Herz und Lunge neu: Er ist Sachsens tapferster Sportler

Im argentinischen Mar del Plata sicherte sich Naumann im Spätsommer die Goldmedaille.
Im argentinischen Mar del Plata sicherte sich Naumann im Spätsommer die Goldmedaille.

Von Thomas Nahrendorf

Zwickau - Er ist nicht nur Weltmeister der Herzen, sondern vor allem des Herzens: Dirk Naumann (45) vom SV Vorwärts Zwickau ist Speerwurf-Weltmeister der Transplantierten. 2009 bekam er eine neue Lunge und ein neues Herz!

30,22 Meter hat Naumann jetzt bei der WM in Argentinien geworfen. „Im letzten Versuch, das war Gold“, sagt er ruhig, strahlt aber innerlich. 30,22 Meter - ein Profi wirft das aus dem Stand, mit dem schwachen Arm. Aber einer mit einer neuen Lunge und einem neuen Herzen? Hut ab!

Dirk Naumann war Leistungssportler. Spielte für den ZHC Grubenlampe Zwickau in der 2. Handball-Bundesliga. Er, der in Zwickau Sport und Mathe auf Lehramt studierte, war doch immer gesund.

Dirk Naumann mit dem Speer und beim Weitsprung.
Dirk Naumann mit dem Speer und beim Weitsprung.

„Ich habe noch bis 1997 in Plauen-Oberlosa Handball gespielt. Dann habe ich aufgehört. Ich war ständig schlapp, habe keine Luft bekommen.“ Irgendwann kam die Diagnose: Sklerodermie.

„Mir wurde gleich gesagt, das läuft auf eine Lungentransplantation hinaus.“ Später, er arbeitete noch als Lehrer in Weischlitz, ging gar nichts mehr. Seit 2005 ist er Rentner. „Ich nahm rapide ab, mein Zustand wurde immer schlechter.“

So schlecht, dass er 2009 auf eine Intensivliste für Spender kam. Aber jetzt war es nicht nur die Lunge - auch ein neues Herz war nötig. „Ich musste in der Uni-Klinik Hannover auf die Spenderorgane warten. Am 8. Juli 2009 war es soweit.“

Es folgten zehn Wochen Intensivstation, sechs weitere OPs, vier Wochen auf der normalen Station, danach Reha. „Ich musste alles neu lernen, sitzen, laufen, reden, essen, alles“, sagt er.

Seine Frau Ingrid hielt immer zu ihm - sein großer Rückhalt. Ein Jahr später entdeckte Dirk den Sport wieder. „Ich war in Hannover zur Kontrolle. Da lag ein Flyer für die Deutschen Meisterschaften der Transplantierten. Da wollte ich mitmachen.“

Also begann er wieder leicht mit Sport. Nordic Walking, Rad, langsames Laufen. Überhaupt Leichtathletik. „Ich habe schnell gemerkt, dass mir die technischen Disziplinen mehr liegen. Ab 2013 habe ich mich auf den Speer konzentriert.“

2014 war er bei der EM Fünfter, nun gelang ihm der Goldwurf in Argentinien.

Dirk Naumann - ein Weltmeister des Herzens. Er ist angekommen in seinem Leben. Auch als Lehrer arbeitet er wieder einige Stunden in Weischlitz. „Ich bin glücklich“, sagt er zufrieden.

Sklerodermie kann fast alles befallen

Das war spitze! Dirk Naumann (45) hat’s beim Speerwurf allen bewiesen - auch sich selbst.
Das war spitze! Dirk Naumann (45) hat’s beim Speerwurf allen bewiesen - auch sich selbst.

Sklerodermie ist eine Bindegewebskrankheit, heißt übersetzt „harte Haut“.

Es handelt sich um eine Gruppe verschiedener seltener Erkrankungen, die mit einer Bindegewebsverhärtung der Haut allein oder der Haut der inneren Organe (besonders Verdauungstrakt, Lungen, Herz und Nieren) einhergehen. Die Ursache der Sklerodermie ist nicht genau bekannt.

Bis zu 50 von 100 000 Menschen erkranken jährlich. Wegen der Seltenheit der Erkrankung und des sehr unterschiedlichen Verlaufs mit variabler Organbeteiligung ist die Krankheit vor allem beim Fehlen typischer Symptome nur schwer zu diagnostizieren.

Im vorangeschrittenen Stadium kommt es zur Ödembildung an Händen und Füßen. Die Haut wird starr, sieht wachsartig und dünn aus. Charakteristisches Symptom im weiteren Verlauf ist das Maskengesicht mit starrer Mimik.

Jetzt wirbt er für den Organspenderpass

Dirk Naumann wirbt nun dafür, sich einen Organspendeausweis zuzulegen.
Dirk Naumann wirbt nun dafür, sich einen Organspendeausweis zuzulegen.

Dirk Naumann zeigt, dass man auch mit einer neuen Lunge und einem neuem Herzen am Leben aktiv teilnehmen kann. Er macht gleichzeitig darauf aufmerksam, wie wichtig Organspenden sind.

„Ohne sie wäre ich nicht mehr am leben. Jeder sollte sich überlegen, Organspender zu werden, sich einen Pass zuzulegen. Das ist auch für die Angehörigen wichtig“, sagt er.

Seine Organspende hat nicht nur sein Leben gerettet, sondern ein neues entstehen lassen. Sohn Matti kam 2013 zur Welt, vier Jahre nach der OP. „Ein kerngesunder Junge. Das rundet unser Glück ab.“

Naumann selbst musste viel mitmachen, hat sich durchgekämpft, aber die Spende hat sich gelohnt: „Ich muss jetzt zwar täglich 25 Tabletten schlucken, aber hey, ich lebe...“

Fotos: Peter Zschage; privat; Picture Alliance


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