In der Brust dieses Sachsen schlägt das Herz einer Frau





Nur mit Atemmaske vor die Tür: Ronald Otto muss sein Immunsystem vor Keimen 
schützen.
Nur mit Atemmaske vor die Tür: Ronald Otto muss sein Immunsystem vor Keimen schützen.

Zschopau - Weil ihn sein eigenes Herz im Stich ließ, bekam Ronald Otto (49) aus Zschopau das Spenderherz einer Frau. Wer und wie sie war, darüber kann er nur spekulieren. Zumindest noch.

Ein langes Kleid, den Sonnenschirm in der Hand und das Gesicht hinter einem dünnen Tuch verborgen, diese „Lady“ hängt bei Ronald Otto an der Wand. Das impressionistische Bild lässt ihn nicht los.

So wie die gemalte Unbekannte stellt er sich seine Retterin vor. Ihr Herz pocht nun in seiner Brust. Und: Es mag Kaffee. „Ich gehe davon aus, dass ich ein Dresdner Kaffee-Herz habe“, sagt Otto. Vor der Transplantation im Januar 2016 trank der Zschopauer nur löslichen Getreidekaffee. Inzwischen nippt er gern an richtigen Koffeingetränken.

Die Schwestern wähnten ihn in Narkose, als sie neben seinem Krankenbett über die Spenderin sprachen. Ronald Otto spitzte die Ohren, als von einem „Frauenherz“ die Rede war. Damit kannst Du nicht mehr rückwärts einparken, scherzten seine Kumpels. Und der Arzt fragte, ob er nun ein Frauenversteher sei.

So stellt sich Otto seine Retterin vor: Das Gemälde der 
unbekannten Dame wurde zum Sinnbild seiner "Lady".
So stellt sich Otto seine Retterin vor: Das Gemälde der unbekannten Dame wurde zum Sinnbild seiner "Lady".  © Uwe Meinhold

„Weder, noch“, entkräftet Ronald Otto die Annahmen. „Frauen sind immer noch ein Buch mit sieben Siegeln.“ Und: Sein Auto steht in der Garage. Ob er damit je wieder fahren kann, ist ungewiss. Zwar schlägt seine neue Pumpe kräftiger als die alte, versorgt den Körper besser mit Sauerstoff. Mit 80 Watt hämmert sie aber nur halb so stark wie ein gesundes Herz.

Tests ergaben, dass die Herzklappen der Hauptkammern undicht sind. Mehr noch: Die Spenderin litt an diversen Krankheiten. Der übliche Leistungsschub nach der OP blieb bei Ronald Otto aus. Stattdessen stellten sich Komplikationen ein: Fieber und kalter Schweiß. „Ich dachte sofort, dass mein Körper das Herz abstößt.“

In seinen Albträumen war es ein blauer Hubschrauber, der ihn erneut ins Dresdner Herzzentrum flog. Bakterien hatten seine Aortenklappe zerfressen. In einer Notoperation nähten ihm die Ärzte eine „biologische“ Klappe an. Heißt: Ronald Otto hatte Schwein - im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Herzen von Mensch und Borstenvieh ähneln sich anatomisch.

Otto grunzte, als ihn die Krankenschwester nach der OP um ein Lebenszeichen bat. Sein Galgenhumor bewahrt ihn vorm Verzweifeln.

Von den Behörden in Stich gelassen: Mutter Margot Baldauf (68) hilft ihrem Sohn täglich.
Von den Behörden in Stich gelassen: Mutter Margot Baldauf (68) hilft ihrem Sohn täglich.  © Uwe Meinhold

In seinem alten Leben war Ronald Otto ein Hans-Dampf in allen Gassen, restaurierte historische Türen. Nach Feierabend beschallte er als DJ Sachsens Tanzlokale. Nun kämpft er ums Überleben und schluckt Immunsuppressiva.

Seine Mutter Margot Baldauf (68) unterstützt ihn täglich. Die Rentnerin wäscht und zieht ihn an, putzt, kauft ein und besorgt die Rezepte. Dabei ist die alte Dame längst nicht mehr so rüstig. Den beantragten Pflegegrad 1 verweigert die Krankenkasse bislang. Nun sollen auch die monatlichen Taxi-Kosten zur Nachsorge ins Dresdner Uniklinikum gestrichen werden. Die Begründung: Auf dem Schwerbehindertenausweis fehlt die Wortgruppe „außergewöhnlich gehbehindert“. Der Änderungsantrag läuft.

Unlängst fiel Ronald Otto nach dem Aufstehen einfach um. „Mir wurde schummerig.“ Beim Sturz verletzte er sich an der Halswirbelsäule. Seither sind Arme und Hände taub, trägt er eine Halskrause. Trotz all der Schwierigkeiten ist Ronald Otto vor allem eins: zutiefst dankbar.

Sein Dank gilt den Ärzten, Krankenschwestern, Physiotherapeutinnen, seiner Mutter - und natürlich seiner „Lady“, der unbekannten Frau ohne Gesicht. Wer sie war, wie sie lebte, was sie mochte?

Drei Jahre nach seiner Herztransplantation darf Ronald Otto einen offenen Brief an die Angehörigen schicken. Vielleicht lüftet sich dann endlich der Schleier von ihrem Antlitz.

Großes Vertrauen: Otto war sich sicher, dass 
er nach seiner Transplantation wieder aufwacht.
Großes Vertrauen: Otto war sich sicher, dass er nach seiner Transplantation wieder aufwacht.  © Uwe Meinhold

Titelfoto: Uwe Meinhold


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