So hat's Gerhard Liebscher (Grüne) doch noch in den Landtag geschafft

Dresden/Plauen- Drei Anläufe, 15 Jahre warten, ein Schlusserfolg: Der frühere Unternehmer Gerhard Liebscher (64) sitzt für die Grünen im Landtag. Damit hat die wahrscheinlich längste Stellenbewerbung Sachsens ein glückliches Ende gefunden.

Sportsmann Liebscher brachte zahlreiche Lieblingsstücke aus dem Vogtland mit nach Dresden. Hier ein Bild von seinem Aufstieg auf den Kilimanjaro in Afrika!
Sportsmann Liebscher brachte zahlreiche Lieblingsstücke aus dem Vogtland mit nach Dresden. Hier ein Bild von seinem Aufstieg auf den Kilimanjaro in Afrika!  © Steffen Füssel

"Ich hätt wohl doch mit dem Zug kommen sollen." Zwischen Umzugskisten schaut Gerhard Liebscher aus dem Fenster seines Abgeordnetenbüros im Landtag. Am Morgen hat es im Vogtland geschneit. Und auf dem Auto von Liebscher hat sich bis Dresden eine Schneedecke erhalten. Auf seinem BMW! Einem Diesel!

Liebscher ist anders als andere Grüne: Er arbeitete für Konzerne, die die Globalisierung hätten erfunden haben können; er war Unternehmer. Vor allem war er ein Spätberufener: Der Parteieintritt datiert auf das Jahr 2008. Aber wählen "tut" er die Partei, "seid sie wählbar ist", schwäbelt er fröhlich.

Nach drei Anläufen mischt der Kreistagsabgeordnete nun auf Landesebene mit. Liebscher erinnert sich genau an den Wahlabend 1. September 2019, der zunächst wieder in eine Niederlage mündete - wie 2009 und 2014. Er steht auf Platz 12 der grünen Landesliste. Eigentlich zu schaffen. Doch dann holt der Dresdner Lehrer Thomas Löser (47) ein Direktmandat.

Liebscher, der in Plauen den ganzen Abend bangend die Zahlen der Landeshauptstadt beobachtet, ist enttäuscht.

Liebscher rückt nach

Kleines Büro, große Regale: Gerhard Liebscher (64) hat viel Platz für Bücher und Nachschlagewerke. Der Wirtschaftsfachmann engagiert sich in zwei Ausschüssen.
Kleines Büro, große Regale: Gerhard Liebscher (64) hat viel Platz für Bücher und Nachschlagewerke. Der Wirtschaftsfachmann engagiert sich in zwei Ausschüssen.  © Steffen Füssel

Gern hätte der frischgebackene Rentner noch einmal Verantwortung übernommen. "Ich habe mir ein Rennrad gekauft und gelernt, wie man Brot backt", beschreibt er den "Ersatz".

Bis der Anruf aus Dresden kam: Gerd Lippold (58) geht als Staatssekretär ins sächsische Umweltminsterium und gibt sein Mandat auf. Liebscher rückt nach - und bleibt im Geist doch weiter ganz pflichtbewusster Schwabe: "Jetzt sitz ich hier im Landtag rum, und daheim müssten eigentlich die Bäume geschnitten werden", ulkt er und kommt auf eines seiner politischen Ziele: Ausbau des Radwegenetzes und der Ladeinfrastruktur für eBikes im Vogtland.

Und der BMW? "Ist geleast, ein paar Wochen alt, mit neuester Technologie und dem kleinsten Motor. Desch isch erst mal okay." Doch ein eAuto ist bestellt, braucht aber noch eine Weile: Weil Liebscher gern die höhere staatliche Prämie mitnehmen will, die noch auf sich warten lässt.

Weil das Auto, ein ID.3 von VW, noch nicht geliefert wird. Und weil's im Landtag noch gar keine Ladesäule gibt.

Liebscher rückte für Gerd Lippold (58, Grüne) nach.
Liebscher rückte für Gerd Lippold (58, Grüne) nach.  © Thomas Türpe

Titelfoto: Steffen Füssel

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