10 Jahre nach dem Tod von Robert Enke: "Teile der Fans haben es noch nicht begriffen"

Dresden - Die Welt stand still an jenem Abend des 10. Novembers 2009. Robert Enke aus Jena, die Nummer 1 im deutschen Fußballtor, nahm sich das Leben - Depressionen. Die Stille dauerte nicht nur einen Augenblick, sie lähmte ein ganzes Land.

Die Witwe des 2009 durch Suizid Verstorbenen Robert Enke. Ihre Robert-Enke-Stiftung half in den letzten Jahren viel, dass das Thema Depressionen kein Tabu-Thema mehr war.
Die Witwe des 2009 durch Suizid Verstorbenen Robert Enke. Ihre Robert-Enke-Stiftung half in den letzten Jahren viel, dass das Thema Depressionen kein Tabu-Thema mehr war.  © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Man müsse mehr aufpassen auf die Menschen, auf sie eingehen, sie schützen. Die Welt des runden Leders müsse sensibler werden. Was hat sich wirklich verändert? TAG24 hat mit dem Chemnitzer Sportpsychologen René Edelmann gesprochen.

"Fünf Prozent aller Deutschen leiden an Depressionen. Der Prozentsatz bei Spitzensportlern ist höher. Gerade im Fußball, wo du in der Öffentlichkeit stehst wie nirgends anders", sagt Edelmann.

Aber gerade das ist Zirkus, eine Scheinwelt, sie ist brutal. Nur der Stärkste überlebt. Schwäche = Niedergang. Geblieben sind nur Parolen. Oder? "Nein", sagt er. "Es hat sich viel verändert, es ist nur nicht alles sichtbar."

Vor allem Teresa Enke mit ihrer Robert-Enke-Stiftung habe viel getan. "Depression war zuvor ein Tabu-Thema, ist es für viele immer noch. Sie hat die Krankheit bekannt gemacht, es wird darüber gesprochen, es wird geholfen. Sie hat ein Netzwerk mit über 70 Sportpsychologen aufgebaut. Dort können sich Sportler auch anonym hinwenden", sagt Edelmann.

Er betreut sächsische Athleten und Vereine wie den FCE und den CFC, war selbst Leistungssportler. Er kam einst durch eine eigene schwere gesundheitliche Krise zu diesem Beruf. Edelmann weiß, wovon er spricht. Anhand von vier Säulen - Sportler, Verein, Medien, Fans - erklärt er, wo sich etwas gerändert hat und wo nicht.

Robert Enke als Signal: was hat sich verändert?

Zehn Jahre nach dem Tod des ehemaligen Nationaltorhüters Robert Enke. Auf großer Bühne setzen der FC Bayern München und Borussia Dortmund ein Zeichen und halten eine Gedenkminute vor dem Topspiel am Samstagabend.
Zehn Jahre nach dem Tod des ehemaligen Nationaltorhüters Robert Enke. Auf großer Bühne setzen der FC Bayern München und Borussia Dortmund ein Zeichen und halten eine Gedenkminute vor dem Topspiel am Samstagabend.  © Sven Hoppe/dpa

Sportler

"Sie sind bewusster geworden, haben die Notwendigkeit erkannt, sich mentale Hilfe zu holen und nicht erst in Notsituationen. Längst nicht alle, aber viele." Jene, die denken, sich aus Scham vor ihrer Lebenssituation (Krankheit, Homosexualität), verstellen zu müssen, haben es schwer.

Edelmann nennt sie "Leute, die nach Außen nicht zeigen können, was sie im Inneren fühlen". Sie halten ihre Scheinwelt mit Lügen aufrecht, treten oft als obercoole Typen auf, innerlich zerbrechen sie. "Vor Jahren warst du damit allein, jetzt bekommst du Hilfe - wenn du willst."

Verein

"Da hat sich ebenfalls einiges getan. Viele Vereine arbeiten eng mit Sportpsychologen zusammen. Auch da ist aber das Feld noch mehr bestellbar. Ich fordere sogar: Ein Psychotherapeut, also ein Arzt, und ein Sportpsychologe sollte fest in jedem Team sein. Im Olympiastützpunkt Berlin ist das zum Beispiel der Fall."

Medien

Da ist noch einiges zu tun. "Beispiel Dortmunder Krise: Alle schreiben von fehlender Mentalität. Beim Sportler kommt die Frage danach so rüber, als würde er nicht wollen. Das ist nicht so. Jeder Sportler will. Wird er mit dem Gegenteil konfrontiert, kann das blockieren", erklärt er. "Ihr müsst ja fragen. Aber immer nur infrage zu stellen und zu schnell, kann gefährlich werden."

Fans

"Teile der Fans haben noch immer nicht begriffen, was sie damit anrichten. Da spielen Verdienst und Ansehen keine Rolle. Damit kannst du Personen zerstören", sagt der Sportpsychologe. Am Montag verhöhnten Bochumer Anhänger Nürnbergs jungen Schlussmann Benedikt Willert, weil der beim 0:2 daneben griff. Ein Unding.

"Die große Hetze in den Stadien und Sozialen Netzwerken ist fatal. Da muss noch viel passieren." Und nicht erst nach dem nächsten Todesfall ...

Robert Enke am 1. April 2009 beim Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Wales.
Robert Enke am 1. April 2009 beim Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Wales.  © Peter Kneffel/dpa

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