Streit um Unterkiefer: Uni Heidelberg will ihn nicht rausrücken

Heidelberg - Wie gehen wir um mit für die Menschheitsgeschichte bedeutsamen Überresten? Die Frage stellt sich gerade in Nordbaden. Der Homo Heidelbergensis ist das Objekt der Begierde in der Fundort-Gemeinde Mauer. Die Uni Heidelberg will ihn nicht rausrücken.

John Ehret, Bürgermeister der Gemeinde Mauer steht mit der Replik des Unterkiefers im Rathaus.
John Ehret, Bürgermeister der Gemeinde Mauer steht mit der Replik des Unterkiefers im Rathaus.  © DPA

Muss der Homo Heidelbergensis bald in Homo Mauerensis umbenannt werden? Ganz so weit will man in der badischen Gemeinde Mauer nicht gehen. Auf deren Gemarkung entfuhr dem Sandarbeiter Daniel Hartmann beim Anblick eines ausgebuddelten Unterkiefers im Jahr 1907: "Heit hawwi de Adam gfunne" (im lokalen Dialekt: "Heute haben wir den Adam gefunden").

Der über 100 Jahre alte spektakuläre Fund bewegt derzeit die Gemüter - es geht darum, wer ihn wo und wie ausstellen darf. In Mauer (Rhein-Neckar-Kreis) wachsen die Begehrlichkeiten, das Schädelteil heimzuholen. Die etwa 15 Kilometer entfernte Universität Heidelberg hingegen will den Schatz nicht hergeben.

Sie zahlte damals Arbeiter Hartmann sogenanntes Knochengeld, womit der Kiefer automatisch in das Eigentum der Uni überging, erklärt Bürgermeister John Ehret. Ihm schwebt ein modernes Museum in Mauer rund um den Homo Heidelbergensis vor. Bisher gibt es in seinem Rathaus eine kleine Ausstellung rund um die Kopie des Knochenteils, das einem 20 bis 30 Jahre alten und 1,65 Meter großen Mann gehört haben mag.

Die Replik eines im griechischen Petralona gefundenen Schädels eines Homo heidelbergensis.
Die Replik eines im griechischen Petralona gefundenen Schädels eines Homo heidelbergensis.  © DPA

Dieser Kiefer hat für die Menschheitsgeschichte enorme Bedeutung. Das an einer trockengefallenen Neckarschleife gefundene Fossil gehört mit seinen 610 000 Jahren zu den ältesten menschlichen Funden in Europa.

Auf 800 000 Jahre bringen es nur noch menschliche Überreste in der Höhle Gran Dolina in Spanien. Der robuste Kiefer mit vielen erhaltenen Zähnen aus Mauer gewann unter dem Namen Homo Heidelbergensis als Vorfahre des Neandertalers internationale Berühmtheit. Heute werden alle Hominiden im Alter von 700 000 bis

300 000 Jahren übergreifend als Homo Heidelbergensis bezeichnet. Mit dem 4000-Einwohner-Ort Mauer wird er selten in Verbindung gebracht.

Eigentlich ist die Diskussion um die Rückführung der Attraktion nach Mauer nicht neu; sie hat aber wieder Fahrt aufgenommen durch die Stiftung des Ehepaares Dietrich Wegner und Cornelia Sussieck. Die beiden engagieren sich schon lange im Verein Homo Heidelbergensis in Mauer. Mit Schultes Ehret wollen sie einen Ersatz für den bisherigen Schauraum, der auch als Trauzimmer der Gemeinde dient; der sei noch "old school", bemängelt Ehret. Ihm schweben Nachbildungen von Waldelefanten und Kinder vor, die Sand sieben und dabei Relikte finden.

Replik eines Unterkiefers, der in der Sandgrube Grafenrain gefunden wurde.
Replik eines Unterkiefers, der in der Sandgrube Grafenrain gefunden wurde.  © DPA

Kurz: Ehret träumt von einem Erlebnismuseum. Im Mittelpunkt soll der Kiefer des Urmenschen stehen.

Im Original versteht sich. "Das ist unser Ziel", sagt Wegner, der Stifter und Ehrenvorsitzende des Vereins. Warum reichen die Repliken aus Hartgips oder Expoxidharz nicht aus? "Man spürt es anders", meint Ehret. Und Stifter Wegner spricht von der Aura, die ein Original umgebe.

Der pensionierte Biologielehrer ist in Gesprächen mit Sponsoren zur Realisierung der Idee. Wieviel Geld er und seine Frau in die Stiftung eingebracht haben und wen sie als Unterstützer im Auge haben, ist nicht bekannt. Als Hausnummer für die Kosten eines neuen Gebäudes auf einem von der Gemeinde bereits vorgesehenen Grundstück nennt Bürgermeister Ehret zehn Millionen Euro.

Doch das Objekt der Begierde ist sicher in einem Tresor der Universität Heidelberg untergebracht. Und das soll auch so bleiben, meint der Petrologe Michael Burchard. Beim Geschäftsführer des Instituts für Geowissenschaften der Universität Heidelberg beißen die Museumsfreunde auf Granit. In dem Institut sei der Homo Heidelbergensis am besten aufbewahrt, unterstreicht Burchard. Offizielle Gespräche über einen permanenten Ortswechsel des Schädelteils sind ihm nicht bekannt.

Allerdings werde der Kiefer bereits jetzt auf Anfrage an Museen verliehen, die den Transport und die Versicherung übernehmen. Das Original wird auch zu besonderen Anlässen im Institut gezeigt. Burchard ist überzeugt: "Das ist ein einmaliges Fundstück, das man nicht ausstellen sollte, niemand weiß, welche Analysemethoden es in Zukunft noch geben wird." Es bestehe bei Ausleihen oder Präsentation immer die Gefahr, dieses nie wieder beschaffbare Objekt für die Wissenschaft zu verlieren.

In der Museumswelt hat man durchaus Verständnis für die Position der Universität. Der Generaldirektor der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, Alfried Wieczorek, hält den "besonders wichtigen Fund zur frühen Geschichte der Menschheit" im Heidelberger Stahlschrank am besten gesichert. Die Museumsvisionäre aus Mauer lässt er abblitzen: "Wenn nach langen Jahrzehnten eine Gemeinde feststellt, dass ein besonderer Gegenstand bei Ihnen gefunden wurde und dieser sich touristisch auswerten lassen würde, dann muss eine derartige Gemeinde eine Kopie präsentieren."

Auch Schultes Ehret weiß: Weder Gemeinde noch Verein könnten das Vorhaben alleine stemmen. Doch er denkt an mögliche Sponsoren wie Dietmar Hopp oder die Klaus Tschira Stiftung. Denkbar sei auch, dass das neue Haus Außenstelle des Karlsruher Naturkundemuseums werde. Für den Rathauschef ist nur eines gewiss: "Wir haben noch ein hartes Brett zu bohren."

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