Dieser Minister besucht gerade Sachsens starke Unternehmen

Voller Einsatz auf der Sommertour: Martin Dulig spielt Tischtennis im Mehrgenerationenhaus Görlitz
Voller Einsatz auf der Sommertour: Martin Dulig spielt Tischtennis im Mehrgenerationenhaus Görlitz

Von Thorsten Hilscher

Dresden - Sachsens Wirtschaft boomt, die Steuern fließen üppig. So viele Menschen wie noch nie seit 1990 haben einen sozialversicherungspflichtigen Job. Inzwischen suchen ganze Branchen Fachkräfte. Wer aber steckt konkret hinter dieser Entwicklung? Wer sind die, die vor Ort ihre Steuern zahlen, aber zum Teil in alle Welt exportieren?

Sachsens Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, Martin Dulig (41, SPD), hat sich bei seiner Sommertour ein Bild davon gemacht - nicht in den Metropolen, sondern in der „Provinz“. Bei der jüngsten Tour, einer Visite in der Lausitz, durfte MOPO ihn begleiten. Und stellte fest: Eine solche „Reise“ ist harte Arbeit.

Es gilt, ununterbrochen Firmenchefs, deren Mitarbeitern, Bürgermeistern und Landräten aufmerksam zuzuhören. Es gilt, Zahlen und Fakten und Argumente parat zu haben. Es gilt aber auch, unablässig Kabinetts-Chef Stanislaw Tillich (56, CDU) am Telefon zu haben, weil die Flüchtlingsfrage für unsere Landesregierung täglich/stündlich neue Probleme aufwirft.

Martin Dulig (41, SPD, re.) beim Spezialhersteller ATN. Die Firma liefert unter anderem Maschinen für Autohersteller. Hinten Mitte die Bürgermeisterin von Oppach, Sylvia Hölzel (parteilos). Foto: Eric Münch.
Martin Dulig (41, SPD, re.) beim Spezialhersteller ATN. Die Firma liefert unter anderem Maschinen für Autohersteller. Hinten Mitte die Bürgermeisterin von Oppach, Sylvia Hölzel (parteilos). Foto: Eric Münch.

Station 1: ATN Hölzel in Oppach

Autofirmen wie Audi, VW oder Ford klingeln in Oppach, wenn sie ganz spezielle Maschinen brauchen. ATN baut sie. Die Firma hat am Standort 250 Mitarbeiter. 70 weitere arbeiten in China, Spanien, Brasilien und den USA. Das Sozialklima ist gut, denn ATN zahlt zum Beispiel in Oppach die Kita-Plätze der Kollegen.

Der Jahresumsatz liegt bei 35 Millionen Euro.
Gern würde die Firma künftig einmal mit Dulig auf eine Investorenreise ins Ausland fliegen. Weil ATN auch kleine Blockheizkraftwerke produziert, leidet man unter dem Hin und Her der deutschen Energiepolitik. Problem daheim: ATN muss sich am Standort erweitern.

Aber dort befindet sich ein Landschaftsschutzgebiet. Bedenklich: Bürgermeisterin Sylvia Hölzel (parteilos, Namensgleichheit Zufall) ist sehr schnell sehr zuversichtlich, dass das Projekt trotzdem klappt.

Martin Dulig (41, SPD, re.) bei der Miunske GmbH in Großpostwitz
Martin Dulig (41, SPD, re.) bei der Miunske GmbH in Großpostwitz

Station 2: Fahrzeugtechnik Miunske GmbH in Großpostwitz

Firmenpatriarch Johannes Miunske (64) arbeitete einst in der Mähdrescher-Produktion. Hier setzte der Ingenieur den zeit- und platzsparenden Einbau von elektronischen Steuerteilen durch. 1997 baute er dann seine eigene Firma auf. Sie stellt international gefragte Tastaturen für Feuerwehren und Krankenwagen her. Das Umsatzziel für 2015 lautet zehn Millionen Euro. Es gibt 60 Mitarbeiter. Man liefert in 28 Länder.

Neueste Erfindung: eine Tastatur, die Displays ersetzen kann. Schrittweise geht das Geschäft an die Miunske-Töchter Katrin (42) und Jana (39) über. Auch die Männer der beiden sind involviert. Herausforderung: Die Firma sucht dringend Diplomanden für Forschungsthemen im eigenen Haus. Eine Forschungsabteilung ist da. Soziales: Pausenbrunnen im Hof, Mitarbeiter-Massageraum.

Minister Dulig (2. v.r.) lässt sich in Kodersdorf das CCI-Werk erklären. Hier werden Innenverkleidungen für Airbus gefertigt. Betriebsleiter Frank Zenker (l.) sagt darum: „Wenn Sie in einem Airbus fliegen, betreten Sie auf jeden Fall sächsischen Boden.“ F
Minister Dulig (2. v.r.) lässt sich in Kodersdorf das CCI-Werk erklären. Hier werden Innenverkleidungen für Airbus gefertigt. Betriebsleiter Frank Zenker (l.) sagt darum: „Wenn Sie in einem Airbus fliegen, betreten Sie auf jeden Fall sächsischen Boden.“ F

Station 3: Gewerbegebiet Kodersdorf

Die Gemeinde liegt vor den Toren von Görlitz. Wenn der Tunnel Königshainer Berge gesperrt ist, werden Autofahrer durch den Ort geleitet, die laut Bürgermeister René Schöne (CDU) vor allem drei Probleme hat: Für die vielen Zuzügler fehlen Hausbauflächen (Aktuell 2540 Einwohner).

Die Ortsfeuerwehr ist für den A4-Tunnel zuständig und verschlingt darum pro Jahr 60 000 Euro, wofür Schöne gern Zuschüsse hätte. Und er muss das Gewerbegebiet erweitern. Denn es kommen Größen wie Borbet: Der Felgenhersteller eröffnet April 2016 das größte ostdeutsche Felgen-Werk (Ausstoß/Jahr: 2 Mio. Stück).

Bis zu 400 Arbeitsplätze sind geplant. Bereits gearbeitet wird bei CCI, einer Tochter der Elbe Flugzeugwerke Dresden. 90 Kollegen fertigen hier in Handarbeit Innenauskleidungen für Airbusse!

Martin Dulig am Mehrgenerationenhaus im Görlitzer Stadtteil Weinhübel.
Martin Dulig am Mehrgenerationenhaus im Görlitzer Stadtteil Weinhübel.

Station 4: Mehrgenerationenhaus in Görlitz

Es gackert und schnattert am Mehrgenerationenhaus im Stadtteil Weinhübel - so laut, dass selbst Minister Dulig innehalten muss bei seinen Ausführungen. Denn neben dem Treffpunkt wohnen zur Freude vor allem der Kinder Ziegen, Hühner, Enten. Die Einrichtung besteht seit 2007. Mehrgenerationen ist hier wörtlich gemeint: Allein am Tag des hohen Besuchs aus Dresden lag die Altersspanne der Anwesenden bei 97 Lebensjahren!

Während der jüngste Gast an Mamas Brust nuckelte, schnappte sich Dulig ein Landskron - als kleine Erfrischung vor einer harten Debatte: Die Görlitzer löchern den SPD-Mann mit Kritik am Mindestlohn. Aber auch mit Fragen zum Thema Asyl. Sein Schlüsselsatz dazu: „Wir sind in einer Zeit, wo auch bei uns Politikern mehr Fragen als Antworten bestehen.“

Kommentar: Rückgrat des Landes

Torsten Hilscher.
Torsten Hilscher.

Johannes Miunske ist das lebende Beispiel, warum es mit der DDR nichts werden konnte: Der findige Ingenieur hatte im DDR-Fahrzeugbau einige Innovationen ausgetüftelt, kam aber kaum zum Zuge - weder fachlich noch auf der Karriereleiter. Rein aus ideologischen Gründen. Heute liefert das von ihm acht Jahre nach dem Mauerfall gegründete Unternehmen in sage und schreibe 28 Länder! Seine neueste Erfindung lässt die totgeglaubte Tastatur aufleben und Displays alt aussehen.

Die Lausitzer Firma Miunke war eine Station der Sommertour von Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). Eine Woche zuvor hatte Dulig seine geplante Visite in sächsischen Tourismusregionen sausen lassen. Ein Minister im Paddelboot, diesem Foto wäre unweigerlich Bildern aus Flüchtlingscamps in Sachsen gegenüber gestellt worden. Aber auf die Firmentour bestand der sächsische Vize-Ministerpräsident. Denn er ist den Gewerkschaften eng verbunden und Arbeitsminister.

Schließlich hat das Geld, dem unser relativer Wohlstand zugrunde liegt, von dem nun auch andere profitieren (wollen), eine Quelle: das produzierende Gewerbe. Es ist Rückgrat des gesamten Landes. Das wird gern vergessen oder übersehen. Männer wie Johannes Miunske erinnern uns auch daran, wie wichtig eine solide Schul-, Lehr- und Studienbildung ist. Und, dass es eines moralischen, aber eben keines ideologischen Überbaus bedarf, damit eine Gesellschaft funktioniert.

Fotos: Erich Münch, PR Atn


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