Zwischen Karussell und Bierzelt: Sie will den Wasen-Besuchern Gott näher bringen

Stuttgart - Statt Dirndl trägt sie Schwesterntracht: graues Kleid, schwarze Schürze, weißes Häubchen. Die Diakonisse aus Aidlingen (Kreis Böblingen) wirkt zwischen Bierzelt, Pommesbude und Autoscooter etwas deplatziert auf dem Cannstatter Wasen, einem der größten Volksfeste Deutschlands.

Rosemarie Bongartz trat mit 25 in die Aidlinger Schwesternschaft ein.
Rosemarie Bongartz trat mit 25 in die Aidlinger Schwesternschaft ein.  © DPA

Rosemarie Bongartz – oder Schwester Rosemarie, wie sie sich selbst nennt – sieht das anders. "Wir stehen hier, um Jesus Christus zu verkündigen", sagt die resolute Mittsechzigerin.

Ihr biblischer Missionsauftrag laute: "Geht hin in alle Welt!" Auf dem Wasen jedoch sei es umgekehrt: "Hier kommt die Welt zu mir."

Gemeinsam mit anderen Schwestern vom Diakonissenmutterhaus Aidlingen verkauft Schwester Rosemarie auf dem Wasen Bücher, CDs, Kalender, Postkarten - und Bibeln. 30 davon gingen in der ersten Wasen-Woche schon über den Ladentisch – nicht nur deutsche, sondern auch ein italienisches, russisches und hebräisches Exemplar.

Aus allen Weltgegenden kämen ihre Kunden, sagt sie. Ein Besucher, der gerade einen Stopp am Bibelstand einlegt, findet die Aktion "eigentlich ganz cool".

Sie bilde "ein Gegengewicht zum Essen, Trinken und Feiern", meint er. Auf den Kontrast hat es auch eine Frauengruppe in Dirndln abgesehen - allerdings als Fotomotiv für Selfies.

Manche Passanten verspotten Schwester Rosemarie

Der Bibelstand fällt zwischen den Fahrgeschäften auf.
Der Bibelstand fällt zwischen den Fahrgeschäften auf.  © DPA

Den Wasen-Exoten schlägt allerdings nicht nur Wohlwollen entgegen. Manche Passanten würden sie belächeln oder sogar verspotten, erzählt Schwester Rosemarie. "Für die bete ich dann."

Schützenhilfe erhält sie von der Betreiberin des Kettenkarussells gegenüber. "Das ist unser Glaube", bekräftigt die Frau. "Warum sollen wir den ausgrenzen?"

Generell sei das Verhältnis zu den Nachbarständen gut, bestätigt Schwester Rosemarie. "Man freut sich aufeinander, redet miteinander, guckt nacheinander."

Auch Jörg Klopfer, Sprecher der Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, sagt, das Engagement der Schwestern werde von den Schaustellern und deren Kindern geschätzt.

Für einen Gottesdienst auf dem Wasen etwa hätten die Schwestern gemeinsam mit Schausteller-Kindern jüngst ein Lied einstudiert. "Sie sind mit sehr viel Herz und Freude bei der Sache", lobt Klopfer.

Schwester Rosemarie steigt auch mal ins Riesenrad und ins Kettenkarussell, Pommes kauft sie regelmäßig beim Grill nebenan. Einen Widerspruch zu ihrer Berufung sieht sie darin nicht. "Christ zu sein, ist nichts Verschrobenes", sagt sie, und ihre wachen Augen funkeln hinter der randlosen Brille. "Da gehört jede Menge Lebensfreude dazu."

Früher arbeitete sie als Krankenschwester

Schwester Rosemarie liebte schon als Kind Rummelplätze.
Schwester Rosemarie liebte schon als Kind Rummelplätze.  © DPA

Gott hat sie an diesen Platz gestellt, davon ist Schwester Rosemarie überzeugt. Und dort fühlt sie sich wohl. "Schon als Kind habe ich Rummelplätze immer geliebt", erinnert sie sich.

Ihre zweite Leidenschaft gilt der Technik. Jahrelang hat sie als Krankenschwester Patienten in einer Klinik in Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) betreut – erst in der Chirurgie, dann in der Anästhesie, schließlich im Herzkatheterlabor.

All das sei möglich gewesen, obwohl oder gerade weil sie mit 25 Jahren in die Aidlinger Schwesternschaft eingetreten sei. Die pietistische Gemeinschaft wurde 1927 gegründet, hat aktuell 230 Mitglieder und gehört zur Evangelischen Landeskirche Württemberg.

Ihre Angehörigen leben den Dienst an Gott und den Menschen im Rahmen der Diakonie als Religionslehrerinnen, Altenpflegerinnen und Krankenschwestern.

Oder eben auf dem Cannstatter Wasen als Brücke zwischen Partygästen und Gott.

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