Im Restaurant mit Kindern: Nerven-Krieg für Fortgeschrittene

Das Einzige, was in meinem Leben wirklich zuverlässig klappt, ist Söhne machen. Vier Anläufe, vier Jungs: Albert ist zehn, Leo und Jack sind vier, der Kleinste, mein Bebo, ist ein Jahr. Schiedlich friedlich zu gleichen Teilen auf zwei Mütter verteilt. In meinen kühnen Fantasien bin ich ein Bilderbuchpapa, meine pädagogische Kompetenz gleicht aber eher einem Wimmelbild. So kommt es immer wieder zum wilden Tanz zwischen meinen Jungs, meiner Vaterliebe und meinem Nervenkostüm: Eine wahre Vaterpolka (bei Facebook folgen).

Gesundes Essen im Restaurant? Hauptsache, es schmeckt und wird gegessen.
Gesundes Essen im Restaurant? Hauptsache, es schmeckt und wird gegessen.  © 123RF

Dresden - Wir sind in einem Restaurant. Wir, das sind die Mütter, vier Jungs und ich. Einst war ich mit den Müttern auch in Restaurants – also einzeln und mit jeder zu ihrer Zeit. Damals haben wir da gesessen, geplaudert, gegessen und verliebte Blicke getauscht. Das hat mit der heutigen Situation so viel zu tun wie Sushi mit Hackepeter. Beides ist roh, aber man muss es lieben, um es gut zu finden. So wie seine Kinder.

Wir haben extra dieses Restaurant mit einer Spielecke ausgesucht, damit wir ein wenig Ruhe beim Essen haben. Ich organisiere einen Babysitz für Bebo. Leider ist der diesmal kein klassischer Hochstuhl, sondern ein mir fremdes Konstrukt, ein Aufsatz, der auf einen normalen Stuhl gebastelt werden muss.

Ich zerre zunehmend ungeduldig eine Weile an dem Ding rum. Dann springt mir die Mama bei, befestigt das Teil mit ein paar Handgriffen und bestätigt mir damit ein weiteres Mal, die handwerkliche Erziehung meiner Jungs sollte ich besser ihr überlassen.

Kinderspeisekarten setzen sich immer aus Abenteuer-Figuren zusammen: Lucky-Luke- (Schnitzel mit Pommes), Käpt’n Blaubär- (Fischstäbchen mit Kartoffelbrei), Pippi-Langstrumpf- (Nuggets mit Pommes) und Pinocchio-Teller (Nudeln mit einer roten Soße). Während die Filmfiguren variieren, tun es die Essen nie. Vielleicht gehen wir auch einfach in die falschen Restaurants, um die Kinder gesund zu ernähren. Aber warum sollten wir ausgerechnet dort damit anfangen?

Kinderessen-Klassiker: Pommes mit irgendwas Paniertem.
Kinderessen-Klassiker: Pommes mit irgendwas Paniertem.  © 123RF

Albert nimmt die Nudeln. Kinderportion. "Reicht dir das wirklich?" "Wenn nicht, bestell ich noch einen Teller." "Nein, tust du nicht, wir drucken das Geld ja nicht selber", antworte ich mal wieder mit einem Satz, von dem ich noch vor wenigen Jahren überzeugt war, ihn niemals auszusprechen.

Leo möchte Eis, Jack Wiener Würstchen. Ersteres kann ich immerhin als Nachtisch in Aussicht stellen, doch Wiener Würstchen gibt die Speisekarte nicht her.

Daraufhin wollen beide nichts essen. Was keine Option ist. Ich erzähle was von groß und stark werden und Muskeln bekommen. Das Muskelargument zieht bei Jack. Leo will lieber, dass sein Kopf schneller wächst, er hätte gern so einen "großen Kopp" wie Jack und dafür müsse man auch viel essen.

Ich widerspreche ihm nicht. Er bestellt Fischstäbchen mit Kartoffelbrei. Jack nimmt die Nuggets mit Pommes. Beides mit Mayo und Ketchup.

Dann springen sie auf und entschwinden in der Kinderecke. Durchatmen. Denkste. Bebo hat im für ihn greifbaren Radius alles vom Tisch geholt. Überlege kurz, mich blind zu stellen, bis sich eine der Mütter unter den Tisch bewegt. Lasse dann aber den Rest Gentleman in mir siegen, knie mich hin und hebe das Zeug wieder auf: Einen Salzstreuer, eine Gabel, ein Kunstblumengesteck, zwei Servietten, drei Stück Würfelzucker.

Zur Zeitüberbrückung bekommt er Spielzeug auf den Tisch gestellt. Er schnappt sich die Teile, ein Auto, eine Art Rassel, einen Plastikball, in dessen Inneren es klappert, nimmt sie kurz in den Mund und schmeißt sie runter. Dabei grinst er mich an. Ich lasse mich nicht provozieren. Das Zeug bleibt jetzt liegen. Hat er sich selbst eingebrockt, wenn er jetzt nichts mehr zum Spielen hat.

Leo und Jack malen unterdessen. Klingt besser, als es ist. Denn sie tun es an Wänden und Fenstern in der Spielecke. Ich springe auf und ermahne sie mit der strengsten mir zur Verfügung stehenden Vaterstimme. Sie fordern eine Begründung für das Verbot.

Es droht eine Warum-Fragen-Orgie. Ich belasse es bei: Farbe gehört nur auf Papier, gehe zu meinem Platz zurück und hören unter meinem Schuh ein hässlich knirschendes Geräusch. Da ist - nein, das war - Bebos klappernder Ball. Immerhin weiß ich jetzt, dass das Klappern durch drei weiße Plastik-Kugeln erzeugt wird - nein, wurde.

Das perfekte Eltern-Restaurant an kinderfreien Tagen.
Das perfekte Eltern-Restaurant an kinderfreien Tagen.  © DPA

Das Essen ist da. Alle an den Tisch: "Ich habe gesagt: hinsetzen! Nicht auf dem Stuhl knien oder daneben stehen!"

Albert inhaliert seine Nudeln und fordert eine Portion Nachschlag. Seine Mutter bestellt nach. Scheinbar drucken wir unser Geld doch selber. Leo findet auf seinem Teller Möhrengemüse und eine Scheibe Tomate: "Das ess' ich doch nicht." "Dann lass es auf dem Teller liegen". "Nein, wenn das da liegt, kann ich nicht essen. Das ist zu eklig." Ich kehre das Gemüse von seinem auf meinen Teller und staune darüber, was ich so nebenbei und unbewusst für mich bestellt habe. Kann mich gar nicht erinnern, dass mir Brokkoliauflauf jemals geschmeckt hat...

Leo beäugt den Kartoffelbrei. Er deutet auf mehrere mit dem bloßen Auge eines Erwachsenen kaum sichtbare Punkte: "Sind das Kräuter?" "Nein". "Ist das Pfeffer?" "Nein" "Was dann?" "Popel", hängt sich Jack in die Essensanalyse rein. Beide lachen sich kaputt und überbieten sich dann darin, weitere signifikante Spuren von Verdauungsendprodukten in ihrem Essen zu erkennen. Dann vertilgen sie ein paar Pommes, verteilen Ketchup großzügig auf der Tischdecke und verkünden satt zu sein. Ihre Mütter verlangen, dass sie auch ein paar Nuggets und/oder Fischstäbchen essen. "Aber uns ist schon ganz schlecht", kontern sie und handeln ihre Erziehungsberechtigten auf dreimal Abbeißen runter.

Wir verstoßen im gegenseitigen Einvernehmen gegen die "Ihr bleibt sitzen, bis alle aufgegessen haben"-Regel, lassen drei der Jungs gehen.

Leider spielen Jack, Leo und Albert nicht - so wie von den Erbauern vorgesehen - still in der Kinderecke, sondern jagen sich als Rennautos durch die Gänge zwischen den Tischen. Bevor aus den sich angestrengt tolerant gebenden Gästen ein Lynchmob wird, fange ich die Jungs ein und verbanne sie unter Androhung kindswohlgefährdender Sanktionen in die Spielecke. Die Kellnerin fragt süffisant, ob man die Wildfänge nicht anbinden kann: "Klar. Jederzeit. Nur leider haben wir ausgerechnet heute unsere Seile nicht dabei", entschuldige ich mich.

Der Tisch unter Bebo sieht inzwischen aus wie eine Müllhalde. Denn ganz so viel Essen, wie zunächst angenommen, hat den Weg dann doch nicht in seinen Mund gefunden. Ich tauche noch mal ab und klaube sein Spielzeug aus den Essensresten.

Beim Wiederauftauchen sind die Mütter auf dem Sprung, weil die Jungs schon wieder mit Stiften an Wänden und Fenstern kritzeln. Ich versuche sie zu beruhigen: "Wenn die hier Stifte in der Spielecke auslegen, müssen sie halt auch mit sowas rechnen", und bekomme als Antwort: "Ne, die haben wir mitgebracht." Ich stehe auf und hole einen Lappen ... Nach der Putzaktion hat die Kellnerin meinen Brokkoli-Auflauf abgeräumt. Na immerhin etwas Gutes.

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