Alter von Flüchtlingen: Brauchen wir jetzt ein Röntgengerät?

Leonberg - Glaubt man jungen Flüchtlingen ihr Alter oder muss das Röntgengerät ran? Diese Frage wird in der Landespolitik zurzeit heiß diskutiert. Die Betroffenen und ihre Helfer haben ganz andere Sorgen.

Manfred Lucha (Bündnis 90/Die Grünen), Sozialminister von Baden-Württemberg, (r.) schaut sich während einem Besuch in einem Haus mit Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge das Zimmer eines Flüchtlings an.
Manfred Lucha (Bündnis 90/Die Grünen), Sozialminister von Baden-Württemberg, (r.) schaut sich während einem Besuch in einem Haus mit Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge das Zimmer eines Flüchtlings an.

Der Afghane war 16, als er während des großen Flüchtlingszustroms 2015 nach Deutschland kam. Deutsch sprach er damals noch kein Wort, einen Ausweis hatte er auch nicht dabei. Das zuständige Jugendamt schätzte ihn auf 23.

So kam es, dass der Jugendliche auf dem Papier der deutschen Behörden sieben Jahre älter war als in Wirklichkeit - bis ein offizielles Dokument aus seinem Heimatland ankam, das sein tatsächliches Alter bescheinigte.

"Dann wurde ich wieder 16", sagte der Flüchtling, der mittlerweile in einem Wohnheim in Leonberg wohnt und gut verständlich Deutsch spricht. Seinen Namen will der heute 18-Jährige nicht in der Zeitung lesen.

Anders als der junge Afghane aus Leonberg hat Hussein K., der verurteilte Mörder einer Freiburger Studentin, bewusst gelogen, als man bei seiner Einreise sein Alter feststellen wollte - ebenso wie mehrere junge Männer aus Nordafrika, die seit Monaten in Mannheim Straftaten begehen.

Seit das bekannt ist, diskutiert die Landespolitik wieder über die Altersfeststellung bei sogenannten UMAs (unbegleiteten minderjährigen Ausländern). Ob durch Lügen oder nicht, fest steht: Es passieren Fehler.

Der Flüchtling Hussein K. Im Prozess im Freiburg. Der verurteilte Mörder hatte bewusst wegen seinem Alter gelogen. (Archivbild)
Der Flüchtling Hussein K. Im Prozess im Freiburg. Der verurteilte Mörder hatte bewusst wegen seinem Alter gelogen. (Archivbild)  © DPA

Bisher waren die Jugendämter dafür zuständig, durch Gespräche und Beobachtungen das Alter der Neuankömmlinge zu erfassen. Medizinische Untersuchungen, beispielsweise durch Röntgenbilder, wurden nur sehr selten und bei begründetem Verdacht durchgeführt.

Innenminister Thomas Strobl (CDU) will das ändern und die Ausländerbehörden stärker einbeziehen, die mehr Befugnisse für Untersuchungen haben. Integrationsminister Manne Lucha (Grüne) war bisher dagegen. Nun scheint er sich ein Stück auf seinen Kabinettskollegen zuzubewegen.

"Wir wollen möglichst sichere Instrumente, um am Schluss das genaueste Ergebnis zu bekommen", betonte Lucha, der sich am Mittwoch in einem Wohnheim in Leonberg mit jungen Flüchtlingen und Sozialarbeitern austauschte. Man führe derzeit täglich Gespräche mit dem Innenministerium und wolle noch vor den Pfingstferien ein neues Konzept vorlegen, sagte der Minister.

Strobl sagte der dpa dazu am Mittwoch: «Wer sein Alter nicht über Dokumente nachweisen kann, wer bei der Altersfeststellung nicht mitwirkt oder sich gar verweigert, dem lassen wir die Behauptung der Minderjährigkeit nicht durchgehen, sondern der gilt bis zum Beweis des Gegenteils als volljährig.» Die FDP-Fraktion forderte Lucha auf, seine bisherige Ablehnung von Röntgenuntersuchungen aufzugeben.

Michael Weinmann, der im Leonberger Wohnheim täglich mit den jungen Menschen aus Afghanistan, Syrien, Irak und Nordafrika zusammenarbeitet, kann nicht verstehen, warum die Debatte derzeit so hochkocht. «Das hat in der Praxis kaum Anwendung. Es kommen doch gar keine UMAs mehr an - und die, die da sind, werden langsam alle volljährig.» Für Weinmann und seine Kollegen in Leonberg gibt es viel drängendere Probleme: Wie können die jungen Männer ihre Ausbildung antreten, wenn ihr Asylantrag abgelehnt wird? Was passiert mit den Flüchtlingen, wenn sie keine UMAs mehr sind? Wo können sie wohnen, wenn der Mietvertrag des Wohnheims ausläuft?

Auch der junge afghanische Bewohner kann die Aufregung um die Altersermittlung nicht ganz verstehen. "Ich glaube nicht, dass es viele Flüchtlinge gibt, die ein falsches Alter angeben", sagte der 18-Jährige, der zurzeit auf einen Ausbildungsplatz in Leonberg hofft. "Warum sollte man das tun, was bringt einem das?"


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