TAG24-Interview: Kultusminister Piwarz blickt aufs abgelaufene Schuljahr - und auf das nächste

Dresden - 491.100 Schüler in Sachsen haben am vergangenen Freitag ihre Endjahreszeugnisse erhalten. Nach einem chaotischen Schuljahr mit Schulschließungen, Homeschooling und Wechselunterricht beginnen jetzt endlich auch für sie die Ferien. Zum Ende des Schuljahres blickt Kultusminister Christian Piwarz (46, CDU) im Interview mit TAG24-Redakteurin Pia Lucchesi zurück und voraus. Außerdem spricht er über erreichte Grenzen, Lücken, Hoffnungen.

Kultusminister Christian Piwarz (46) im Interview. Der CDU-Politiker ist Vater von drei Kindern und seit Dezember 2017 Sächsischer Staatsminister für Kultus.
Kultusminister Christian Piwarz (46) im Interview. Der CDU-Politiker ist Vater von drei Kindern und seit Dezember 2017 Sächsischer Staatsminister für Kultus.  © Norbert Neumann

TAG24: In einer der jüngsten Pressemitteilungen ihres Ministeriums werden Sie mit dem Satz zitiert: "Die letzten zwei Schuljahre haben uns alle an die Grenzen gebracht." Konkret: Wann haben Sie gespürt, dass Sie Grenzen erreicht haben?

Christian Piwarz: Das war ein permanenter Zustand. Wir haben bis dato Unvorstellbares erlebt - nämlich, dass Schulen im ersten Lockdown flächendeckend geschlossen wurden. Von 100 Prozent Präsenzunterricht musste das Schulsystem auf 100 Prozent häusliche Lernzeit umgestellt werden.

Wir waren permanent am Abwägen - die Interessen der Schüler gegen die Notwendigkeiten des Gesundheitsschutzes. Das bringt einen auf die Dauer physisch und auch seelisch an die Grenzen.

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TAG24: Wie gut ist das sächsische Schulsystem nun auf die 4. Welle der Pandemie vorbereitet?

Piwarz: Wir haben positive wie negative Erfahrungen gesammelt und besitzen jetzt die Möglichkeit, flächendeckend Schüler und Lehrer zu testen. Wir können uns heute also wesentlich robuster wehren, als noch vor einem Jahr. Zudem haben wir mit der fortschreitenden Impfung eine andere Ausgangslage.

"Wir wollen Schulschließungen um jeden Preis vermeiden"

Sachsen setzt auch im Herbst wieder auf das Testen an den Schulen, um das Risiko einer Corona-Ansteckung beherrschbar zu machen.
Sachsen setzt auch im Herbst wieder auf das Testen an den Schulen, um das Risiko einer Corona-Ansteckung beherrschbar zu machen.  © imago images/photothek/Ute Grabowsky

TAG24: Können Sie Schülern, Eltern und Lehrern versprechen, dass es im kommenden Schuljahr keine monatelangen Schulschließungen gibt?

Piwarz: Nein. Es wäre verwegen, das zu tun. Wir wollen Schulschließungen um jeden Preis vermeiden. Es liegt in der Hand eines jeden einzelnen von uns, dass es nicht wieder zu flächendeckenden Schließungen kommt.

TAG24: Welche Schutzmaßnahmen haben sich in der Schule bewährt und werden beibehalten?

AfD bei Zwischenstand in Sachsen klar vorn
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Piwarz: Die wirkungsvollste Schutzmaßnahme ist meiner Ansicht nach das regelmäßige Testen. Aber auch die allgemeinen Schutzmaßnahmen wie Abstandsregelungen und Maskenpflicht haben viel gebracht. Je nach Inzidenz werden wir diese Instrumente gestaffelt einsetzen. Maskenpflicht wird es ab einer Inzidenz von 35 geben. Ab einer Inzidenz von 100 wird es Wechselunterricht geben, um die Abstände einhalten zu können. So banal es klingt, auch das regelmäßige Lüften wird dazu beitragen, dass wir die Pandemie bekämpfen.

TAG24: Sie haben sich gegen eine Impfpflicht für Lehrer und Erzieher ausgesprochen. Werden Sie aber die Pädagogen bitten, sich gegen SARS-CoV-2 zu impfen?

Piwarz: Ja. Ich bin gegen eine Impfpflicht, weil ich glaube, dass das die Akzeptanz nicht stärkt. Ich appelliere an die Verantwortung und die Solidarität der Menschen. Wir Erwachsene tragen dafür Verantwortung, dass Kinder und Schüler ihre Einrichtungen besuchen können - insbesondere die Kinder, die auf absehbare Zeit kein Impfangebot bekommen. Ich erwarte und bitte, dass Pädagogen hier ihrer besonderen Verantwortung gerecht werden. Auch das wird helfen, das kommende Schuljahr mit geöffneten Schulen und Kitas nicht nur anzufangen, sondern auch zu beenden.

Lehrplan soll im kommenden Schuljahr angepasst werden

Weil die Schulen geschlossen hatten, unterrichteten viele Eltern ihre Kinder daheim. Für die Familien stellte die Phase des häuslichen Lernens eine extreme Belastung dar.
Weil die Schulen geschlossen hatten, unterrichteten viele Eltern ihre Kinder daheim. Für die Familien stellte die Phase des häuslichen Lernens eine extreme Belastung dar.  © dpa/Europa Press/Javier Díaz

TAG24: Warum gibt es in diesem Jahr keine flächendeckenden Sommer-Schulangebote zum Nachholen von verpasstem Lernstoff?

Piwarz: Weil wir die Zeit zur Erholung und zum Durchschnaufen brauchen. Wir legen jetzt den Fokus auf das kommende Schuljahr. Das wird mit Lernstandserhebungen beginnen. Dann werden wir Stück für Stück verpassten Lernstoff aufholen. Das kann ein Jahr dauern. Vielleicht auch länger.

TAG24: Sie haben angekündigt, dass es im kommenden Lehrplan-Anpassungen gibt. Planen Sie dabei nur für dieses eine Schuljahr oder schon weiter?

Piwarz: Wir planen nur für das kommende Schuljahr und wollen individuell auf die Rückstände eingehen. Wir warten da auf die Rückmeldungen aus den Schulen. Gegebenenfalls werden wir die Anpassungen auch um ein weiteres Jahr verlängern.

TAG24: Insgesamt 63 Millionen Euro stehen für das kommende Schuljahr für Ganztagsangebote in Schulen bereit. Eine Rekordsumme. Rufen die Schulen das Geld rege ab?

Piwarz: Das wird eine der Herausforderungen sein für das kommende Schuljahr, dafür zu sorgen, dass das Geld auch bei den Schülern ankommt. Da machen wir uns schon ein bisschen Sorgen. Wir sind uns bewusst, dass es vor allem im ländlichen Raum nicht problemlos möglich ist, die Schulen mit den Angeboten zusammenzubringen, die es auf dem freien Markt gibt.

Wir hätten uns in diesem Zusammenhang gewünscht, dass die Bundesmittel länger als bis Jahresende 2022 abrufbar sind. Grundsätzlich haben wir ein großes Interesse daran, dass die Mittel von Land und Bund möglichst rasch abfließen. Ich warne da aber auch vor überzogenen Erwartungen.

Bis zu 1250 neue Lehrer in Sachsen

Maskenpflicht in der Schule wird es im Herbst wieder ab einer Inzidenz von 35 geben.
Maskenpflicht in der Schule wird es im Herbst wieder ab einer Inzidenz von 35 geben.  © DPA

TAG24: Wie steht es außerdem um ihre Bemühungen, neue Lehrkräfte zu engagieren?

Piwarz: Wir befinden uns auf der Zielgeraden der Einstellungsverfahren zum 1.8. für grundständig ausgebildete Lehrer. Wir haben da ein Einstellungskontingent und -ziel von bis zu 1100 Lehrern und werden dieses wohl auch fast erreichen.

Wir spüren, dass die Verbeamtung junge Lehrkräfte lockt. Gleichzeitig müssen wir aber trotzdem um die Bindung jeder Lehrkraft kämpfen. Vor allem für Ostsachsen und das Erzgebirge fällt es uns schwer, Personal zu finden. Im Herbst werden wir dann etwa 150 weitere Seiteneinsteiger als Lehrer einstellen.

TAG24: Mit welchem Gefühl gehen Sie in die Sommerpause?

Piwarz: Mit einem durchaus erschöpften Gefühl. Ich sehne mich nach ein paar Tagen Erholung. Ich bin angespannt mit Blick auf das kommende Jahr. Aber auch durchaus optimistisch, dass wir einen sicheren und damit regulären Schulbetrieb ermöglichen können. Zudem bin ich hoffnungsvoll, dass in der Gesellschaft der Konsens bestehen bleibt: Schulen und Kitas lassen wir offen.

Titelfoto: Montage: Norbert Neumann, dpa

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