Fleischfabrik soll Katzen, Hunde und Ratten verarbeitet haben: Menschen rasteten völlig aus

Hamburg - Gammelfleischskandal endete mit etlichen Toten: Vor 100 Jahren erschütterten die "Sülze-Unruhen" Hamburg.

Die Produktion von Sülze (vorne rechts) löste vor 100 Jahren Unruhen in Hamburg aus.
Die Produktion von Sülze (vorne rechts) löste vor 100 Jahren Unruhen in Hamburg aus.  © dpa/Kai Remmers

Trotz der weit verbreiteten Hungersnot kurz nach dem Ersten Weltkrieg kommen die Zutaten der "Heilschen Delikateßsülze" bei den Hamburgern nicht gut an.

Ochsenkopf- und Kalbskopfhäute sowie Ochsenmäuler gehören zu den Bestandteilen, wie Hersteller Jacob Heil den Behörden im Jahr 1918 mitteilt.

Öffentlich preist er sein Produkt als "Sülze von größtem Nährwert und delikatem Geschmack" an.

Der ehemalige Gerbereibesitzer brüstet sich nach Angaben des Historikers Sven Philipski damit, Rohmaterial, das sonst für Lederzwecke verwendet worden sei, zur Ernährung der Menschheit nutzbar gemacht zu haben.

Die Hamburger Behörden kontrollieren die Firma, lassen sie aber trotz zweifelhafter Ergebnisse weitermachen.

Dann kommt der 23. Juni 1919. Beim Verladen auf ein Fuhrwerk vor der Fleischwarenfabrik fällt ein Fass auf die Straße und gibt seinen stinkenden Inhalt preis: verdorbene Schlachtabfälle. Die Kadaverreste sollten nach Angaben von Historiker Philipski zu Bauern in den Marschlanden gebracht werden - zum Düngen der Felder.

Der Gestank ruft die Aufmerksamkeit der Umstehenden hervor. Zusammen mit zufällig anwesenden Mitgliedern des revolutionären Arbeiterrates inspizieren sie die Fabrik.

Bei der Untersuchung eines Bottichs fallen angeblich die Worte: "Hurra, da haben wir ja einen Hundekopf!"

Rohwaren waren verschimmelt und voller Maden

Ob Hunde und Katzen wirklich zu Sülze verarbeitet wurden, weiß heute niemand genau.
Ob Hunde und Katzen wirklich zu Sülze verarbeitet wurden, weiß heute niemand genau.  © 123RF

Damit läuft die Gerüchteküche heiß. Die Kadaver von Hunden, Katzen und Ratten seien zu Sülze verarbeitet worden, heißt es. Das kann später in einem Prozess gegen Heil nicht belegt werden.

Ein staatlicher Tierarzt stellt jedoch fest, dass an die Sülzefabrik Häute geliefert wurden, die "faulig und stinkend und meist schlecht durchsalzen" waren und Maden enthielten.

Der übelriechende Brei vor der Firma bringt die Volksseele zum Kochen - auch wenn die eigentliche Revolution mit der ersten freien Wahl der Bürgerschaft längst abgeschlossen ist. Die Menge der Neugierigen vor der Fabrik schwillt an, sie dringt schließlich in das Gebäude ein.

Jacob Heil wird schwer misshandelt und in die Kleine Alster geworfen. Zwei Polizisten retten ihn, bringen ihn ins Rathaus. Die aufgebrachte Menge versucht daraufhin, das Gebäude zu stürmen. Die Wache gibt Warnschüsse ab, die Kriminalpolizei verspricht eine strenge Untersuchung der Vorwürfe gegen Heil.

Am nächsten Morgen kommt es zu neuen Zwischenfällen, wie Philipski unter Berufung auf Polizeiakten der Bürgerschaft schreibt. Demonstranten haben die Mitarbeiter des Fleischbetriebs ermittelt, treiben sie in einer Art Spießrutenlauf auf den Rathausmarkt und stellen einige von ihnen an einen Pranger.

Die Aufständischen gehen auch gegen andere Hamburger Fleischbetriebe vor, stürmen das für die Lebensmittelüberwachung zuständige Kriegsversorgungsamt und treffen auf überforderte Ordnungskräfte.

Erst 10.000 Soldaten stoppen die Sülze-Unruhen

Die Sülze-Unruhen sind in Wandbild am Gebäude der Verbraucherzentrale Hamburg verewigt.
Die Sülze-Unruhen sind in Wandbild am Gebäude der Verbraucherzentrale Hamburg verewigt.

Der vormalige Revolutionär und Sozialdemokrat Walther Lamp'l - von der ersten Regierung der Weimarer Republik zum Kommandanten von Hamburg eingesetzt - lässt eine militärische Freiwilligen-Einheit von 150 Mann aus Bahrenfeld anrücken.

Beim Anmarsch explodiert eine gestohlene Handgranate, was einen ersten Schusswaffeneinsatz zur Folge hat. Die Lage eskaliert. Lamp'l verkündet am 25. Juni den Belagerungszustand. Dennoch erobern die Aufständischen das Rathaus und töten 14 Mann der Freiwilligen-Einheit.

Insgesamt seien bis dahin 16 Sicherheitskräfte und 26 Zivilisten umgekommen, schreibt Philipski. Die Unruhen greifen weiter um sich. Im Stadthaus verbrennen Aufständische Akten und plündern, Bewaffnete erobern Gefängnisse und Gerichtsgebäude.

Nach einigem Hin und Her lässt Reichswehrminister Gustav Noske am 1. Juli 10.000 Soldaten unter dem Kommando von Generalmajor Paul von Lettow-Vorbeck in Hamburg einmarschieren.

Wie viele Menschen bei den "Sülze-Unruhen" umkamen, ist unklar. Der Historiker Uwe Schulte-Varendorff schätzt die Gesamtzahl der Getöteten auf 80 bis 90.

Ausstellung zum 100. Jahrestag

Im Prozess gegen den Sülzefabrikanten hätten nur wenige der Vorwürfe bewiesen werden können. Heil wird zu drei Monaten Gefängnis und 1000 Mark Geldstrafe verurteilt.

Die ihm nachgesagten Rezepturen leben jedoch fort - im "Hamburger Sülze-Lied" oder auch in einer zeitgenössischen Umdichtung von Schillers "Lied von der Glocke":

"Nehmt nun Fleisch vom Katzenbalge, tut auch Ratten dann hinzu, und dann kocht das edle Ganze mit den Mäusen zum Ragout, kocht und rührt den Brei, daß er sämig sei. Das werde gar und lecker, für die biederen Volksgeschmäcker."

Die Hamburger Verbraucherzentrale sieht die damaligen Ereignisse als "ersten Gammelfleischskandal" der Hansestadt. Am Gebäude der Beratungsstelle ist seit 2015 ein großes Wandbild mit den "Sülze-Unruhen" zu sehen.

Zum 100. Jahrestag der Ereignisse wird im Hamburger Rathaus eine Ausstellung gezeigt, die den Bogen von der unappetitlichen Pampe zum Verbraucherschutz schlägt.

Titelfoto: dpa, 123rf

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