Heftige Unwetter in Deutschland: Fast 160 Tote - Das Bangen ist noch nicht vorbei

Euskirchen/Passau - Während im Westen Deutschlands vorerst keine akute Unwetter-Gefahr mehr besteht, richten sich weiterhin bange Blicke auf einige Orte.

Wassermassen vor einem Haus im bayrischen Bischofswiesen. Der Landkreis Berchtesgadener Land rief nach starkem Regen wegen Hochwassers am Wochenende den Katastrophenfall aus.
Wassermassen vor einem Haus im bayrischen Bischofswiesen. Der Landkreis Berchtesgadener Land rief nach starkem Regen wegen Hochwassers am Wochenende den Katastrophenfall aus.  © Kilian Pfeiffer/dp

Bundesinnenminister Horst Seehofer (72, CSU) besucht an diesem Montag die von der Flutkatastrophe und großen Zerstörungen besonders betroffenen Gebiete in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.

So wird er etwa an der Steinbachtalsperre in Euskirchen erwartet, wo ein Dammbruch zuletzt weiterhin nicht ausgeschlossen war

In Bayern blieb derweil die Hochwasserlage im Süden und Osten des Bundeslandes angespannt, spitzte sich aber in der Nacht nicht weiter zu. In Passau stiegen die Pegel noch bis in die Nacht, verharrten dann aber auf hohem Niveau.

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Beruhigend immerhin: In der Nacht zum Montag waren keine Unwetterwarnungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) mehr in Kraft. Die Meteorologen sagten für die Nacht abklingende Regenfälle an den Alpen voraus.

Zwar seien tagsüber in Bayern vereinzelte Gewitter nicht ausgeschlossen. Insgesamt stehe Deutschland in den nächsten Tagen mit recht trockener Luft jedoch ein relativ ruhiger Witterungsabschnitt bevor.

Zahl der Todesopfer steigt auf fast 160

Schutt und Schlamm durchfluteten die Straßen in Bad Neuenahr-Ahrweiler.
Schutt und Schlamm durchfluteten die Straßen in Bad Neuenahr-Ahrweiler.  © Philipp von Ditfurth/dpa

Die Zahl der bestätigten Todesopfer wegen der verheerenden Überflutungen in Deutschland war am Wochenende auf fast 160 gestiegen.

Im Kreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz sind nach Polizeiangaben 110 Todesopfer zu beklagen, während die Zahl in Nordrhein-Westfalen auf 46 gestiegen war.

Zudem kam mindestens ein Mensch in Oberbayern ums Leben. Es ist die schwerste Hochwasserkatastrophe in Deutschland seit Jahrzehnten.

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Vor allem im Westen Deutschlands hatte es Mitte der Woche ungewöhnlich heftig geregnet. Viele Häuser, Straßen und Brücken liegen in Trümmern.

In Erftstadt-Blessem besteht nach Einschätzung von Experten in der Nähe einer Abbruchkante weiterhin akute Lebensgefahr, wie Landrat Frank Rock nach einem Gespräch mit den Fachleuten vor Ort am Sonntag mitgeteilt hatte.

Die Stabilität des Untergrunds nach der Unwetterkatastrophe in dem besonders betroffenen Stadtteil müsse weiterhin überprüft werden

In Blessem war durch die Fluten ein riesiger Krater entstanden, mindestens drei Wohnhäuser und ein Teil der historischen Burg stürzten ein.

Die Fluten rissen einen riesigen Krater in Erftstadt-Blessem.
Die Fluten rissen einen riesigen Krater in Erftstadt-Blessem.  © David Young/dpa

Bundesinnenminister Seehofer will sich vor Ort umsehen

Im bayrischen Passau stieg die Donau bis kurz unter der höchsten Hochwasserwarnstufe.
Im bayrischen Passau stieg die Donau bis kurz unter der höchsten Hochwasserwarnstufe.  © Peter Kneffel/dpa

In Passau ganz im Südosten Deutschlands stieg in der Nacht zum Montag der Wasserstand der Donau nur noch gering und verharrte dann unter der Marke von 8,50 Meter, ab der die höchste Hochwasserwarnstufe gilt.

Uferpromenade und Parkplätze waren bereits überflutet, Bewohner schützten Häuser mit Sandsäcken und Barrieren. Im Berchtesgadener Land in Oberbayern hatte die Wucht des Wassers bereits am Wochenende mit voller Kraft zugeschlagen, weil der Fluss Ache über die Ufer trat.

Mehr als 160 Menschen mussten in der Urlaubsregion rund um den Königssee aus ihren Häusern in Sicherheit gebracht werden, wie eine Sprecherin des Landratsamtes am Sonntagabend erklärte.

Im Westen Deutschlands will sich Seehofer vor Ort ein Bild von der Arbeit des Technischen Hilfswerks (THW) machen. Es ist dem Bundesinnenministerium unterstellt.

Die Organisation hat den Angaben zufolge 2500 Helferinnen und Helfer in den Hochwassergebieten im Einsatz, um Menschen in Sicherheit zu bringen, Keller abzupumpen, die Stromversorgung sicherzustellen und um Schuttberge abzutragen.

Politiker wie Merkel, Scholz oder Steinmeier reisten bereits in Katastrophengebiete

Bundeskanzlerin Angela Merkel (67, 2.v.r.) und Malu Dreyer (60, 1.v.r, SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, bei ihrem Besuch im hochwassergeschädigten Dorf Schuld bei Bad Neuenahr-Ahrweiler am Sonntag.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (67, 2.v.r.) und Malu Dreyer (60, 1.v.r, SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, bei ihrem Besuch im hochwassergeschädigten Dorf Schuld bei Bad Neuenahr-Ahrweiler am Sonntag.  © Christof Stache/Pool AFP/dpa

Am späten Vormittag wird Seehofer an der Steinbachtalsperre in Euskirchen (Nordrhein-Westfalen) erwartet. Dort hatte es einen Rückschlag gegeben, weil das Wasser langsamer als erwartet abfloss.

An diesem Montagmorgen wollen Fachleute entscheiden, wann die Menschen in den evakuierten Gebieten in ihre Häuser zurückkehren dürfen. Gerüchte über den Bruch des Damms dementierte die Feuerwehr Euskirchen am Sonntagabend.

Gegen Mittag will Seehofer nach Bad Neuenahr-Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) fahren, um ein Krankenhaus zu besuchen.

Dort hat das THW eine Trinkwasseraufbereitungsanlage installiert, damit das Krankenhaus weiterhin das nötige Trinkwasser bekommt. Dies war nötig geworden, nachdem die Wassermassen die Leitungen im Umfeld der Klinik beschädigt hatten.

Nach Bundeskanzlerin Angela Merkel (67, CDU), Bundesfinanzminister Olaf Scholz (63, SPD) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (65) ist Seehofer ein weiterer Bundespolitiker, der in das Katastrophengebiet reist, um den Menschen dort seine Unterstützung zuzusichern.

Altmaier fordert Aufklärung: Hat der Katastrophenschutz funktioniert?

Bad Neuenahr-Ahrweiler in Rheinland-Pfalz nach den heftigen Unwettern.
Bad Neuenahr-Ahrweiler in Rheinland-Pfalz nach den heftigen Unwettern.  © Thomas Frey/dpa

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (63) forderte unterdessen eine Aufklärung, ob der Katastrophenschutz ausreichend funktioniert hat.

"Es muss, sobald wir die unmittelbare Hilfe geleistet haben, auch geschaut werden: Gibt es Dinge, die nicht gut gelaufen sind, gibt es Dinge, die schiefgelaufen sind? Und dann muss korrigiert werden", sagte der CDU-Politiker am Sonntag im "Bild live"-Politiktalk "Die richtigen Fragen". "Es geht nicht um Schuldzuweisungen, es geht um Verbesserungen für die Zukunft."

Der Leiter des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Armin Schuster, verteidigte den Katastrophenschutz gegen Kritik.

"Unsere Warninfrastruktur hat geklappt im Bund", sagte Schuster am Sonntagabend im "heute journal" des ZDF. "Der Deutsche Wetterdienst hat relativ gut gewarnt."

Das Problem sei, dass man oft eine halbe Stunde vorher noch nicht sagen könne, welchen Ort es mit welcher Regenmenge treffen werde.

Über Warn-Apps seien 150 Warnmeldungen verschickt worden. Wo die Menschen in den Hochwassergebieten durch Sirenen gewarnt worden seien und wo nicht, könne er im Moment nicht sagen.

Lauterbach kritisiert: Beim Katastrophenschutz schlecht vorbereitet

Die Bundesstraße 20 wurde kurz vor der Ortschaft Berchtesgaden in Bayern zur Hälfte von der Ramsauer Ache weggerissen.
Die Bundesstraße 20 wurde kurz vor der Ortschaft Berchtesgaden in Bayern zur Hälfte von der Ramsauer Ache weggerissen.  © Peter Kneffel/dpa

Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (68, CDU) sagte in der Sendung, man werde darüber nachzudenken haben, wie man Warnsysteme verbessern könne und wie man jene erreichen könne, die keine App hätten.

Auch bei der Koordination der Katastrophenhilfe sei "wahrscheinlich noch einiges zu tun". Der Minister lehnte aber eine Zentralisierung des Katastrophenschutzes in Berlin ab.

FDP-Fraktionsvize Michael Theurer (54) sieht hingegen schwere Versäumnisse beim Bevölkerungsschutz. "Die rechtzeitigen Warnungen der Meteorologen sind weder von den Behörden noch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk hinreichend an die Bürgerinnen und Bürger kommuniziert worden", sagte Theurer der Deutschen Presse-Agentur.

"Es bietet sich das Bild eines erheblichen Systemversagens, für das der Bundesinnenminister Seehofer unmittelbar die persönliche Verantwortung trägt."

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (58) befand: "Beim Katastrophenschutz sind wir genauso schlecht vorbereitet wie beim Pandemie-Schutz."

Der "Rheinischen Post" sagte Lauterbach: "Wir müssen uns jetzt darauf einstellen und vorbereiten, dass es in Zukunft mehr Naturkatastrophen geben wird und auch regelmäßig Pandemien. Die Infrastruktur dafür muss geschaffen und ausgebaut werden, der Katastrophenschutz hat hier eine zentrale Bedeutung."

Titelfoto: Bildmontage: Philipp von Ditfurth/dpa, David Young/dpa, Peter Kneffel/dpa

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