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Die Wahrheit über Sachsenwein

Dresden - Hochsaison für unseren sächsischen Wein. MOPO24 fand 10 Geheimnisse über den Sachsenwein heraus.
Für den Winzer Norman Keydel (32) ist die Zeit der Lese die schönste des gesamten Jahres.
Für den Winzer Norman Keydel (32) ist die Zeit der Lese die schönste des gesamten Jahres.

Von Mario Adolphsen und Pia Lucchesi

Dresden - Jetzt hat der Wein im Elbtal Hochsaison! Die Winzer lesen Trauben. Entlang der Weinstraße öffnen am Wochenende Straußwirtschaften und Weinfeste laden zu vergnüglichen Verkostungen ein. Lauter Verlockungen!

Trotzdem haben wir nüchtern und kritisch recherchiert: Lest hier zehn Wahrheiten über den Sachsenwein, einen Bericht von der Weinlese sowie Empfehlungen zum Verreisen und Genießen. Wohl bekomm’s!

Die Morgensonne küsst den Burgberg von Löbsal (bei Diesbar Seußlitz). Norman Keydel (32) steht mit seinem Schwiegervater und zehn Helfern seit 8 Uhr im Weinberg zwischen den Rebstöcken und erntet Trauben.

„Goldriesling ist heute dran“, erklärt der Winzer, der als Traubenerzeuger das Weingut Jan Ulrich beliefert.

Glück für die Winzer: In diesem Jahr sind die Beeren gut gereift.
Glück für die Winzer: In diesem Jahr sind die Beeren gut gereift.

Bis Mittag sollen die Beeren von 800 Weinstöcken abgenommen werden. Norman Keydel hofft auf drei Tonnen Ertrag.

„Pro Stock rechnen wir mit 2,5 bis drei Kilo Trauben“, sagt der junge Mann und blickt zufrieden hinüber zu dem kleinen roten Traktor, auf dessen Ladefläche schon große Plaste-Bottiche voller Wein stehen. „Die Beeren sind sehr gut ausgereift. Keine Fäulnis“, sagt der Winzer und atmet hörbar auf.

Die Weinlese 2015 begann im Elbtal dramatisch.

Am Nachmittag des 1. September ging zwischen Weinböhla und Diesbar-Seußlitzeinregionalbegrenzter, aber verheerender Hagel nieder. Manche Winzer verloren bis zu 80 Prozent ihrer Ernte, mussten danach Noternten einbringen.

Keydel: „Wir hier haben Verluste zwischen fünf und zehn Prozent wegen des Unwetters.“

Weinkönigin Michaela Tutschke (25) im Weinberg vis-à-vis von der Meißner Albrechtsburg. Die Dresdnerin ist ausgebildete Winzerin und arbeitet als Vertriebsassistentin im Weingut Schloss Proschwitz.
Weinkönigin Michaela Tutschke (25) im Weinberg vis-à-vis von der Meißner Albrechtsburg. Die Dresdnerin ist ausgebildete Winzerin und arbeitet als Vertriebsassistentin im Weingut Schloss Proschwitz.

Das Weinbaugebiet Sachsen erstreckt sich auf einer Länge von rund 70 Kilometern entlang der Elbe zwischen Pirna und Diesbar-Seußlitz. Es besitzt aktuell rund 492 Hektar bestockte Rebfläche, die von etwa 2500 Winzern beackert wird.

Das Gros betreibt den Weinbau als Hobby. Lediglich 35 Betriebe widmen sich im Haupterwerb der Winzerei.

Was die Qualität des 2015er-Jahrgangs angeht, sind die Winzer vorsichtig optimistisch. Bislang spielt ihnen das Herbstwetter in die Hände. Sie können sich bei der Lese Zeit und die späten Sorten noch reifen lassen.

Norman Keydel blinzelt in die Sonne, freut sich über den wachsenden Traubenberg auf dem Hänger. Er gesteht: „Die Zeit der Lese ist für mich die schönste des gesamten Jahres.

Sächsischer Wein ist nichts für Veganer!

Weißwein wird in seiner Produktion mit tierischen Erzeugnissen behandelt.
Weißwein wird in seiner Produktion mit tierischen Erzeugnissen behandelt.

Damit Weißweine klar sind, werden alle Schwebstoffe beseitigt. Dazu verwenden Winzer meist Gelatine (Schwein), Eiweiß (Huhn) oder Hausenblase (Fisch). Der tierische Zusatz bindet die Partikel, setzt sich ab und wird dann wieder entfernt - ist im Wein also nicht nachweisbar.

Zertifizierte vegane Weine gibt es in Sachsen momentan nicht.

Sachsenwein gibt’s auch in Orange!

Aus der Rebsorte Kerling entsteht der "Orange Wine".
Aus der Rebsorte Kerling entsteht der "Orange Wine".

Eine vierte Farbe für den Freistaat: Nach Weiß-, Rosé- und Rotwein bietet Jan Ulrich als erstes Weingut auch einen „Orange Wine“ aus der Sorte Kernling an. Kellermeister Ronny Koch erklärt: „Das ist Weißwein, der wie Rotwein vergoren wird.

Die Beerenschalen bleiben tagelang auf dem Most und färben den Wein orange.“ Das ergibt einen völlig anderen Geschmack, der an Tabak und Sherry erinnert.

Alle Weinstöcke sind halbe Amis!

Halb deutsch, halb amerikanisch: Die Weinstöcke werden in Sachsen gemixt.
Halb deutsch, halb amerikanisch: Die Weinstöcke werden in Sachsen gemixt.

Egal ob Riesling oder Spätburgunder: Unter der Erde sind alle Reben gleich. In Deutschland ist es Pflicht, dass alle neu gepflanzten Stöcke als Unterlage (Wurzeln) die amerikanische Wildrebe verwenden müssen.

Denn nur sie ist resistent gegen die gefürchtete Reblaus, die im Boden lauern kann. Darauf wird die eigentliche Rebsorte gepfropft - oben Riesling, unten Ami.

Das Elbtal ist nichts für Schnäppchenjäger!

Durch die extrem niedrigen Erträge bleibt der sächsische Wein ziemlich teuer.
Durch die extrem niedrigen Erträge bleibt der sächsische Wein ziemlich teuer.

Dass Sachsen ein Hochpreis-Weinland ist, wird sich so schnell nicht ändern. Die Erträge sind meist extrem gering, die Bewirtschaftung und Handlese in den terrassierten Steillagen ist sehr arbeitsintensiv. Hohe Nachfrage, hohe Kosten und wenig Menge - das treibt die Preise hoch.

Hinzu kommen regelmäßig Einbußen durch Spätfröste, Hagel und einen verregneten Herbst.

Sachsen ist nicht das nördlichste Anbaugebiet!

Oberhalb von Sachsen gibt es noch nördlichere Anbaugebiete.
Oberhalb von Sachsen gibt es noch nördlichere Anbaugebiete.

Zwar wird der Weinort Jessen bei Wittenberg dem sächsischen Anbaugebiet zugerechnet, der zu Saale-Unstrut gehörende Wachtelberg in Werder (Brandenburg) liegt aber noch nördlicher.

Außerdem wird mittlerweile sogar hinter dem Hamburger Michel und auf Sylt Wein angebaut. Sogar in Dänemark und Schweden gibt es einheimische Weine.

Vier von fünf Flaschen bleiben bei uns

Am häufigsten kaufen Privatkunden den Sachsenwein.
Am häufigsten kaufen Privatkunden den Sachsenwein.

Zumindest werden sie im Elbtal verkauft, erklärt Christoph Reiner vom Weinbauverband: „Der Verkauf an Privatkunden ab Hof ist der stärkste Absatzmarkt. Manche Güter leben zu 100 Prozent davon.“

Neben Sachsen greifen vorallem Touristen zu. Außerhalb des Freistaats werden höchstens 20 Prozent der sächsischen Weine verkauft.

Die meisten Winzer sind Genossen

Insgesamt 2500 Winzer gibt es in Sachsen.
Insgesamt 2500 Winzer gibt es in Sachsen.

Zwischen Pirna und Diesbar-Seußlitz leben 35 Winzer im Haupterwerb vom Weinbau, dazu kommen noch einmal 35 Weinbauern im Nebenerwerb. Insgesamt zählt die Statistik etwa 2500 Sachsen, die Weinbau betreiben.

Die Mehrheit, etwa 1500 von ihnen, ist Mitglied in der Meißner Winzergenossenschaft. Aber auch viele Privatweingüter kaufen Trauben von festen Partnern an.

Goldriesling taugt nicht zum Spitzenwein!

Unser Goldriesling ist kein Qualitätswein.
Unser Goldriesling ist kein Qualitätswein.

Sachsens Rarität ist in Sachen Fläche und Ertrag auf dem Vormarsch. Aber nicht in Sachen Qualität: Durch seine Eigenschaft, spät auszutreiben und früh reif zu werden, eignet sich der Goldriesling zwar für unser kühles Klima.

Er liefert aber lediglich leichte Zechweine mit unauffälligem Aroma und leichter Muskatnote. Für hohe Prädikate wie edle Auslesen taugt der Goldriesling nicht.

2014 ist kein guter Jahrgang!

Der Dauerregen zerstörte den Großteil der Weinernte.
Der Dauerregen zerstörte den Großteil der Weinernte.

Hand aufs Herz: Der aktuelle Jahrgang ist nicht sehr hochwertig. Dauerregen im September 2014 zwang Winzer zur Notlese noch nicht ausgereifter Trauben, bevor Fäulnis die ganze Ernte vernichtet.

Folge: Die aktuellen Jungweine schmecken spritziger, haben mehr Säure und weniger Alkohol als im langjährigen Mittel.

Kleiner Trost: Dieses Jahr spielt das Wetter bislang besser mit.

In Sachsen werden 66 Rebsorten angebaut!

Insgesamt 66 Rebsorten werden in Sachsen angebaut.
Insgesamt 66 Rebsorten werden in Sachsen angebaut.

Auf den Hängen des Elbtals wachsen 66 Rebsorten, 38 weiße und 28 rote! Die meisten wird es aber nie sortenrein als Wein zu kaufen geben. Oft handelt es sich um Neuzüchtungen, die versuchsweise auf kleinen Flächen stehen.

Bei den Weißen dominieren Müller-Thurgau (75 Hektar), Riesling (70) und Weißer Burgunder (59), bei den Roten liegen Spätburgunder (41), Dornfelder (22) und Regent (11) vorn.

Schloss Proschwitz

Georg Prinz zur Lippe (58) führt mit knapp 90 Hektar Sachsens (mit Abstand) größtes Privatweingut. Auch qualitativ liefert der Wein-Adel aus Zadel Jahr für Jahr einige der flüssigen Flaggschiffe des Anbaugebietes.

Schon auf die Basisweine ist stets Verlass. In der Spitze erhielt Schloss Proschwitz zuletzt die Auszeichnung für den besten Frühburgunder Deutschlands. Trinkempfehlung: Scheurebe QbA 2014, 14 Euro

Weingut Zimmerling

Egal ob Riesling, Burgunder oder Traminer - Klaus Zimmerlings Weißweine sind echte Individualisten. Er betreibt ökologischen Weinbau, ohne das extra zertifizieren zu lassen. Nach der Ernte vergärt der Most anfangs spontan mit wilden Hefen aus dem Königlichen Pillnitzer Weinberg.

Die Etiketten zeigen Skulpturen seiner Frau Malgorzata Chodakowska. Das Ergebnis: Hochklassige Weine für Ästheten. Trinkempfehlung: Gewürztraminer 2013 VDP. Große Lage, 20 Euro

Martin Schwarz

15 Jahre lang prägte er als Kellermeister den Stil des Weinguts Schloss Proschwitz. Jetzt kümmert sich Martin Schwarz nur noch um seine eigenen Weine, die in Sachsens besten Lagen wie Radebeuler Steinrücken und Meißner Kapitelberg wachsen.

Schwarz ist ein Qualitätsfanatiker, baut auch Weißweine grundsätzlich im Holzfass aus. Gemeinsam mit Anja Fritz betreibt er seit vergangenem Herbst am Stadtrand von Meißen das Weingut am Mariaberg. Trinkempfehlung: Rosarot 2013, 15,90 Euro

Schloss Wackerbarth

Das Staatsweingut am Fuß der Radebeuler Lößnitz ist wie ein kleines Disneyland des sächsischen Weinbaus. 120 Mitarbeiter bewirtschaften 104 Hektar in Radebeul und Seußlitz, kümmern sich um Weinund Sektbereitung.

Das Erlebnisweingut bietet Führungen an, betreibt Restaurant, Shop und veranstaltet zahllose Events. Die Wackerbarth- Sekte gehören zur deutschen Spitze. Trinkempfehlung: 2007er Sekt Cuvée Pinot brut, 18,90 Euro

Schloss Albrechtsberg

„Weine mit Weitblick“ verspricht der Dresdner Winzer Lutz Müller (43). Auf seinem Weinberg am Kavaliershaus von Schloss Albrechtsberg betreibt er in der Saison an Wochenenden und Feiertagen eine Straußwirtschaft.

Der sympathische Ausschank ist dem feinen WeinGuide Gault[&]Millau eine Empfehlung wert. Lutz Müller bewirtschaftet gegenwärtig insgesamt 3,5 Hektar Rebfläche am Schloss und in Dresden-Pillnitz. Seit 2012 steht er als Winzer komplett auf „eigenen Füssen“.

Müller ist ambitioniert: „Ich will Qualität im Glas. Ohne Kompromisse. Ich verkaufe lieber einen guten Rosé als einen schlechten Rotwein.“ Recht so...

Rustikales am Wegesrand: Winzer genießen hierzulande das Privileg, ihren Wein direkt und saisonal mit einem Snack vermarkten zu können. Strauß- oder Besenwirtschaft heißt so ein Ausschank (Adressen: www.elbland.de).

Tolle Weinfeste finden statt: 25.- 27. September - Meißner Weinfest und Herbst- und Weinfest Radebeul. 2.-4. Oktober - Historisches Weinfest in der Hoflößnitz mit Deutschem Winzerzug.

Noch mehr Termine im Internet- Blog: dresdenwein.de

"Master of Wine"

Freiberg - Sachsens größter Weinexperte wohnt nicht an der Elbe, sondern im Erzgebirge. Janek Schumann (45), Betreiber des Freiberger Geschäfts „La Vinothèque“, trägt seit dieser Woche den Titel „Master of Wine“ - als einer von nur acht Deutschen und erster Sachse überhaupt!

Den prestigeträchtigsten Titel, den es in der Weinwelt zu erwerben gibt, verleiht nur ein Institut in London - und das nach jahrelangem Studium und extrem harten Tests. „Die Durchfaller- Quote liegt bei 90 Prozent, bei Nicht-Muttersprachlern noch viel höher“, berichtet Janek Schumann.

Sieben Jahre lang büffelte der gebürtige Chemnitzer, der in Lichtenwalde auch das Restaurant „Weinwirtschaft“ führt, bis er reif war für den Meistertitel. Jetzt, wo er ausgewiesener Experte für so ziemlich alle Fragen der Weinwelt ist, füllt sich das Terminbuch zusehends mit Aufträgen für Schulungen, Vorträgen und Coachings. Seinem kleinen Laden in Freiberg will der neue „Master of Wine“ trotzdem treu bleiben.

„Im Kern bin ich immer noch ein Weinhändler.“

Urlaub beim Winzer

Ferien in den besten Lagen - das verspricht ein Urlaub beim Winzer. Mehr als zwei Dutzend Weinbauern in Sachsen schreiben Gastlichkeit groß und vermieten Fremdenzimmer.

Zum Beispiel Ulrich Lehmann (55) in Diesbar- Seußlitz. Familie Lehmann‘s Leidenschaft ist seit Generationen der Wein. Zum Familienbetrieb gehören neben dem Weingut eine Gaststätte und fünf Hotelzimmer „Die Zimmer sind im rustikalem Stil eingerichtet“, sagt Ulrich Lehmann.

Preis pro Einzelzimmer mit Frühstück 36,50 Euro, Doppelzimmer 56Euro.TraumhafteAusblicke gibt es gratis: Vor dem Haus grüßt die Elbe. Hinterm Haus leuchten die Weinberge. Selbstverständlich veranstaltet Lehmann auch Weinproben. Sie sind ein sinnliches Vergnügen nach einem aktiven Wandertag oder einer Radtour am Fluss.

Lehmanns Tipp: „Sehenswert ist auch das Schloss von Diesbar-Seußlitz. Es wurde von George Bähr errichtet, dem Erbauer der Dresdner Frauenkirche.“

Infos zum Urlaub beim Winzer: www.elbland.de

Der Geschichte des Anbaus

Der Sage nach hat Bischof Benno den Wein nach Sachsen gebracht, als er Anfang des 12. Jahrhunderts Reben nahe dem Meißner Burgberg pflanzen ließ. Schönheitsfehler der Legende: In der urkundlichen Ersterwähnung wird nicht Benno, sondern Markgraf Otto der Reiche genannt. Er übereignete 1161 einen ertragbringenden Weinberg.

1195 kaufte sich das Kloster Altzella das Dorf Zadel(bei Meißen), um Weinbau zu betreiben. Die folgenden Jahrhunderte breitete sich der Weinbau im Tal der Elbe und der Elster sowie in der Fläche aus. So war beispielsweise Senftenberg im 14. Jahrhundert eine blühende Weinstadt.

Markgraf Wilhelm I. gründete 1401 die WeingutanlageHoflößnitz- sieistdamitSachsensältestesWeingut. Qualitätsprobleme, Missernten, Reblausbefall: Um 1900 drohte der Weinbau in Sachsen fast ganz zum Erliegen zu kommen. Reinhold Bahrmann wollte sich damit nicht abfinden.

Er rebte 1907 die ersten Weinberge in Diesbar-Seußlitz mit veredelten Weinstöcken wieder auf...

Fotos: Sächsisches Weinbaumuseum Hoflöß, Petra Hornig, Sven Gleisberg, Holm Röhner

Fotos: Holm Röhner, Ove Landgraf, imago, PR

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