So kommt Sachsens Erfindergeist auch kleinen Firmen zugute

Dresden - Der Erfindergeist der Sachsen ist sprichwörtlich. Das europäische Hartporzellan, die erste Kleinbildspiegelreflexkamera, die Trommelwaschmaschine und zum Beispiel der Teebeutel wurden hierzulande erfunden. An intelligenten Lösungen arbeiten Forscherinnen und Forscher auch heute. Dank Fördermillionen vom Bund und Industrieller Gemeinschaftsforschung profitieren davon aber nicht nur Institute und Unis, sondern vor allem der heimische Mittelstand. Drei Beispiele und viele Zahlen.

Dr. Ronny Brünler (35) ist einer von Sachsens Erfindern. Er hat ein Verfahren entwickelt, wie Maschinen aus bioverträglichen Kunstofffasern Implantate weben können.
Dr. Ronny Brünler (35) ist einer von Sachsens Erfindern. Er hat ein Verfahren entwickelt, wie Maschinen aus bioverträglichen Kunstofffasern Implantate weben können.  © Amac Garbe

201,1 Mio. Euro gab das Berliner Bundesministerium für Wirtschaft und Energie im Jahr 2020 für die Industrielle Gemeinschaftsforschung (IGF) aus. Allein nach Sachsen flossen davon 30, 7 Mio. Euro.

Damit ist der Freistaat Spitzenreiter in den neuen Ländern und belegt Platz 2 im gesamtdeutschen Ranking hinter Nordrhein‐Westfalen (erhielt 56,4 Mio. Euro).

Die IGF schlägt die Brücke zwischen Grundlagenforschung und Wirtschaft. Unternehmer und Wissenschaftler stehen dabei quasi gemeinsam im Labor. Was sie entdecken, wird als Ergebnis dem gesamten Mittelstand nutzbar und öffentlich gemacht.

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Sachsen Das sind Sachsens wichtigste Verkehrsprojekte der Zukunft

Firmen, die sich selbst keine teuren Forschungsabteilungen leisten können, bekommen so die Chance, mit Innovationen am Markt zu punkten.

"Sachsen steht im Bundesvergleich ausgezeichnet da"

Im Nanocenter Dresden besitzt die Firma ASMEC Büros und Labore. Auch hier werden schlaue Sachen entwickelt.
Im Nanocenter Dresden besitzt die Firma ASMEC Büros und Labore. Auch hier werden schlaue Sachen entwickelt.  © Steffen Füssel

"Diese Kooperation zugunsten aller ist einmalig in der Welt", erklärt Andrea Weißig, Geschäftsführerin Forschungspolitik der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF) "Otto von Guericke".

Die AiF ist ein Netzwerk. Sie bündelt Interessen und schafft Plattformen für den Austausch von Know-how in Deutschland.

Rund 100 industrielle Forschungsvereinigungen, gut 50.000 Firmen und 1200 Institute aus allen Bereichen der Forschungslandschaft arbeiten unter ihrem Dach zusammen.

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Sachsen Nach einem Staats-Deal auf höchster Ebene: Oppach erhält seinen Dorfteich aus Bayern zurück

Weißig resümiert: "Sachsen steht im Bundesvergleich so ausgezeichnet da, weil es besonders aktive Unternehmer und engagierte Forschungseinrichtungen hat."

Und nun folgen drei Beispiele von genau solch aktiven Unternehmern.

Herzklappen aus der Webmaschine

Gewebte Herzklappen made in Dresden: Dr. Ronny Brünler (35, r.) und Philipp Schegner (30) haben vier Jahre getüftelt, um die dafür nötige Textil-Technologie zur Reife zu bringen.
Gewebte Herzklappen made in Dresden: Dr. Ronny Brünler (35, r.) und Philipp Schegner (30) haben vier Jahre getüftelt, um die dafür nötige Textil-Technologie zur Reife zu bringen.  © Amac Garbe

Dr. Ronny Brünler (35) will kranke Herzen heilen helfen. Der Dresdner Ingenieur entwickelte zusammen mit Technikern, Textil-, IT-Experten neuartige textile Herzklappenprothesen.

Die Implantate aus körperverträglichen Kunstfasern können anatomisch angepasst und minimalinvasiv im Herz platziert werden.

"Wir generieren aus Computertomografie-Daten ein 3D-Modell, das in mehreren Schritten so weiterentwickelt wird, dass wir es letztendlich als maschinenlesbaren Code in eine konventionelle Webmaschine übertragen können", erklärt Ronny Brünler das neue Verfahren.

Sein Kollege Philipp Schegner (30) ergänzt: "So können wir maßgeschneiderte, komplexe Geometrien rasch umsetzen."

Bislang benutzt man eher mechanische und biologische Klappen. Die Vorteile der gewebten Prothesen sind enorm in puncto Lebensdauer, Patientenfreundlichkeit, OP-Optionen, Kosten und Qualität.

Brünler: "Mit unserer Textil-Technologie könnten auch Gefäßimplantate für die Aorta oder technische Ventile und Wasserführungssysteme gefertigt werden."

Dieses Herz-Modell zeigt, wie die textilen Herzklappen implantiert werden. Bis zur medizinischen Zulassung der Implantate werden noch mindestens fünf Jahre vergehen.
Dieses Herz-Modell zeigt, wie die textilen Herzklappen implantiert werden. Bis zur medizinischen Zulassung der Implantate werden noch mindestens fünf Jahre vergehen.  © Amac Garbe

Sicherheit leicht gemacht

Die TU-Forscher Norbert Schramm (37, l.) und Tomasz Osiecki zeigen einen Kindersitz mit eingebauter Kopfstütze sowie die Organoblech-Preform mit Trägerplatte.
Die TU-Forscher Norbert Schramm (37, l.) und Tomasz Osiecki zeigen einen Kindersitz mit eingebauter Kopfstütze sowie die Organoblech-Preform mit Trägerplatte.  © TU Chemnitz/Eva Laurie

Norbert Schramm (37) macht das Leben von Müttern und Vätern leichter. Der Ingenieur der TU Chemnitz entwickelte ein sogenanntes "umgeformtes Organoblech" für die Versteifung der Kopfstützen von Auto-Kindersitzen. Seine Entdeckung ist ultraleicht und besitzt doch massig Potenzial.

Der Chemnitzer über seine Erfindung: "Dies sind Fasergewebe, die von einer Kunststoffmatrix umschlossen sind. Sie zeichnen sich durch ihre besondere Steifigkeit, Festigkeit sowie ihr geringes Gewicht aus." Die von ihm kreierte Kopfstütze glänzt zudem durch eine verbesserte Leistung bei Unfällen.

Seine Entdeckung machte Schramm im Rahmen einer internationalen Forschungskooperation mit dem polnischen Kindersitzhersteller Avionaut sowie dem thüringischen Kunststoffunternehmen Polycomb.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Professur für Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung freut sich: "Unsere Organobleche eignen sich auch hervorragend für den Einsatz in Leichtbauanwendungen, etwa im Flugzeug- oder Automobilbau."

Wenn der Lack sich dünne macht...

Dr. Thomas Chudoba (61) an einem Messgerät seiner Firma ASMEC, die 2003 an den Start ging.
Dr. Thomas Chudoba (61) an einem Messgerät seiner Firma ASMEC, die 2003 an den Start ging.  © Steffen Füssel

Dr. Thomas Chudoba (61) kann Schäden sichtbar machen, lange bevor der Lack ab ist. Der Gründer der Dresdner Firma ASMEC Advanced Surface Mechanics hat ein Messgerät erfunden, das ihm die Möglichkeit eröffnet, die Beschaffenheit von Schichten zu bewerten, die nur wenige Nanometer messen.

Zur Veranschaulichung: Der Ingenieur beurteilt mithilfe seiner Messtechnik die Güte und Härte von Oberflächen, die so stark sind wie ein Stück von einem Haar, welches 60.000-mal zersplissen wurde.

"Für unsere Messungen bearbeiten wir das Material mit einer Diamantspitze und analysieren, wie sich der Werkstoff dabei plastisch verformt", erklärt der 61-Jährige.

Nur eine Handvoll Firmen weltweit ist imstande zu leisten, was die ASMEC (sechs Mitarbeiter) kann.

Chudoba: "Unsere Messgeräte werden zum Beispiel in der Halbleiterindustrie eingesetzt." Aber auch die Hersteller von Uhren und Brillen nutzten Chudoba Kompetenzen schon, um Gläser härter und kratzfester zu machen.

Titelfoto: Amac Garbe

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