Diese Gemeinde hat keine Angst vor Flüchtlingen!

Fühlen sich in Grillenburg wohl und in Sicherheit: die Asylsuchenden vor der Unterkunft.
Fühlen sich in Grillenburg wohl und in Sicherheit: die Asylsuchenden vor der Unterkunft.

Von Hermann Tydecks

Grillenburg - Übergriffe, Diebstähle, Vermüllung: Die Ängste vor den ankommenden Flüchtlingen waren groß in Grillenburg. Die Bewohner des 111-Seelen-Örtchens mitten im Tharandter Wald befürchteten, mit 80 Fremden überfordert zu sein.

Seit gut vier Monaten leben die Asylsuchenden nun in dem Erholungsort. Aus welchen Ängsten wurde Wirklichkeit? MOPO24 hat sich vor Ort umgehört ...

Das „Nein zum Heim“-Schild am Gartenzaun hing schon vor einem halben Jahr. Familie Schaller protestierte damit gegen die Notunterkunft des Freistaates, bevor die Flüchtlinge einzogen. „Es kommen einfach zu viele“, fürchtete die Ur-Grillenburgerin Gisela Schaller (78) damals.

Seit 134 Tagen sind die Fremden nun da.

Machte sich wegen der Flüchtlinge zunächst große Sorgen um Grillenburg: Anwohnerin Gisela Schaller (78).
Machte sich wegen der Flüchtlinge zunächst große Sorgen um Grillenburg: Anwohnerin Gisela Schaller (78).

Gibt es jetzt Probleme, die den Ort und seine Bewohner überfordern?

„Nö, eigentlich nicht“, antwortet Frau Schaller. „Also mir geht keiner auf den Wecker.“ Angst habe sie trotzdem. „Ich gehe nicht mehr alleine spazieren, das ist mir zu gewagt“, sagt die Rentnerin. Geredet habe sie noch kein Wort mit den Flüchtlingen.

Probleme durch Gespräche lösen

„Die sind freundlich zu uns, grüßen auch“, sagt Rainer Börner (69). Der Grillenburger ist einer von vier Anwohnern, die regelmäßig die Unterkunft besuchen. Mit dem Betreiber DRK sprechen sie dann über die aktuelle Lage.

Auch Jörg Klinder (51) gehört zu den Helfern. „Probleme wurden durch Gespräche aus der Welt geschafft“, sagt der Forstunternehmer.

MOPO-Reporter Hermann Tydecks (32) im Gespräch mit dem Grillenburger Rainer Börner (69). Der Helfer besucht regelmäßig das Heim, bespricht und klärt Probleme.
MOPO-Reporter Hermann Tydecks (32) im Gespräch mit dem Grillenburger Rainer Börner (69). Der Helfer besucht regelmäßig das Heim, bespricht und klärt Probleme.

So war das gelegentliche Schwarzangeln im Schlossteich schnell vorbei.

Auch ließen die Flüchtlinge anfangs Müll am Sportplatz liegen. Nachdem die Einheimischen dem DRK ihren Unmut darüber mitteilten, wurde ein Flüchtlings-Putztrupp gebildet. Der sammelt nun regelmäßig im Ort Müll ein. Übrigens auch den der Deutschen.

Grillenburg hat seinen Weg gefunden

Die befürchteten Belästigungen und Diebstähle blieben gänzlich aus. Ohnehin beklagen sich nur noch wenige Grillenburger.

„Der Lärmpegel im Sommer ist schon bis zum nicht mehr Aushalten“, ärgert sich Uwe Zitzmann (61), der direkt neben der Unterkunft wohnt. „Jetzt hat es sich beruhigt“, ergänzt seine Frau Karla (61).

Eine beherzte Bürgerin aus einem Nachbarort schenkte den Kindern der Flüchtlinge Plüschtiere.
Eine beherzte Bürgerin aus einem Nachbarort schenkte den Kindern der Flüchtlinge Plüschtiere.

Die Kiosk-Betreiber am Naturwaldbad und Gondelteich klagen über Umsatzeinbußen wegen ausbleibender Touristen.

Doch insgesamt hat Grillenburg seinen Weg und Umgang mit den Flüchtlingen gefunden. So lautet der Konsens im Ort.

Schwierig ist und bleibt der Austausch zwischen Fremden und Einheimischen dennoch, da die Heim-Bewohner ständig wechseln, kaum Englisch, geschweige denn Deutsch sprechen.

Am Dienstag brachte eine Bürgerin aus dem Nachbarort Plüschhasen für die Kinder vorbei. Der Jugendfreizeithof lädt die Familien einmal im Monat zum gemeinsamen Kaffee und Basteln ein.

„Wir haben hier eine gute Zeit, haben keine Probleme“, freut sich Flüchtling Alya M. (23), die vor dem Krieg aus Syrien geflohen ist.

Das „Nein zum Heim“-Schild hängt noch immer. Die Schrift ist allerdings längst verblichen.

So läuft das im Flüchtlingslager

Nach langem Behörden-Hickhack und desaströser Informationspolitik seitens des Freistaates zogen Mitte Juni dieses Jahres die ersten Flüchtlinge in die alte Grillenburger Forstschule ein. Die Erstaufnahme-Notunterkunft bietet Platz für 80 Flüchtlinge.

Aktuell leben 15 Familien und 14 allein Reisende (insgesamt 27 Männer, 17 Frauen, 13 Kinder) hier. Sie kommen etwa aus Eritrea, Syrien, dem Kosovo.

Nach maximal drei Monaten sollte jeder Flüchtling die Erstaufnahme wieder verlassen.

Es gibt aber Menschen, die schon seit dem Erstbezug in Grillenburg verweilen müssen. Insgesamt durchliefen bislang 234 Flüchtlinge die Unterkunft. DRK (neun Mitarbeiter) und Wachschutz (vier) sind vor Ort.

Der Standort gilt bei der Polizei mit nur wenigen Einsätzen im Monat als „ruhig“.

Ihm machen Umsatzeinbußen aufgrund ausbleibender Gäste zu schaffen: Matthias Fischer (44), Kiosk-Betreiber am Gondelteich.
Ihm machen Umsatzeinbußen aufgrund ausbleibender Gäste zu schaffen: Matthias Fischer (44), Kiosk-Betreiber am Gondelteich.
Flüchtling Alya M. (23) wollte Lehrerin für Englisch und Literatur werden. Dann brach in Syrien der Krieg aus.
Flüchtling Alya M. (23) wollte Lehrerin für Englisch und Literatur werden. Dann brach in Syrien der Krieg aus.

Fotos: Christian Essler/xcitePRESS


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