Emiliano kam als Vertragsarbeiter und fand in Dresden sein Zuhause

Dresden - Wann schläft der Mann eigentlich? Emiliano Chaimite (53) kommt gerade von seiner Schicht als Krankenpfleger im Städtischen Klinikum Dresden-Neustadt, Standort Friedrichstadt, und sitzt nun bei einer Veranstaltung zu gesellschaftlichen Fragen im Kulturpalast. Nebenher ist der Mosambikaner Vater, Trainer und gefühlt Mitglied in zehn Vereinen der Landeshauptstadt.

Emiliano Chaimite (53) kam 1986 aus Mosambik in die damalige DDR.
Emiliano Chaimite (53) kam 1986 aus Mosambik in die damalige DDR.  © Steffen Füssel

Aber der Reihe nach. "Ich bin durch einen Zufall hergekommen", erzählt der 53-Jährige in perfektem Deutsch (mit sächsischem Einschlag). 

"Es war 1986. Ich befand mich auf der Flucht vor dem Krieg in ihn meiner Heimat Mosambik nach Südafrika. In unserer Hauptstadt Maputo stieß ich auf ein staatliches Angebot, eine Ausbildung in der DDR zu machen." Das passte: Denn bereits zuvor war er als guter Schüler für die Reise ausgewählt worden, durfte aber nicht, weil er zu jung war und die Mutter ablehnte.

Eine Automechaniker-Lehre hatte er bereits angefangen. Nun ging zur Lehre als Gießer nach Magdeburg mit der Pflicht zur Rückkehr nach vier Jahren und einer Option auf zwei Jahre Verlängerung.

"Kurz vor meinem Abschluss kam die Wende. Auf Kurzarbeit folgte Arbeitslosigkeit", berichtet er. Für 3000 D-Mark hätte er zurückgehen können. 

Sein Weg führte Emiliano nach Berlin und Leipzig

Emiliano Chaimite (53) bei seiner Arbeit im Städtischen Klinikum, Standort Friedrichstadt.
Emiliano Chaimite (53) bei seiner Arbeit im Städtischen Klinikum, Standort Friedrichstadt.  © Steffen Füssel

"Aber das wollte ich nicht. Da hätt' ich keine Zukunft gehabt. Ich wollte eine weitere Ausbildung." Über Kletterkumpel kam er 1991 nach Berlin, wo ihn die Post als Zusteller beschäftigte und eine Ausbildung winkte. Doch die Behörden wollten seine Ausreise.

Die Rettung war Sachsen. Unter dem Dach der evangelischen Kirche konnten sich ehemalige Vertragsarbeiter aus Afrika bei der Äußeren Mission in Leipzig sammeln und fortbilden. So wurde er nach dem Vorbild eines Onkels Krankenpfleger in Dresden.

Sein Glück hier: Mit dem neuen Ausbildungsvertrag in der Tasche konnte er nicht mehr zur Ausreise gezwungen werden. Nach Abschluss lockte eine Zukunft in der Schweiz, zugleich winkte der Arbeitsvertrag beim Krankenhaus Friedrichstadt.

Emiliano fühlt sich wohl in Dresden. "Auch wenn sich nicht alles zum Guten gewandt hat." Er wurde bereits Opfer rassistischer Gewalt. Aber weglaufen? "Ich habe mir immer gesagt, wenn ich das tue, was machen dann die Kinder von uns, deren Väter damals zurückgeschickt wurden?!" 

Dabei blieb es nicht: Er vernetzt Ausländervereine, kümmert sich um Migranten und ist SPD-Mitglied. Für die Landesregierung koordiniert er sachsenweit die politische Bildung Geflüchteter.

Vertragsarbeiter in der DDR: Ausbeutung mit System

Vertragsarbeiter aus Vietnam treffen im Jahr 1973 am Ostbahnhof in Ost-Berlin ein.
Vertragsarbeiter aus Vietnam treffen im Jahr 1973 am Ostbahnhof in Ost-Berlin ein.  © dpa/Horst Sturm

DDR-Vertragsarbeiter sind ein wenig aufgearbeitetes Kapitel. Das sozialistische Land hatte Abkommen mit Vietnam, Angola, Nicaragua, China, Mongolei, Jemen, Polen, Ungarn und Mosambik. 

Sie erhielten hierzulande soziale Absicherung, Ausbildung oder Studium, das gesamte System medizinischer Versorgung. Aber bereits bei Unterbringung und Entlohnung wurde aus Solidarität Repression. 

Mosambikaner bekamen zuletzt nur 40 Prozent ihres Monatslohns, um eben jene Sozialleistungen zu bezahlen und zugleich Schulden des afrikanischen Staates bei der DDR zu tilgen. 

Laut Bundeszentrale für politische Bildung stieg die Gesamtzahl der Vertragsarbeiter ständig und lag 1989 bei geschätzt 94.000, etwa 20.000 davon stammten aus Mosambik.

Titelfoto: Steffen Füssel

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