Wie ein Pokal aus Hanau Weltmeister Brasilien rettete

Rio de Janeiro/Hanau - Vor 35 Jahren wurde dem brasilianischen Fußballverband der Weltpokal Jules Rimet gestohlen. Er ist bis heute verschollen. Eine Firma aus Hanau half den Brasilianern damals aus der Patsche. Das Verhängnis nahm mit dem Leichtsinn des brasilianischen Fußballverbandes CBF seinen Lauf.

So sieht der WM-Pokal heute aus. (Symbolbild)
So sieht der WM-Pokal heute aus. (Symbolbild)  © DPA

Nachdem die Kicker vom Zuckerhut den Fußball-Weltpokal Jules Rimet mit dem dritten WM-Triumph endgültig in ihren Besitz gebracht hatten, wurde dieser in einer ungesicherten Glasvitrine ausgestellt.

Vor fast genau 35 Jahren, am 19. Dezember 1983, gelang es Sérgio Peralta und seinem Komplizen Chico Barbudo, die Trophäe aus dem Verbandssitz im Zentrum von Rio de Janeiro zu stehlen.

Und damit kam eine Firma aus Hessen ins Spiel. Denn Hanauer Goldschmiedekunst ist es zu verdanken, dass ein knappes halbes Jahr später eine Kopie des Pokals an den brasilianischen Verband zurückgegeben werden konnte. Das Original ist bis heute verschollen.

Bis vor einigen Jahren war Rudolf Schäffer (70) der Leiter des Deutschen Goldschmiedehauses in Hanau, er kann sich noch gut an damals erinnern. "Da kam ein Anruf von der Firma Kodak", erzählt er. Sie wollte dem Fußballverband CBF aus der peinlichen Situation helfen und schnell eine Kopie des Pokals stiften.

Irgendwo hatte sie gehört, dass es da in Hanau eine Firma gäbe, die dies schon einmal gemacht habe. Sie hatten Glück, dass sie ausgerechnet Schäffer am anderen Ende der Leitung erwischte.

Denn als die Anfrage aus Brasilien kam, gab es die Firma Weinrank, die den Pokal einst kopiert hatte. Und deren Ruf als Goldschmiede war offenbar so gut, dass irgendwann Vertreter des Deutschen Fußball-Bundes aus dem nahen Frankfurt vor der Tür standen. Nach dem Gewinn des WM-Titels 1954 wollten auch sie als Erinnerung fürs Archiv eine Kopie des Jules-Rimet-Pokals haben.

Brasilien gewann 1970 bereits den dritten WM-Titel und durfte den Pokal behalten.
Brasilien gewann 1970 bereits den dritten WM-Titel und durfte den Pokal behalten.  © DPA

Schäffer hatte anfangs bei Weinrank gearbeitet, bis er 1975 im Goldschmiedehaus anfing. Später ging das Unternehmen in die Firma Geist über, bei der er weiter arbeitete, bis daraus irgendwann das Goldschmiedehaus wurde, das er bis 2006 leitete.

Wäre durch Zufall ein anderer Mitarbeiter am Apparat gewesen, hätte dieser womöglich nicht gewusst, dass aus grauer Vorzeit noch eine Sandgussform des WM-Pokals von 1954 existierte. Schäffer selbst hatte das Original als kleiner Junge in Händen halten dürfen. "Das war natürlich ein Traum."

Drei Kilo Gold wurden damals benötigt. Bei einem heutigen Kilopreis von rund 35 000 Euro je Kilo entspräche das einem Materialwert von gut 100.000 Euro. Der Zieseleur muss nach dem Guss jede Rille nacharbeiten - an diesen Details könnte man theoretisch Unterschiede erkennen. Auch zu unterscheiden wären Original und Kopie am Fuß, gefertigt aus chilenischem Lapislazuli. Doch davon sieht man wenig, denn die Maserung durch die Schilder der Gewinner verdeckt.

Kurz bevor die Brasilianer die Trophäe 1970 zum dritten Mal gewannen und für immer behalten durften, war sie schon einmal gestohlen worden. 1966, kurz vor der WM in England. Da war der Pokal bei einer Briefmarkenausstellung gezeigt worden und verschwunden. Erst einige Tage später tauchte er wieder auf. Ein Hund namens Pebbles spürte ihn in einer Mülltonne in einem Londoner Vorort auf.

Eine weitere Kopie des Pokals befindet sich im FIFA-Museum in Zürich. Allerdings hat man dort keine Ahnung, woher diese stammt, räumt Museumssprecher Andreas Alf ein. "Leider konnten wir bislang keine Dokumente finden, die belegen, woher die Replik kommt beziehungsweise wer sie angefertigt hat", sagt er.

Die Kopie aus Hanau wurde ein knappes halbes Jahr nach dem Raub an den brasilianischen Fußballverband übergeben. Die Wiederbeschaffung feierte der CBF am 10. Juni 1984 mit einem Freundschaftsspiel im legendären Maracana-Stadion.

Auf dem Rasen begegneten sich mit Brasilien und England die einzigen Länder, in denen jemals ein Fußball-Weltmeisterpokal gestohlen worden war. England siegte übrigens im Duell der "Pokalverlierer" mit 2:0.

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