So schuften Billigarbeiter für Leipzigs Autobau-Boom

Hier entsteht ein Panamera. Rund 28 Prozent aller auf dem Leipziger Porsche-Werksgelände tätigen Fachkräfte kommen nach Unternehmensangaben von Dienstleistern.
Hier entsteht ein Panamera. Rund 28 Prozent aller auf dem Leipziger Porsche-Werksgelände tätigen Fachkräfte kommen nach Unternehmensangaben von Dienstleistern.

Von Alexander Bischoff

Leipzig - Der Automobilstandort Leipzig gilt als Vorzeigebeispiel für modernen Fahrzeugbau in Europa. Doch offenbar hat der Boom auch eine gewaltige Schattenseite, wie eine aktuelle Sozialstudie der IG Metall jetzt beleuchtet.

Demnach werden bei BMW und Porsche die Autos überwiegend von Werkvertrags- und Leiharbeitern gebaut. Und die klagen über Unterbezahlung und eine miese Behandlung.

Laut IG Metall zählen nur rund 8 300 der 18 000 Beschäftigten am Leipziger Automobilstandort zu den Stammbelegschaften von Porsche und BMW. Alle anderen arbeiten bei Werkvertragsunternehmen, Leiharbeitsfirmen und Zulieferern.

Auch dieser Staplerfahrer im BMW-Karosseriebau ist ein Werkvertragsarbeiter. Diese müssen laut IG Metall besonders häufig Überstunden machen.
Auch dieser Staplerfahrer im BMW-Karosseriebau ist ein Werkvertragsarbeiter. Diese müssen laut IG Metall besonders häufig Überstunden machen.

In Leipzig seien weit mehr Kernaufgaben der Autoproduktion an industrielle Dienstleister vergeben worden, als an anderen Automobilstandorten, heißt es in der gestern veröffentlichten Studie.

„Früher hat ein Zulieferer Achsen geliefert, heute übernimmt er gleich die Montage und den kompletten Unterbau. Unsere Leute setzen dann oben nur noch die Karosserie drauf“, beschreibt der Leipziger BMW-Betriebsratschef Jens Köhler ein Beispiel.

Die Beschäftigten der Fremdfirmen arbeiten teils Seite an Seite mit den Stammbelegschaften auf dem Gelände von Porsche und BMW.

Allerdings: zu weit schlechteren Konditionen! Leiharbeit und befristete Verträge seien eher die Regel als die Ausnahme, heißt es in der Studie.

So ermittelte das Sozialforschungsinstitut sociotrend im Auftrag der IG Metall, dass die meisten Beschäftigten dieser Werkvertragsfirmen inklusive aller Zuschläge weniger als 2000 Euro brutto im Monat verdienen, 28,6 Prozent sogar weniger als 1750 Euro.

Blick ins Leipziger BMW-Werk. Zahlreiche Zulieferer und Werkvertragsfirmen sind an der Produktion der Autos beteiligt.
Blick ins Leipziger BMW-Werk. Zahlreiche Zulieferer und Werkvertragsfirmen sind an der Produktion der Autos beteiligt.

Acht Prozent gaben an, ihren Lohn mit Hartz IV aufstocken zu müssen. 43 Prozent erklärten, sich keinen Urlaub leisten zu können.

Mehr als die Hälfte der für BMW und Porsche arbeitenden Fremdarbeiter gaben an, dass ihre Wochenarbeitszeit regelmäßig höher sei, als vertraglich vereinbart.

Bei den Leiharbeitern müssen sogar zwei Drittel ständig länger schuften. Bei der Befragung beklagten die Fremd- und Leiharbeiter zudem einen Mangel an Respekt sowie einen unzureichenden Gesundheitsschutz.

Die IG Metall will jetzt für einen neuen tarifliche Ordnungsrahmen im Automobilcluster Leipzig kämpfen.

„Bei Werkverträgen und Leiharbeit darf es keine Schmutzkonkurrenz über Dumpinglöhne geben - der Wettbewerb soll ausschließlich über die Qualität und den Leistungsumfang entschieden werden“, nennt Leipzigs IG Metall-Chef Bernd Kruppa das Ziel.

Ein Kommentar von Alexander Bischoff

Die Autoindustrie ist Sachsens Stolz. Sie ist unser Export-Motor, unsere Job-Maschine.

Doch dieser Erfolg hat auch eine Schattenseite. Den beleuchtet jetzt die Studie der IG Metall. Fazit: BMW und Porsche stehen nur deshalb so gut im Wettbewerb, weil sie im großen Umfang Produktion über Werkverträge ausgelagert haben, weil Zulieferer heute Arbeiten übernehmen, die früher zum Kerngeschäft der (teuren) Stammbelegschaft gehörten.

Neben gut bezahlten Porsche- und BMW-Mitarbeitern arbeiten Tausende weit schlechter entlohnte Fremdarbeiter. Oft nur mit befristeten Verträgen ausgestattet oder als Leiharbeiter angeheuert.

Neben Billiglöhnen haben diese Beschäftigten kaum soziale Sicherheit. Wer in der permanenten Befristungsschleife hängt, lebt nach dem Prinzip Hoffnung. Familienplanung ist da kaum möglich. Einen Auto-Kredit mit befristetem Beschäftigungsverhältnis? Die meisten Banken winken da ab!

Doch die Autoindustrie ist bei weitem nicht die einzige Branche, die Wachstum auf dem Rücken von Billigkräften generiert. Selbst der öffentliche Dienst in Sachsen stellt heute fast nur noch befristet ein. Bei kommunalen Unternehmen arbeiten Heerscharen von Leiharbeitern.

Wer in die Jobbörse der Arbeitsagentur schaut, sieht den Wildwuchs der Arbeitnehmerüberlassung. Unmengen an Leiharbeitsfirmen suchen Personal für die Wirtschaft. Die stümperhafte Deregulierung des Arbeitnehmerüberlassungsgsetzes (AÜG) im Zuge der Hartz-Reformen (2003) war einer der größten Fehler von Rot-Grün unter Kanzler Schröder. Sie hat Tausende fair bezahlte Arbeitsplätze vernichtet und durch billige Leiharbeit ersetzt.

Zur letzten Bundestagswahl 2013 hatte die heutige Kanzlerin Angela Merkel (CDU) versprochen, das AÜG zu reformieren. Ein Gesetz sollte auf den Weg gebracht werden, das die Überlassungsdauer bei Zeitarbeit auf 18 Monate begrenzt. Nach dem die Wirtschaftslobby dagegen Sturm lief, hat man davon nichts mehr gehört ...

Fotos: dpa/Arno Burgi, dpa/Jan Woitas


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