TAG24-Interview: Was richtet jahrelanger Missbrauch mit einem Kind an?

Prof. Jörg Fegert ist Ärtzlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum in Ulm.
Prof. Jörg Fegert ist Ärtzlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum in Ulm.

Stuttgart/Ulm/Freiburg - Der Fall erschüttert Deutschland: Ein kleiner Junge aus der Nähe von Freiburg soll über Jahre an Männer verkauft worden sein - zum Vergewaltigen.

Über die Folgen solch eines massiven Missbrauchs haben wir mit Prof. Jörg Fegert gesprochen. Er ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm.

TAG24: Der Missbrauch soll rund zwei Jahre angedauert haben. Was richten solche Taten mit der Psyche eines Kindes an?

Jörg Fegert: Aus unterschiedlichen Trauma-Folgestudien wissen wir, dass viele Menschen, die in der Kindheit solche massiv belastenden Erlebnisse hatten, in ganz unterschiedlichen Stufen der weiteren Entwicklung Belastungen erfahren können. Es besteht ein höheres Risiko für seelische Folgen wie etwa Depression oder eine Posttraumatische Belastungsstörung, aber auch für körperliche Langzeitfolgen. Verschiedene Langzeitstudien haben sogar das Risiko für eine frühere Mortalität (Sterblichkeit, Anm. d. Red.) bei Personen, welche schwere Kindheitserlebnisse bewältigen mussten, beschrieben.

Aber: Bei einer Studie mit sexuell missbrauchten Kindern zeigte sich, dass etwa ein Drittel sich trotz schwerer Belastungen resilient zeigte. Diese Kinder hatten keine behandlungsbedürftigen Symptome. Resilienz bezeichnet einen Zustand, in dem Belastungen wie bei einer Imprägnierung abperlen und der Person nichts anhaben können.

Der neun Jahre alte Junge soll über Jahre vergewaltigt worden sein. (Symbolbild)
Der neun Jahre alte Junge soll über Jahre vergewaltigt worden sein. (Symbolbild)  © DPA

TAG24: Gibt es psychische Mechanismen, mit denen ein Kind sich vor dem Erlebten schützt, etwa durch Verdrängung? Und: Bricht so etwas später wieder hervor?

Jörg Fegert: Unsere angeborenen Mechanismen bei massiv bedrohlichen Situationen sind Flucht und Kampf. Wenn uns beides nicht möglich ist, reagieren wir Menschen starr und wie gelähmt wie das Kaninchen vor der Schlange. In diesen seelischen Überflutungszuständen, in denen keine Handlungsoptionen bestehen, kann sogenanntes Dissoziieren als psychischer Mechanismus beobachtet werden. Der Geist schwebt quasi aus der Situation weg, ist wie nicht mehr dabei und macht damit in der akuten Situation das unerträgliche scheinbar ertragbar.

In der Folge können solche Dissoziationen auch in anderen Situationen auftreten, wann immer Dinge an die traumatische Situation erinnern. Solche Erinnerungsanker oder "Trigger" können auch Gerüche sein, etwa wenn jemand ähnlich wie ein Täter riecht. Dann haben manche Betroffene oft auch Flash-Back-Erinnerungen, also Erinnerungen bei denen ihnen das Erlebte unmittelbar wie ein Film vor Augen steht.

TAG24: Die eigene Mutter soll den Jungen an Männer verkauft, die Verwandtschaft nichts bemerkt haben. Was bedeutet so etwas für das Vertrauensverhältnis des Kindes zu seiner Familie und zu Menschen im Allgemeinen?

Jörg Fegert: Die Therapieforschung zu hilfreichen Therapieansätzen bei sexuellem Missbrauch zeigt ganz klar, dass einer der wichtigsten Prädiktoren für Erfolge unterstützende Erwachsene sind, die zu dem Kind halten. Das sind zum Beispiel Mütter, die sich von missbrauchenden Vätern oder Partnern trennen und sich klar zum Kind bekennen. Ohne einen sicheren Ort, ohne eine Vertrauensperson unter den Erwachsenen, beispielsweise eine Oma der man alles sagen kann, ist die Verarbeitung in der Regel sehr viel schwieriger.

Wie kann es für den Jungen nun weitergehen? Welche Therapiemöglichkeiten gibt es? Und: Werden Opfer später selbst zu Tätern? Darum geht es morgen.

Derzeit sitzen acht Personen aus dem In- und Ausland in Haft, die sich an dem Jungen vergangen haben sollen. (Symbolbild)
Derzeit sitzen acht Personen aus dem In- und Ausland in Haft, die sich an dem Jungen vergangen haben sollen. (Symbolbild)  © DPA

WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0