Weißwassers OB Pötzsch ist immer wieder Zielscheibe: "Aufgeben ist keine Option"

Weißwasser - Als Oberbürgermeister von Weißwasser stellt sich Torsten Pötzsch (48) gegen Hass und die Spaltung der Gesellschaft für mehr Lebensqualität in seiner Stadt. Sein unermüdliches Engagement ehrt jetzt die Deutsche Nationalstiftung. Im November wird dem Parteilosen - beispielhaft für die vielen Kommunalpolitiker, die sich Angriffen ausgesetzt sehen - der Deutsche Nationalpreis übergeben. Im Interview mit TAG24-Redakteurin Pia Lucchesi spricht Torsten Pötzsch nun über Prinzipien, seine "Käuflichkeit" und Gerüchte.

Der OB im Gespräch mit Redakteurin Pia Lucchesi.
Der OB im Gespräch mit Redakteurin Pia Lucchesi.  © Steffen Füssel

TAG24: Herr Pötzsch, Sie sind seit zehn Jahren Oberbürgermeister von Weißwasser. Wie oft wollten Sie das Amt schon niederlegen?

Torsten Pötzsch: Es gab solche Momente. Aber ich habe sie nicht gezählt. Aufgeben ist für mich keine Option.

TAG24: 2019 lockerten Unbekannte an ihrem privaten Pkw Radmuttern. Wurde jemals geklärt, wer hinter dem Anschlag auf ihr Leben steckte?

Torsten Pötzsch: Nein. Die Ermittlungen des Staatsschutzes blieben ohne Ergebnis.

TAG24: Sie und Rathaus-Mitarbeiter werden immer wieder mit anonymen Unterstellungen und Anzeigen bei der Kommunalaufsicht konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Torsten Pötzsch: Zuerst ärgere ich mich darüber. Danach gehe ich in die Offensive. Mein oberstes Prinzip heißt Transparenz. Ich habe in Weißwasser das Format 'Gerüchteküche' ins Leben gerufen und stelle mich regelmäßig auf dem Markt den Fragen der Bürger. Im Moment arbeiten wir an einem Erklär-Video-Magazin. Darin wollen wir 'Heiße Kartoffeln' anpacken und Entscheidungen der Stadt den Bürgern nahebringen. Ich bin überzeugt, nur so können wir Missgunst und Neid überwinden und Vertrauen schaffen.

Torsten Pötzschs aktuelle, zweite Amtszeit als Oberbürgermeister endet 2024. In seiner Freizeit ist Pötzsch als Volleyballer und Tennisspieler aktiv. Als "DJ OB" legte er u.a. in Ostritz bei einem Friedensfest Platten auf.
Torsten Pötzschs aktuelle, zweite Amtszeit als Oberbürgermeister endet 2024. In seiner Freizeit ist Pötzsch als Volleyballer und Tennisspieler aktiv. Als "DJ OB" legte er u.a. in Ostritz bei einem Friedensfest Platten auf.  © Steffen Füssel

TAG24: Sie erhalten privat auch Hassbriefe. Lesen Sie die alle?

Torsten Pötzsch: Meine Frau sichtet die Post. Ich bekomme nicht alles zu Gesicht. Manches trifft mich allerdings trotzdem. Unlängst erhielt ich einen Brief mit einem ausgeschnittenen Zeitungsartikel. Es ging um ein Totengedenken. Der Schreiber beschimpfte mich, weil ich seiner Meinung nach, die Stadt auf dem Friedhof unwürdig vertreten hätte durch eine unangemessene Kleiderwahl. Er machte das an der Hose und dem Schal fest, die ich auf der Veranstaltung trug. Als Beweis genügte ihm dafür das abgedruckte Foto. Da fehlten mir kurz die Worte. Ich trug an dem Tag eine graue Stoffhose. Der Schal, der mich wärmte, war ein Geschenk meiner Mutter. Sie war kurz zuvor an Krebs verstorben. Ich hatte liebevoll an sie gedacht, als ich den Schal umgebunden und zum Gedenken gegangen bin.

TAG24: Woher nehmen Sie die Kraft für ihr Amt?

Torsten Pötzsch: Ich bin seit zweieinhalb Jahren endlich Vater. Meine zwei Kinder und meine Partnerin schenken mir Kraft. Ich mache das alles auch für sie. Meine Kinder sollen in einem noch lebens- und liebenswerteren Weißwasser aufwachsen. Mein Ziel als Bürgermeister ist es, den Strukturwandel in der Lausitz mitzugestalten und enkeltaugliche Politik zu machen.

TAG24: Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie zu wenig für die Wirtschaft tun und stattdessen Kultur- und Bildungs-Projekte fördern.

Torsten Pötzsch: Ich engagiere mich sehr wohl für die Wirtschaft, aber ersehnte Großansiedlungen kann ich nicht herbeizaubern. Wir sind eine kleine Stadt, die sich großen Herausforderungen stellen muss. Ich habe mich viele Jahre auf Skeptiker und Pessimisten konzentriert, weil ich sie überzeugen wollte. Dabei habe ich jene vernachlässigt, die etwas tun. Vor gut drei Jahren bin ich dann umgeschwenkt, weil ich gelernt habe, dass nicht jeder überzeugt werden möchte. Ich schärfe nun den Fokus auf Positives und unterstütze jene, die etwas bewegen.

Das Rathaus von Weißwasser. Die Stadt schrumpfte seit dem Mauerfall dramatisch. 1987 zählte die Glas-Stadt 37. 388 Einwohner. 2018 waren es nur noch 16. 130.
Das Rathaus von Weißwasser. Die Stadt schrumpfte seit dem Mauerfall dramatisch. 1987 zählte die Glas-Stadt 37. 388 Einwohner. 2018 waren es nur noch 16. 130.  © Steffen Füssel

TAG24: Die Stadt ist offensichtlich gespalten. Im Rat stellt Ihre Bürgerbewegung die stärkste Kraft dar, die AfD ist stärkste Oppositionspartei. Regiert es sich da leicht als Parteiloser?

Torsten Pötzsch: (lacht) Eher nicht. Aber ich nehme das sportlich und will durch Leistung überzeugen.

TAG24: Sie sind 2004 mit Ihrer Bürgerbewegung als Gegenentwurf zur Kommunalpolitik der Volksparteien angetreten. Warum?

Torsten Pötzsch: Wir denken, dass die Kommunalpolitik von vielen eigenständigen Köpfen gemacht und von Visionen für die Stadt getragen werden sollte. Nicht von Parteiprogrammen. Kommunalwahlen sind vor allem Personenwahlen. Das hat sich bis jetzt bewahrheitet. Übrigens: Mittlerweile sind fast 50 Prozent der Bürgermeister in Deutschland parteilos.

TAG24: Wäre ein Parteibuch manchmal hilfreich?

Torsten Pötzsch: Sicher. Manche Tür würde sich einfacher öffnen. Zum Glück konnte ich mir inzwischen aber eine gewisse Anerkennung erarbeiten.

TAG24: Wie oft hat man Ihnen schon die Mitgliedschaft in einer etablierten Partei angeboten?

Torsten Pötzsch: Mehrmals. Mir wurde sogar schon mal ein Antrag vorgelegt. Ich habe dann jedoch immer gesagt: 'Ich bin nicht käuflich.' Und scherzhaft: 'Ab 100 Millionen Euro für die Stadtkasse fange ich an zu überlegen.'

TAG24: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie hörten, dass sie den Nationalpreis erhalten sollen.

Torsten Pötzsch: Zuerst dachte ich, das Schreiben der Stiftung wäre ein Fake. Nachdem wir das geklärt hatten, habe ich mir ein paar Tage Bedenkzeit erbeten. So ein Preis macht einen ja noch mehr zur Zielscheibe für Angriffe.

TAG24: Wie fühlt sich das jetzt an - Nationalpreisträger 2020 zu sein?

Torsten Pötzsch: Gut. Ich betone aber: Ich nehme den Preis stellvertretend für alle Kommunalpolitiker entgegen, die sich vermehrt verbalen und körperlichen Angriffen ausgesetzt sehen. In den vergangenen Wochen erreichten mich viele Glückwünsche, anerkennende Briefe und Worte aus allen Teilen der Republik. Das spendet mir Kraft und motiviert mich.

TAG24: Der Preis ist mit 30. 000 Euro dotiert. Wissen Sie schon, was Sie mit dem Geld machen werden?

Torsten Pötzsch: (lacht) Natürlich einen Sportwagen kaufen. Im Ernst: Ich weiß es noch nicht. Aber bis Herbst habe ich ja noch etwas Zeit.​ Das Preisgeld wird aber definitiv der Stadt zugutekommen.

Titelfoto: Steffen Füssel

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