel

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