Arm aber sexy! Darauf sind Sachsens klamme Kommunen stolz

Sachsen - Vor Sozialneid ist niemand gefeit! Auch nicht die steuerschwachen, sächsischen Gemeinden, die im Ausgleichsjahr 2018 das meiste Geld (pro Kopf der Bevölkerung) vom Freistaat eingestrichen haben. Fairerweise muss man sagen: Fast all diese besonders begünstigten Gemeinden übernehmen teure Pflichtaufgaben - und schreiben sich beispielsweise Bildung auf die Fahnen. Hier stellen wir mal fünf "arme", aber trotzdem ziemlich "attraktive" Gemeinden vor. Alle waren beim Finanzausgleich unter den Top 10 der Geldempfänger.

Auerbach im Erzgebirge

Viele gedrechselte Landschaften leuchten zwischen Doppelfenstern in Auerbach.
Viele gedrechselte Landschaften leuchten zwischen Doppelfenstern in Auerbach.  © Uwe Meinhold

Dieses kleinere Auerbach (im Gegensatz zu dem im Vogtland) hat zwar nur 2600 Einwohner, betreibt aber gleich mehrere soziale Einrichtungen.

Die Trägerschaft für eine Kita, Grund- und Oberschule zahlt sich aus: Beim Finanzausgleich rangiert die Gemeinde auf den vorderen Plätzen. Verstecken muss sich der ehemalige Ort der Strumpfwirker keinesfalls.

Die Strumpfindustrie Auerbachs erlangte bis zur Wende Weltruf. Heute erinnern nur noch wenige Industriebrachen an den volkseigenen Betrieb der "Erzgebirgischen Spezialdamenstrümpfe Auerbach" (Esda).

Besonders stolz ist Bürgermeister Horst Kretzschmann (48, BVA) aber auf die alte Tradition des "Fensterbrettl's". Die gedrechselten, winterlichen Landschaften leuchten inzwischen wieder in vielen Auerbacher Doppelfenstern.

© Uwe Meinhold

Stauchitz

Die Gemeinde Stauchitz kann stolz auf die Peter-Sodann-Bibliothek sein.
Die Gemeinde Stauchitz kann stolz auf die Peter-Sodann-Bibliothek sein.  © Petra Hornig

Auch die Gemeinde südlich von Riesa sahnt beim Finanzausgleich kräftig ab. Die Finanzspritze vom Freistaat dürfte gut angelegt sein.

Bürgermeister Frank Seifert (63, parteilos) weiß, wohin das Geld fließt. Die 3200-Einwohner-Gemeinde mit 21 Ortschaften bewirtschaftet zwei Kitas, eine Grund- und eine Oberschule.

Auch die Infrastruktur ist teuer: Die 50 Kilometer Gemeindestraßen und ebenso lange Flüsse zweiter Ordnung verschlingen viel Bares. Potente Steuerzahler fehlen hingegen. Sich für seine Armut schämen? Fehlanzeige! Stattdessen schreibt sich die Gemeinde Bildung auf die Fahnen.

Besonders stolz ist Stauchitz auf die Peter-Sodann-Bibliothek im Kulturgut Staucha.

Der Ex-Tatort-Kommissar sammelt auf dem ehemaligen Rittergut DDR-Bücher und bringt so Licht in deutsche Gehirne.

Wilthen

Wilthen, in der Stadt einer der größten Spiritousenhersteller.
Wilthen, in der Stadt einer der größten Spiritousenhersteller.  © Holm Helis

Zwar hat die Kommune im Landkreis Bautzen mit etwa eintausend Schülern einen erhöhten Finanzbedarf.

Arm ist die 5000-Einwohner-Stadt deswegen aber nicht. Bürgermeister Michael Herfort (41, CDU): "Unsere Verschuldung ist niedrig, das Gewerbesteueraufkommen stabil."

Die Stadt kann sich immerhin eine Bibliothek, ein Stadtbad und ein Jugendhaus leisten. Auch das neue, 4,3 Millionen Euro teure Schul- und Vereins-Sportzentrum finanzierte Wilthen überwiegend aus eigener Tasche. Stolz ist Bürgermeister Herfort auf die 1842 gegründete Wilthener Weinbrennerei.

Mit Produkten wie der "Goldkrone" mauserte sich die Stadt des Weinbrands in der DDR zum größten Spirituosenhersteller. Besonders reich ist Wilthen aber an Sagen. Kein Geringerer als Martin Pumphut schlich sich vor 80 Jahren in die Herzen der Bevölkerung. Der Till Eulenspiegel der Oberlausitz schmückt vielerorts das Stadtbild.

© Holm Helis

Bobenneukirchen

Trotz klammer Kassen wurde in Bobenneukirchen eine Grundschule wiedereröffnet.
Trotz klammer Kassen wurde in Bobenneukirchen eine Grundschule wiedereröffnet.  © Uwe Meinhold

Die Kassen von Bösenbrunn im Vogtlandkreis sind klamm. Bürgermeister Bertold Valentin (62, parteilos) eiert gar nicht erst rum: "Wir haben zu geringe Gewerbesteuer-Einnahmen."

Dafür streicht die steuerschwache Gemeinde beim Finanzausgleich einen ordentlichen Batzen vom Freistaat ein.

Das Geld dürfte gut angelegt sein. Verstecken muss sich Bösenbrunn nicht. Stolz ist Bürgermeister Valentin auf die Kindereinrichtungen: "Wir haben der Schulpolitik des Freistaates getrotzt", erzählt er.

Denn 2012 musste der Gemeinderat die Stilllegung der Grundschule im Ortsteil Bobenneukirchen zunächst beschließen.

Die Schülerzahlen waren rückläufig; eine erste Klasse durfte wegen der Vorgaben des Freistaates nicht eröffnet werden.

Bürger und Eltern protestierten und holten einen privaten Trägerverein ins Boot. Erfolgreich: 2016 wurde die Grundschule wieder eröffnet. Immerhin, der Bobenneukirchener Schulstandort wurde schon vor 500 Jahren erstmals urkundlich erwähnt.

© Uwe Meinhold

Sayda

In Sayda gibt es neue Feuerwehr-Ausstattung und auch ein Feuerwehr-Museum.
In Sayda gibt es neue Feuerwehr-Ausstattung und auch ein Feuerwehr-Museum.  © Uwe Meinhold

Hoch sind die Gewerbesteuer-Einnahmen von Sayda nicht. Die 1800-Einwohner-Stadt leistet sich dennoch Kita, Grund- und Oberschule.

Für die Übernahme dieser Pflichtaufgabe darf die mittelsächsische Stadt beim Finanzausgleich profitieren.

Bürgermeister Volker Krönert (60, CDU): "Aus eigener Kraft könnten wir das nicht stemmen." Klamm ist die Kasse, doch die beherzten Bürger in Sayda legen zusammen.

Sowohl die neue Feuerwehr-Ausstattung als auch das Technik-Kabinett der Oberschule wurden aus Spenden finanziert. Nicht nur beherzte Eigeninitiative macht sexy.

Der staatlich anerkannte Erholungsort hat neben attraktiven Wanderwegen und Loipen auch ein Feuerwehrmuseum zu bieten. Das Lieblingssaustellungsstück von Bürgermeister Krönert ist übrigens ein etwa 200 Jahre alter Löscheimer aus geflochtenen Zweigen.

© Uwe Meinhold
Trotz klammer Kassen fühlen sich viele Gemeinden sexy.
Trotz klammer Kassen fühlen sich viele Gemeinden sexy.  © 123RF (Symbolbild)

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