Polizei holt Clausnitzer Flüchtlinge zur Vernehmung ab

Der Clausnitzer Bürgermeister Michael Funke (parteilos) zeigt sich über die Vorfälle betroffen.
Der Clausnitzer Bürgermeister Michael Funke (parteilos) zeigt sich über die Vorfälle betroffen.

Von Juliane Morgenroth

Clausnitz - Die Polizei hat am Donnerstag fünf der Clausnitzer Asylbewerber als Zeugen befragt. Sie seien mit zivilen Fahrzeugen aus ihrer Unterkunft in Clausnitz abgeholt und in die Diensträume der Ermittlungsgruppe "Clausnitz" in Freiberg gebracht worden, sagte eine Polizeisprecherin.

Zuvor habe ein Dolmetscher den Asylbewerbern erklärt, worum es gehe und dass ihre Aussagen für die Ermittlungen gegen diejenigen wichtig seien, die vor einer Woche gegen ihre Ankunft in Clausnitz demonstriert und einen Bus blockiert hätten.

Den Asylbewerbern sei bewusst gewesen, dass ihre Aussagen freiwillig seien, sagte die Sprecherin. Die Befragungen müssten bei der Polizei in Freiberg stattfinden, da es dort Räumlichkeiten mit entsprechender Ausstattung gebe. Es sei geplant, auch weitere Businsassen zu befragen.

Ein aufgebrachter Mob bedrängte in Clausnitz einen ankommenden Bus mit Flüchtlingen.
Ein aufgebrachter Mob bedrängte in Clausnitz einen ankommenden Bus mit Flüchtlingen.

Unterdessen steht Sachsen nach den jüngsten fremdenfeindlichen Vorfällen weiter in der Kritik. Dabei geht es vor allem um den umstrittenen Polizeieinsatz in Clausnitz.

Dort hatte ein aufgebrachter Mob lautstark einen Flüchtlingsbus blockiert. Ein Augenzeuge bestreitet nun die Darstellung der Polizei.

Ein Dolmetscher, der das Geschehen hautnah miterlebte: „Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Polizei aktiv gegen die Menge vorgegangen ist“, berichtete der 68-Jährige bei Stern TV. Aussagen, wonach die Provokationen von Flüchtlingen ausgingen, sei eine Fehldarstellung.

"Die Provokation kam aus der Menschenmenge", sagte er und berichtete von einer Atmosphäre voller Angst, Entsetzen und Furcht.

"Die Kinder fingen an zu weinen, dann fingen die Frauen an, zu weinen und draußen wurde es immer lauter."

Der Clausnitzer Bürgermeister Michael Funke (parteilos) war ebenfalls Gast bei Stern TV und zeigte sich betroffen.

"Ich bin seelisch angekratzt. Dass ich das miterlebt habe, belastet mich sehr", sagte er. Ein großes Anliegen sei es ihm nun, den Ruf des Ortes wiederherzustellen. Funke geht davon aus, dass viele der rund 100 wütenden Menschen nicht aus Clausnitz stammten.

In einem offenen Brief fordern der Gemeinderat und er eine Entschuldigung: "Wir erwarten von denen, die am Donnerstagabend lautstark in der ersten Reihe standen, dass sie sich sowohl bei den Flüchtlingen, als auch bei den Einwohnern hier im Ort und dem Erzgebirge entschuldigen, und dies dann ebenso laut und öffentlich, wie sie die Ankunft der Asylsuchenden inszeniert haben."

Warum gerade Clausnitz, versucht derweil ein anonymer Blogger aus seiner Sicht zu erklären. Er wolle niemanden diffamieren, sei aber über die Ereignisse nicht wirklich überrascht.

"Denn wenn wir ehrlich sind, leben alle in der Gegend mit einem Problem: Einer überall existierenden, oftmals unauffälligen, braunen Gesinnung, die sich teilweise im Verborgenen langsam dahinentwickelt, bis sie zu solchen Vorfällen wie in Clausnitz führt. Eine Entwicklung, die viele ganz einfach nicht sehen wollen. Und die dadurch geduldet wird", schreibt er.

Der ganze Text: Kommentar zur Schande von Clausnitz aus der Sicht eines Clausnitzers

Fotos: screenshot /youtube, Uwe Meinhold


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