Mädchen springt aus fahrendem Zug: Während Gaffer filmen, wird Chemnitzer zum Lebensretter

Chemnitz - Das Leben meinte es bisher nicht immer gut mit René Pflaum (38). Der Chemnitzer leidet seit Jahren unter Epilepsie. Trotzdem zögerte er keinen Moment, als andere Hilfe brauchten: Der Zeitungsausträger wurde am späten Sonntagnachmittag zum Helden in der Citybahn. Unfassbar: Statt zu helfen, filmten und fotografierten Schaulustige lieber mit ihren Handys.

René Pflaum leistete sofort erste Hilfe, als er die verletzte 14-Jährige sah.
René Pflaum leistete sofort erste Hilfe, als er die verletzte 14-Jährige sah.  © Harry Härtel/Haertelpress

Ein Zug der "Mitteldeutschen Regiobahn" war gegen 17.15 Uhr auf dem Weg von Leipzig Richtung Chemnitz. Im Bereich Burgstädt/Wittgensdorf das Unfassbare:

Ein junges Mädchen (14) stand während der Fahrt plötzlich auf, öffnete ein Schiebefenster der ehemaligen Reichbahnwaggons und ließ sich aus dem Zug fallen. Geschockte Mitreisende informierten sofort den Schaffner, während der Zug nach Chemnitz weiterfuhr (TAG24 berichtete).

Währenddessen entdeckte der Lokführer einer nachfolgenden Citybahn, die von Burgstädt nach Chemnitz auf dem selben Gleis unterwegs war, die Schwerstverletzte in der Böschung. Er stoppte den Zug.

Einer der Reisenden in der Citybahn war René Pflaum: "Wir stiegen aus, ich leistete sofort erste Hilfe. Das Mädchen lag blutüberströmt neben den Gleisen, war auf einen Betonkanal gestürzt. Sie atmete noch, war aber bewusstlos."

Bis zum 6. Mai wird auf der Strecke gebaut, teilte die MRB mit. (Symbolbild)
Bis zum 6. Mai wird auf der Strecke gebaut, teilte die MRB mit. (Symbolbild)  © Harry Härtel/Haertelpress

Rettete der Chemnitzer der jungen Vietnamesin mit seinem selbstlosen Einsatz das Leben? Fakt ist: Die Rettungskräfte brauchten knapp 30 Minuten, um durch das unwegsame Gelände bis zur Unfallstelle zu kommen. Die Jugendliche kam ins Krankenhaus, ist immer noch nicht ansprechbar. Anett Bochmann (35) ist die Sprecherin der Bundespolizei: "Wir hoffen, dass sie sich erholt. Dann werden wir sie auch befragen, was sie zu dieser Aktion bewegte."

Mit seiner Hilfsaktion brachte sich der Chemnitzer selbst in Gefahr. Pflaum: "Ich muss durch meine Krankheit eigentlich jegliche Aufregung vermeiden."

Die Nacht zum Montag fand er trotzdem keinen Schlaf. Vor allem, weil er immer noch sauer auf die Schaulustigen war: "Da wurden Handys gezückt und Fotos gemacht, statt zu helfen. Das ist unglaublich. Ich bin fassungslos, wie man in so einer Situation so menschenverachtend reagieren kann. Wir haben die Verletzte vor Ort mit einer Rettungsdecke abgeschirmt, damit niemand was sieht."

Jetzt suchen die Ermittler der Bundespolizei nach Augenzeugen. Da der Zug, aus dem die Frau sprang, bereits Minuten später im Chemnitzer Hauptbahnhof hielt, waren die Mitreisenden schon verschwunden. Zeugen sollten sich unter Tel.: 0371/4615105 melden.


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