Sächsische Ideen, wie Integration klappen kann

Integrations-Projekte à la Sachsen.
Integrations-Projekte à la Sachsen.

Sachsen - Noch immer haben die Landesbehörden alle Hände voll zu tun, um den wöchentlich zu Hunderten ankommenden Flüchtlingen eine winterfeste Unterkunft anzubieten.

Die noch viel größere Herausforderung besteht allerdings darin, Tausende Zugewanderte mit Bleibeperspektive zu integrieren.

Zwar wird seit dieser Woche ein dringend benötigtes Integrationsgesetz zumindest diskutiert, von einem Konzept ist der Freistaat aber noch weit entfernt.

Es sind vielmehr kleinere Initiativen, Vereine oder Verbände, welche die Ideen für sinnvolle und nachhaltige Integrations-Projekte entwickeln und teilweise schon erproben.

Einige davon stellen wir hier vor.

Handwerk mit Rundum-Sorglos-Paket

Handwerk in Sachsen
Handwerk in Sachsen

Syrischen Flüchtlingen mangelt es selten an Willen, Engagement und Schulbildung - man muss ihnen nur Berufsorientierung und Sprachunterricht geben.

Die Leipziger Handwerkskammer könnte aus dem Stand mit 100 Teilnehmern in ein berufsorientierendes Jahr mit Sprachunterricht starten - mit Internat, warmem Essen und Anbindung an den Sportverein.

Danach beginnt die dreijährige duale Ausbildung im Handwerksbereich.

Das Konzept liegt bereits seit einem halben Jahr bei Bund und Freistaat vor. Doch die Politik scheut sich noch, die Kosten (20.000 Euro pro Teilnehmer) für das Vorbereitungsjahr zu zahlen.

Dabei könnte die Kammer die Kapazität auch zügig erweitern.

Das macht das Ministerium

Petra Köpping (57, SPD).
Petra Köpping (57, SPD).

Integrationsministerin Petra Köpping (57, SPD) erließ im September eine Förderrichtlinie für „Integrative Maßnahmen“. Seither haben Vereine und Verbände 450 Anträge gestellt.

Gemeinsam mit den Kommunen fordern sie zur Umsetzung ihrer Projekte über 30 Millionen Euro, es sind für 2015/16 allerdings nur 7,5 Millionen Euro im Fördertopf.

Darüber hinaus sollen noch im November 200 „Wegweiserkurse“ für Asylsuchende in Erstaufnahmeeinrichtungen starten.

Der einwöchige Kurs beinhaltet sprachliche und kulturelle Erstorientierung. Das Projekt läuft vorerst über sechs Monate.

Sport verbindet

Gemeinsamer Sport in Sachsen.
Gemeinsamer Sport in Sachsen.

Der Landessportbund (LSB) unterstützt Integrations-Projekte 2015 mit 50.000 Euro. 2016 vervierfacht der Bund die Summe.

Der LSB hat zudem für seine Mitglieder geklärt, dass Asylbewerber versichert sind, wenn sie in Vereinen mittrainieren oder turnen.

Die Stiftung des Deutschen Fußballbundes legte das Programm „1:0 für ein Willkommen“ auf.

Thomas Michalla (50) engagiert sich im SSV Textima Chemnitz für Integration. Er sagt: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Kinder, egal welche Sprache sie sprechen und egal welche Hautfarbe sie haben, einfach miteinander spielen und Freude und Spaß dran haben. Wenn wir Erwachsenen doch diese Unbekümmertheit wenigstens teilweise beibehalten könnten.“

Ordner zum Abarbeiten

Alles in einem Ordner.
Alles in einem Ordner.

Manche Ideen sind ziemlich einfach - und gerade deshalb genial.

Gemeinsam mit dem Jobcenter stellte die Stadt Dresden im September das Pilotprojekt „Mein Ordner“ vor, das die Behördengänge der Flüchtlinge erheblich erleichtern kann.

Zu allen zentralen Integrationsbereichen (z. B. Sprache, Arbeit, Gesundheit, Wohnen) gibt es im Ordner einen Ratgeber und eine Handlungsanleitung.

Projekt-Erfinder Kay Tröger: „In Dresdner Ämtern tauchen immer mehr Flüchtlinge mit diesen Ordnern auf, arbeiten die Aufgaben ab.“

Jetzt hat auch Leipzig 3000 dieser Hilfen bestellt - Pirna, Plauen und Crimmitschau zeigen Interesse.

Leitstelle für Unternehmen

Kay Tröger.
Kay Tröger.

Gerade erst haben sich die sächsischen Firmen flammend zur Integration der Flüchtlinge bekannt.

Facharbeitermangel und demografischer Wandel zwingen sie fast dazu. Problem: Vielen Arbeitgebern fehlt die Erfahrung im Umgang mit den teilweise komplizierten Einstellungsbedingungen von Zugewanderten.

Das IQ Netzwerk (Zwickau) plant im Rahmen der Initiative „Willkommen in Sachsen“ ein Projekt für eine Unternehmer-Info und -Beratungsstelle.

Hier soll der immense Informationsbedarf zu Aufenthaltsrecht, Feststellung und Anerkennung der Qualifikation, Förderung von Ausbildung und Spracherwerb gestillt und regional passend vermittelt werden - mit individueller Fallunterstützung.

Bilder statt Dolmetscher

Mit Bildern zur Sprache.
Mit Bildern zur Sprache.

Wo die Worte fehlen, helfen kleine Bildchen: Der Paritätische Gesamtverband entwickelte zusammen mit der Künstlerin Gosia Warrink Bildtafeln als Kommunikationshilfen für Flüchtlinge.

Die Idee: Symbole und Fotos überwinden jede Sprachbarriere.

Der „First Communication Helper“ (zwei DIN A4-Seiten) ist in Kategorien wie Kleidung, Gesundheit, Nahrung oder Verkehr eingeteilt.

„So können Flüchtlinge schnell das entsprechende Zeichen für die Beschreibung ihres Problems finden und sich durch einen Fingerzeig auf das Bild verständlich machen“, erklärt Warrink.

50.000 Exemplare der unkomplizierten „Dolmetscher“ sind gedruckt. Sie werden jetzt an Hilfsorganisationen ausgeliefert.

Deutschkurse als „Nothilfe“

Mittel für ein großes Sprachunterrichts-Programm stehen bereit.
Mittel für ein großes Sprachunterrichts-Programm stehen bereit.

Ganz kurzfristig hat die Bundesarbeitsagentur Sachsen die Gelder für ein großes Sprachunterrichts-Programm freigegeben.

Geschäftsführer Klaus-Peter Hansen: „Die Sprachkurse werden schnell, flächendeckend und unbürokratisch im Sinne einer Nothilfe gefördert - für mehr als 4000 Menschen.“ Das Angebot richtet sich an Flüchtlinge aus Eritrea, Iran, Irak und Syrien.

Das große Problem: Der Sprachkurs muss bis zum 31.12. begonnen werden und die Schüler müssen als Asylsuchende bereits registriert sein.

Die Volkshochschulen können unkompliziert beginnen - andere Bildungsträger sollen sich erst auf Eignung prüfen lassen und auf die Schnelle Lehrer organisieren - nahezu utopisch.

Diagnose per App

Hilfe könnte eine „SaxMedApp“ leisten.
Hilfe könnte eine „SaxMedApp“ leisten.

Laut Stichproben des Uniklinikums erfüllen die Hälfte der Flüchtlinge in Dresden diagnostische Kriterien einer posttraumatische Belastungsstörung.

Wegen der hohen Sprachbarriere und dem Mangel an Dolmetschern fällt Ärzten die Diagnose äußerst schwer.

Abhilfe könnte eine „SaxMedApp“ leisten, die ein Team der Medizinischen Fakultät entwickeln möchte. Anhand von Bildern und Tönen, die der Patient an einem Tablet zuordnen und bewerten kann, sammeln die Helfer bereits vor dem Arztbesuch digitale Daten, die für eine psychiatrische Untersuchung wichtig sind.

Der Projektantrag wurde soeben beim Freistaat eingereicht.

Jobben und lernen

Kombiniert: deutsche Sprache und ehrenamtliche gemeinnützige Arbeit.
Kombiniert: deutsche Sprache und ehrenamtliche gemeinnützige Arbeit.

„Deutsch ++“ heißt das sachsenweit einmalige Pilotprojekt vom Förderkreis Biotec, der Stadt Freital und dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.

Dabei lernen Flüchtlinge die deutsche Sprache und leisten auf Abruf ehrenamtlich gemeinnützige Arbeit.

Erste Aufträge führten die Asylbewerber bereits aus. Sie sicherten die Ausstellung des Schulmuseums von Birkigt, richteten Freiflächen im Schloss Burgk her und halfen bei Gartenarbeiten in der Grundschule Kleinnaundorf.

Enrico Schwarz vom Förderkreis: „Die Kurse sind begehrt. Teilweise besuchen sie doppelt so viele Teilnehmer wie geplant.“

Fotos: Helis, Hornig, dpa, imago, facebook/Förderkreis Biotec, Paritätischer Gesamtverband - Martin Wißkirchen, HWK Leipzig


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