"Monumentales" Versagen bei Flut-Katastrophe! So schwer sind die Vorwürfe gegen die Behörden

Mainz/Düsseldorf - Hätte die verheerende Flutkatastrophe mit mehr als 160 Toten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verhindert werden können? Wurde zuvor laut und eindringlich genug gewarnt? Darüber ist noch mitten während der Such- und Aufräumarbeiten eine Debatte entbrannt.

Wo das Wasser wütete, blieb ein Bild der Zerstörung zurück wie hier in Altenahr.
Wo das Wasser wütete, blieb ein Bild der Zerstörung zurück wie hier in Altenahr.  © Boris Roessler/dpa

Die Katastrophe kam mit Ansage. Bereits am Sonntag tauchte in den Berechnungen der Meteorologen ein Tiefdruckgebiet auf, das ab Mitte der Woche dem Westen Deutschlands extreme Regenmengen bringen könnte.

Je nach Wettermodell wurde berechnet, dass am Mittwoch 140 Liter und sogar über 200 Liter innerhalb weniger Stunden pro Quadratmeter fallen könnten, berichtet Kachelmannwetter in einer Chronologie der Ereignisse.

Auch das Europäische Hochwasser-Frühwarnsystem (EFAS), das genau für solche Fälle aufgebaut wurde, schlug an. Ab dem 10. Juli seien die ersten Warnungen an die zuständigen Behörden in Deutschland und Belgien geschickt worden, heißt es dazu in einer Mitteilung des dafür zuständigen Copernicus-Dienstes für Katastrophen -und Krisenmanagement (CopernicusEMS).

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Bis zum 14. Juli habe es mehr als 25 Warnungen für bestimmte Regionen der Einzugsgebiete von Rhein und Maas gegeben.

Bei der Bevölkerung kamen sie aber meist nicht an oder wurden nicht für voll genommen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnte bereits am Montag vor extremen Regenfällen.

Deutscher Wetterdienst zeigt gefallene Regenmengen auf Karten

Haben Behörden und Medien versagt?

Rheinland-Pfalz, Altenahr: Meterhoch türmen sich Wohnwagen, Gastanks, Bäume und Schrott an einer Brücke über die Ahr (Luftaufnahme mit einer Drohne).
Rheinland-Pfalz, Altenahr: Meterhoch türmen sich Wohnwagen, Gastanks, Bäume und Schrott an einer Brücke über die Ahr (Luftaufnahme mit einer Drohne).  © Boris Roessler/dpa

Hannah Cloke von der Universität Reading in Großbritannien wirft den Behörden in der Sunday Times ein "monumentales Systemversagen" mit tödlichen Folgen vor.

Viele Menschen wurden von den Fluten überrascht, Dutzende starben. Die Forscherin hat EFAS nach den Überschwemmungen an Elbe und Donau im Jahr 2002 mit aufgebaut.

Die Vorhersagen funktionierten. "Schon mehrere Tage vorher konnte man sehen, was bevorsteht", sagte Cloke zu ZDFheute. Danach seien alle notwendigen Warnmeldungen der Wetterdienst rausgegangen. "Doch irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, sodass die Meldungen nicht bei den Menschen angekommen sind."

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Wieso? Meteorologe Jörg Kachelmann (63) kritisierte am Sonntag in der Sache die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien. Sie hätten die Menschen nicht rechtzeitig genug informiert. Und während sich die Lage in NRW zuspitze, versagte der WDR und sendete sein Standardprogramm.

Ähnlich verhielt sich der BR am Wochenende, als der Alpenraum durch Fluten heimgesucht wurde.

Wie gut ist der Katastrophenschutz aufgestellt?

Das Aufräumen wie hier auf der B265 bei Erftstadt Liblar geht voran.
Das Aufräumen wie hier auf der B265 bei Erftstadt Liblar geht voran.  © David Young/dpa

Ebenso wie die öffentlich-rechtlichen Medien muss sich der deutsche Katastrophenschutz unbequemen Fragen stellen.

Erst im vergangenen Jahr offenbarte der bundesweite Warntag peinliche Schwächen. Wurde daraus gelernt? Hätte das Ausmaß der jetzigen Katastrophe verringert werden können?

Der Fall weist gewisse Parallelen zur Corona-Pandemie auf. Bereits 2012 erstellte das Robert Koch-Instituts (RKI) für die Bundesregierung eine Risikoanalyse für eine Viruspandemie.

Schwachstellen wurden aufgezeigt, doch nicht beseitigt: Mit Ausbruch des Coronavirus im Frühjahr 2020 kam es zum Mangel an Desinfektionsmittel, Schutzausrüstung und Medikamenten.

Es scheint, als ob sich die Behörden in Deutschland zwar mit Gefahren befassen, sich aber nur unzureichend darauf vorbereiten – mit den nun zu sehenden fatalen Konsequenzen.

Update, 18.41 Uhr: Bundesregierung offenbart Ahnungslosigkeit

Bei der Bundespressekonferenz am Montag offenbarten die Sprecherinnen und Sprecher der Ministerien pure Ahnungslosigkeit bei wichtigen Nachfragen zum Bevölkerungsschutz.

Weder konnte beantwortet werden, wie viele Sirenen im Land funktionstüchtig sind, noch wann die Warnung per EFAS einging.

Titelfoto: Boris Roessler/dpa

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