Junge jahrelang missbraucht: Wird er je normal leben können?

Zwischen 2015 und 2017 soll ein heute Neunjähriger an verschiedene Männer zum Sex verkauft worden sein. (Symbolbild)
Zwischen 2015 und 2017 soll ein heute Neunjähriger an verschiedene Männer zum Sex verkauft worden sein. (Symbolbild)  © DPA

Stuttgart/Ulm/Freiburg - Die eigene Mutter soll einen heute neun Jahre alten Jungen aus der Nähe von Freiburg an Männer verkauft haben, die das Kind sexuell missbrauchten.

Mit Prof. Jörg Fegert hat TAG24 bereits über die psychischen Folgen solch eines Missbrauchs gesprochen. Er ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm. Doch wie geht es nach einem solchen Missbrauchsfall für das Opfer weiter? Und: Welche Möglichkeiten der Therapie gibt es?

Zunächst einmal müsse das Kind an einem sicheren Ort untergebracht werden, um sich auf eine Therapie einlassen zu können, betont Fegert. Und weiter: "Wo es auch im Alltag wieder unterstützende Beziehungen zu fürsorglichen Erwachsenen und zu Gleichaltrigen erleben kann." Aus dieser geschützten Situation heraus könne dann mit einer Therapie begonnen werden.

Laut dem Experten gibt es mehrere effektive Verfahren, um die traumatischen Erlebnisse zu behandeln: "Alle beruhen auf dem Prinzip, dass nach der Herstellung von einer emotional sicheren Situation daran gearbeitet wird, Überflutungen durch das Erlebte und daraus resultierende Angst und Vermeidung zu reduzieren und den Betroffenen zu ermöglichen, ihre Geschichte zu berichten, ohne dass sie davon überwältigt werden."

Prof. Jörg Fegert ist Ärtzlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum in Ulm.
Prof. Jörg Fegert ist Ärtzlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum in Ulm.  © DPA

Mit der ersten Therapie sei bei Kindern und Jugendlichen aber nicht alles getan. Die Opfer erfassten die ganze Dimension der Taten erst im Lauf ihrer weiteren Entwicklung (etwa in der Pubertät) und könnten sie dann besser einordnen. Darum brauche es teils mehrere Therapien.

Auch der heute Neunjährige aus der Nähe von Freiburg wird älter werden. Wird er je ein normales Leben führen, eine normale partnerschaftliche Beziehung aufbauen können? "Das wünsche ich ihm von Herzen", sagt Fegert. Wer so etwas erlebt hat, werde diesen Teil seiner Biografie aber nicht los.

Und: "Krankenbehandlung durch Psychotherapie bedeutet nicht wegmachen des Traumas, sondern das Erlebte wird erzählbar in eine Lebensgeschichte integriert und verliert damit das Lähmende, das Dämonische, das massiv Belastende."

Besonders schlimm: Der Junge wurde auch von der eigenen Mutter misshandelt. Was bedeutet das für das Kind? Wenn es zu sexueller Gewalt in der Familie komme, dann hätten die Opfer "große Probleme mit Scham und damit, dass niemand Ihnen glaubt", so Fegert.

Im Fall des über Jahre missbrauchten Jungen sieht der Ulmer Fachmann durch die polizeiliche Ermittlungsarbeit dahingehend eine Hilfe: "Die Tatsache, dass in diesem Fall die Fakten von den Ermittlern detailliert belegt werden können, werden für das betroffene Kind wenigstens eine Frage klären, die viele andere Personen umtreibt: 'Wird man mir glauben, wenn ich darüber spreche?'"

Um Missbrauchs-Taten zu bewältigen, braucht es teils mehrere Therapien. (Symbolbild)
Um Missbrauchs-Taten zu bewältigen, braucht es teils mehrere Therapien. (Symbolbild)  © DPA

Eine Frage, die sich viele Menschen stellen: Kann es passieren, dass ein missbrauchtes Kind später selbst zum Täter wird?

Fegert verweist darauf, dass je nach Studie ein etwas erhöhtes Risiko vor allem bei Männern bestehe, vom Opfer zum Täter zu werden. Jedoch: "Die allermeisten werden aber keine Täter, haben einen anderen Lebensentwurf, gründen Familien und kümmern sich liebevoll um ihre Kinder."

Er lenkt den Blick auch auf einen anderen Sachverhalt: Wenn mehrere Missbrauchsopfer unter einem Dach leben, kann es gefährlich werden. Denn was die therapeutische Arbeit in Kinder- und Jugendheimen sowie Pflegefamilien angeht, gibt Fegert zu bedenken, man wisse "aus eigenen aktuellen Studien, dass in Institutionen in denen größere Prozentsätze der dort untergebrachten Mädchen und Jungen selbst schlimmste sexuelle Gewalt- und andere Misshandlungs- und Vernachlässigungsformen erlebt haben, auch das Risiko, selbst erneut zum Opfer zu werden, durch dort ebenfalls zum Schutz untergebrachte Kinder und Jugendliche erhöht ist."

Er fordert dort deshalb Schutzkonzepte. Fegert verweist auf Johannes-Wilhelm Rörig, den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Dieser führe gezielte Informationskampagnen für Heime, Kliniken oder Schulen zu dem Thema durch. Dabei habe sich gezeigt, dass viele Institutionen bei der Auseinandersetzung mit der Thematik "noch zulegen können".

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