Mutmaßlicher Taliban vor Gericht: Log er, um als Flüchtling anerkannt zu werden?

Stuttgart - Weil er den radikalislamischen Taliban angehört haben soll, muss sich ein Afghane seit Dienstag vor dem Stuttgarter Oberlandesgericht verantworten.

Der Angeklagte in Handschellen am Dienstag vor Gericht.
Der Angeklagte in Handschellen am Dienstag vor Gericht.  © DPA

Dem jungen Mann wird zur Last gelegt, sich 2013 auf Druck seines Bruders und seines Onkels den Taliban angeschlossen zu haben, so die Stuttgarter Generalstaatsanwaltschaft. Der Angeklagte bestritt die Vorwürfe am ersten Verhandlungstag.

Laut dem Tatvorwurf soll er mit 17 Jahren für mindestens ein halbes Jahr Mitglied der Taliban gewesen sein. Für die Terrororganisation habe er in Afghanistan Wachen geschoben, schwer bewaffnet Fahrzeuge an einem Checkpoint kontrolliert und zahlreiche Menschen festgenommen.

Mehrere der Festgenommenen seien für Spione gehalten und ausgepeitscht worden, hieß es weiter. Als der junge Mann für eine Ausbildung zum Selbstmordattentäter in ein Lager nach Pakistan gebracht worden sei, habe er beschlossen zu fliehen.

Dazu sagte der Angeklagte, dass er seine Geschichte zwar im Jahr 2017 bei einer Anhörung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) so erzählt habe.

Vor dem Oberlandesgericht sagte der Afghane aus, dass er log, um so als Flüchtling anerkannt zu werden.
Vor dem Oberlandesgericht sagte der Afghane aus, dass er log, um so als Flüchtling anerkannt zu werden.  © DPA

Allerdings habe er gelogen, weil er dachte, so in Deutschland als Flüchtling anerkannt zu werden. Auch Angaben zur Familie stellte der Angeklagte anders da, als noch bei der Anhörung des BAMF.

Vor Gericht gab der Angeklagte an, eigentlich als Illegaler im Iran gelebt zu haben. Demnach war er lediglich 2013 drei Monate in Afghanistan, weil er in sein Heimatland abgeschoben worden war. In dieser Zeit habe er bei Verwandten gelebt, bevor er mithilfe eines Schleuser erneut in den Iran und später über die Türkei nach Deutschland geflohen sei.

Hier lebte er seit 2015 in Flüchtlingsunterkünften, machte nach eigenen Angaben unter anderem einen sechsmonatigen Sprachkurs und ein Praktikum als Schweißer. Der Angeklagte ist mutmaßlich 22 Jahre alt, den Behörden liegen aber unterschiedliche Geburtsdaten vor.

Seit Ende September sitzt er in Untersuchungshaft. Der Vorwurf lautet Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrorvereinigung. Weil er laut mit einem Sturmgewehr bewaffnet gewesen sein soll, muss sich der Angeklagte zudem wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verantworten. Für den Prozess sind fünf weitere Verhandlungstage vorgesehen. Ein Urteil könnte demnach am 7. Februar fallen.

Die Taliban sind radikale Islamisten, die für ein "islamisches Emirat" in Afghanistan kämpfen. Um ihre Ziele zu erreichen, verüben sie unter anderem Selbstmordattentate gegen ausländische Kräfte und afghanische Sicherheitskräfte. Dabei kommen auch Zivilisten ums Leben.

Titelfoto: DPA

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