TAG24 Interview: Rente mit 40! Florian Wagner hat seinen Job gekündigt und macht nur noch, worauf er Lust hat

Stuttgart - Florian Wagner ist 32 Jahre alt und kann die nächsten sieben Jahre von seinem Ersparten leben. Wie er das geschafft hat und was wir tun können, um finanziell freier zu werden, hat er im TAG24-Interview erzählt.

Florian Wagner malt einen Budgetkuchen auf eine Flipchart.
Florian Wagner malt einen Budgetkuchen auf eine Flipchart.

TAG24: Rente! Das klingt nach einem Ziel in weiter Ferne. Sie haben Ihren Job bereits mit 31 gekündigt. Wie kam es dazu?

Nach dem Abitur habe ich einen klassischen Lebensweg als Akademiker beschritten, Wirtschaftsingenieurswesen studiert, wurde Projektleiter bei Mahle, war toll, habe viel gelernt. Nur gegen Ende hat es mich nicht mehr zufrieden gemacht.

Ich habe nach dem Studium Geld verdient und mit jeder Gehaltserhöhung automatisch mehr ausgegeben. Doch dann bin ich auf den Blog Mrmoneymustache gekommen. Da laß ich von Leuten, die mit einem Job, also ohne Erbschaft oder Lotteriegewinn, mit 30 oder 40 nicht mehr auf ein Arbeitseinkommen angewiesen waren. Gleichzeitig lebten sie bereits heute sehr zufrieden ohne Einschränkung. Das hat mich so begeistert, dass ich meinen eigenen Weg "zur Rente" auf Geldschnurrbart.de dokumentieren wollte, wo ich ebenfalls meine gesamten Ein- und Ausgaben offenlegte.

Ich sparte irgendwann 60 Prozent meines Ingenieursgehalts. Nach vier Jahren hatte ich einen Puffer angespart und investiert, der mir meine Lebenshaltungskosten für sieben Jahren sichern könnte. Als mir mein Job gegen Ende keine Freude mehr bereitete, kündigte ich mit dem Puffer als Sicherheit den Job und überlegte mir in Ruhe, was ich stattdessen machen möchte.

Was sind Frugalisten?

Das Buch "Rente mit 40" von Florian Wagner.
Das Buch "Rente mit 40" von Florian Wagner.  © TAG24

TAG24: Das klingt nach viel Sparen und Verzicht. Was genau sind denn Frugalisten?

Frugalismus bedeutet bestmöglich mit seinen Ressourcen umgehen. Es geht nicht um Verzicht. Es geht darum, geschickt mit seinem Geld umzugehen um sein Geld so einzusetzen, dass es möglichst viel für unser Lebensglück beiträgt. Oft geben wir Geld für Dinge aus, die uns langfristig gar nicht glücklich machen.

Lebensfreude ist meine oberste Priorität. Viele haben keinen Überblick über ihre Finanzen. Damit haben sie auch keine Möglichkeit, bewusst zu entscheiden, wofür sie ihr Geld einsetzen.

Frugalisten sparen einen Großteil ihres Geldes und legen es gewinnbringend in Aktien, Fonds und Immobilien an.

TAG24: In ihrem Buch sprechen sie vom Kosten-Freude-Verhältnis. Was verstehen Sie darunter?

Wie viel Freude bekomme ich für mein eingesetztes Geld. Die meiste Freude, die wir uns einkaufen sind kurzfristige Freuden, die sogar langfristig schädlich sind, wie beispielsweise eine Pizza nach einem stressigen Tag. Schlechte Ernährung tut uns langfristig nicht gut. Langfristig glücklich machen uns soziale Beziehungen und die lassen sich nicht mit Geld kaufen.

Außerdem hilft es uns, wenn wir wissen, wie hoch unser tatsächlicher Stundenlohn ist und wir können uns dann überlegen, ob es uns wert ist für eine 200 Euro-Jeans beispielsweise 10 Stunden zu arbeiten, also Lebenszeit einzutauschen.

Vorteile für Geringverdiener

Der Autor weiß genau über seine Finanzen Bescheid.
Der Autor weiß genau über seine Finanzen Bescheid.  © TAG24

TAG24: Sie sind Akademiker, hatten ein gutes Gehalt, doch was können Geringverdiener tun und wo sehen sie Vorteile?

Rente mit 40 ist für Menschen mit überdurchschnittlichem Gehalt viel realistischer als sie denken. Für jemanden mit Mindestlohn ist eine Rente mit 40 nicht realistisch, aber auch sie profitieren davon, ihr Geld möglichst bewusst auszugeben und zu lernen, wie man investiert.

Das Ziel ist hier vielleicht keine vorzeitige Rente, aber vielleicht die Tatsache, dass Geldsorgen weniger werden und durch einen Puffer auf dem Konto die schlaflosen Nächte bei anstehenden Reparaturen weniger werden. Kleine Änderungen bei einem geringen Gehalt haben einen größeren Effekt, denn bereits 100 Euro sind 10 Prozent von 1000 Euro.

TAG24: Was können wir konkret tun?

Der Trick, der mir selbst am meisten geholfen hat, ist ganz einfach: einen Überblick über unsere Ausgaben bekommen. Das geht am besten mit einer Tabelle, wo alle Posten notiert werden, zum Beispiel Miete, Haushaltskosten, Essen, Freizeit. Das geht ganz einfach ohne aufwendiges Haushaltsbuch. Entweder auf Papier oder digital als Finanzexcel, hat es einen großen Effekt, wenn man sich die eigenen Ausgaben einmal im Monat vor Augen führt. Nur wer darüber Bescheid weiß, kann auch aktiv Änderungen in seinem Verhalten bewirken, wenn er nicht zufrieden ist.

Geld investieren kann jeder lernen

Florian Wagner hält sein Buch "Rente mit 40" in den Händen.
Florian Wagner hält sein Buch "Rente mit 40" in den Händen.  © TAG24

TAG24: Jetzt hat der Sparer etwas Geld beiseite gelegt und bringt das Geld auf die Bank, wo es sicher scheint. Warum ist das ein großer Fehler?

90 Prozent der Deutschen machen das. Die meisten haben Angst ihr Geld zu verlieren und lassen es daher vermeintlich sicher auf dem Sparbuch. Doch was viele nicht wissen, damit verliere ich sicher zwei bis drei Prozent pro Jahr durch die Inflation. Ich kann mir jedes Jahr weniger für das gleiche Geld kaufen. In 20 Jahren haben 100.000 Euro durch die Inflation von zwei Prozent noch eine Kaufkraft von 66.991 Euro.

Ich würde jedem empfehlen sich mit seinen Finanzen auseinanderzusetzen. Viele denken, es wäre kompliziert und man muss sich auskennen, doch das ist gar nicht so schwierig, was ich im eBook "Deine Finanzen in 7 Tagen" Schritt für Schritt auch für Anfänger erkläre.

Man kann sich an einem verregneten Samstag alle Grundlagen aneignen. Das beste ist, darauf zu vertrauen, dass die Weltwirtschaft wächst und in einen solchen Welt-ETF (engl. exchange-traded fund), also einen Investmentfonds, der die Weltwirtschaft abbildet, zu investieren.

Damit habe ich in den letzten Jahren sieben Prozent Rendite erzielt. Ich muss mich nicht mit Kursen oder ähnlichem auseinandersetzen. Das Geld kann langfristig dort liegen bleiben. Kursschwankungen gleichen sich über eine lange Zeitspanne wieder aus. Wer bei einem Börsencrash, wie der Finanzkrise 2008 ruhig geblieben ist und nicht panisch verkaufte, wurde im Anschluss mit ansehnlichen Renditen belohnt.

TAG24: Vor 1,5 Jahren haben Sie gekündigt. Was war Ihr Ziel und haben sie es erreicht?

Ich war nicht finanziell frei oder in Rente. Ich hatte einen Puffer für sieben Jahre und konnte mir in Ruhe überlegen, was ich mache. Ich wollte meinen Tag mit etwas verbringen, was mir Spaß macht und jetzt bin ich selbstständig und berate Firmen, wie ihre Webseite bei Google nach vorne kommt. Damit habe ich mein Ziel eines unabhängigeren Lebens schon deutlich vorangebracht, ich bin wieder zufrieden, wie ich meinen Tag gestalte.

TAG24: Rente, also nicht mehr arbeiten ist nicht Ziel des Frugalismus, worum geht es dann?

Wir Menschen sind nicht glücklich, wenn wir den ganzen Tag nichts zu tun haben. Ich glaube, wir sind glücklich, wenn wir aktiv, in der Natur sind oder etwas Sinnvolles tun. Alle, die ich kenne, arbeiten in der finanziellen Unabhängigkeit mehr als zuvor - es fühlt sich jedoch nicht nach Arbeit an. Einer räumt eine Stadt in Rumänien auf, andere arbeiten in sozialen Initiativen oder Ähnlichem. Frugalismus und mehr finanzielle Unabhängigkeit bietet uns die Freiheit unser Leben individuell freier zu gestalten und es zum bestmöglichen Leben zu machen, das wir uns vorstellen können.

Zum Buch: "Rente mit 40 - Finanzielle Freiheit und Glück durch Frugalismus" erschienen im Ullistein Buchverlag unter ISBN 978-3-430-21017-1 ist für 14,99 Euro erhältlich. Das Buch belegt den fünften Platz der Bestsellerliste des Manager Magazins.

Titelfoto: TAG24

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