Wenn wir mal 91 sind, wollen wir sein wie diese Oma!

Annelies Hoppe (91) führt trotz finanzieller Einbußen ihren kleinen Minimarkt weiter.
Annelies Hoppe (91) führt trotz finanzieller Einbußen ihren kleinen Minimarkt weiter.

Von Antje Meier

Röderaue - Sie ist wohl Sachsens dienstälteste Ladenbetreiberin: Annelies Hoppe. Mit 91 Jahren erlebte sie schon vier Währungen und vier Staatssysteme. Aber noch immer steht sie fast täglich hinter dem Tresen ihres Tante Emma Ladens in Koselitz (Ortsteil von Röderaue, bei Riesa). Denn das Geschäft ist ihr Leben!

Annelies Hoppe ist eine bescheidene Frau. „Ach, schreiben Sie bloß nicht zu viel über mich“, sagt die rüstige Rentnerin. Doch kaum den Satz ausgesprochen, beginnt sie zu schwärmen, von den Anfängen ihres Ladens.

Sie gerät ins Grübeln über die harten Zeiten und zeigt alte Fotos. Von der Bäckerei, die ihr Vater hier 1928 aufbaute. Aus dieser Zeit stammen auch noch die antike Waage, die Kuchen- und Brotregale in ihrem kleinen Mini-Markt.

Bei Annelies Hoppe kommen vor allem Stammkunden zum Einkaufen.
Bei Annelies Hoppe kommen vor allem Stammkunden zum Einkaufen.

Annelies Hoppe erinnert sich: „Von 1939 bis 45 haben wir hier für Kriegsgefangene Brot gebacken.“ Als ihr Vater dann 1943 eingezogen wurde, führte sie mit ihrer Mutter den Laden weiter. Bis sie zwei Jahre später vor den Russen fliehen mussten – „mit nichts außer einem Fahrrad und einem voll gepackten Leiterwagen“.

Als sie einen Monat später zurückkehrten, war das Geschäft geplündert. „Es war fast nichts mehr da. Also haben wir wieder klein angefangen“, erzählt sie.

Mit dem Tod des Vaters im Jahr 1970 war das Geschäft plötzlich in Gefahr. „Um es weiterführen zu können, legte ich die Meisterprüfung ab“, erzählt Annelies Hoppe. Und so ging es weiter – vorerst. Denn bald musste der Laden schließen.

Annelies Hoppe beim Stollen backen. In der DDR brachten die Kunden ihre Zutaten einfach mit.
Annelies Hoppe beim Stollen backen. In der DDR brachten die Kunden ihre Zutaten einfach mit.

Mit der Wende wollte sie es aber noch einmal wissen. Sie eröffnete das alte Familiengeschäft neu – als Mini-Markt. Wie einst gibt es Kuchen und Brötchen, aber auch Dinge des täglichen Bedarfs wie Butter, Schuhcreme oder Feueranzünder.

„In der DDR gab es nicht viel, aber dann kauften die Leute wie verrückt“, erinnert sie sich. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. „Heute kommt nach 8 Uhr kaum noch einer in den Laden“, sagt die Verkäuferin.

„Das Angebot in den Supermärkten ist halt größer und günstiger. Aber ich kann das nicht so billig verkaufen.“ Und so macht die 91-Jährige inzwischen Minus mit ihrem kleinen Laden. Darüber kann sie jedoch nur lächeln. „Ich will das so lange machen, bis mich der liebe Gott holt...“

Damit würde auch der einzige Laden im 500 Seelen-Ort Koselitz verschwinden.

Stirbt der Tante-Emma-Laden aus? Discounter-Boom macht „Kleine“ platt

Die Backstube kennt Annelies Hoppe (l.) seit ihren Kindheitstagen – hier mit ihrer Schwester.
Die Backstube kennt Annelies Hoppe (l.) seit ihren Kindheitstagen – hier mit ihrer Schwester.

Eine Statistik des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels zeigt zumindest, dass die Menschen ihre Einkäufe lieber in großen Discountern und Supermärkten erledigen.

So sank die Zahl der kleinen Lebensmittelgeschäfte mit weniger als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche, wie der von Annelies Hoppe, von 17.400 im Jahr 2006 auf 9600 im vergangenen Jahr.

Ein Minus von etwa 44 Prozent. Dafür stieg im gleichen Zeitraum die Zahl der Discounter um knapp 7 Prozent auf 16 195, die der Supermärkte um zirka 13 Prozent auf 10.785.

Hält der Trend weiter an, könnte es den Tante-Emma-Laden um die Ecke bald nicht mehr geben.

Fotos: privat, Holm Helis


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