Mord, Vergewaltigung, Rassismus: Aussie-Western "Sweet Country" startet im Kino

Berlin - Wow! "Sweet Country" von Regisseur Warwick Thornton (Samson & Delilah, Words With Gods, We Don't Need a Map) ist ein so kraftvoller Film, dass er lange im Gedächtnis haften bleibt.

Sam Kelly (r., Hamilton Morris) und seine Frau Lizzie (l., Natassia Gorey Furber) warten in der Kleinstadt im australischen Outback vor der einzigen Kneipe.
Sam Kelly (r., Hamilton Morris) und seine Frau Lizzie (l., Natassia Gorey Furber) warten in der Kleinstadt im australischen Outback vor der einzigen Kneipe.  © PR/Grandfilm
Der Aborigine Sam Kelly (Hamilton Morris), ein Ureinwohner Australiens, sitzt in Ketten und mit gesenktem Haupt auf einem Stuhl - umgeben von Weißen.

Warum? Wegen Harry March (Ewen Leslie), der durch das australische Outback zur Farm des gottesfürchtigen Fred Smith (Sam Neill) reitet und sich dort vorstellt.

Er hat eine angrenzende Ranch übernommen und benötigt Hilfe. Sam, seine Frau Lizzie (Natassia Gorey Furber) und seine Nichte Lucy (Shanika Cole) gehen dem ehemaligen Soldaten zur Hand - und werden zum Dank wie Dreck behandelt!

March vergewaltigt Lizzie und jagt die drei anschließend von seiner Farm, droht Lizzie damit, sie und Sam bei lebendigem Leib die Haut abzuziehen, wenn sie Sam, der nichts mitbekam, etwas sagt.

Anschließend reitet er zur anderen benachbarten Farm, der von Mick Kennedy (Thomas M. Wright) und "leiht" sich von dort die Aborigines Archie (Gibson John ) und Philomac (Tremayne und Trevon Doolan) aus. Letzteren bindet er nachts grundlos wie einen Hund an einen Stein.

Der befreit sich und löst damit eine Ereigniskette aus, die ihresgleichen sucht...

Rancher Mick Kennedy (l., Thomas M. Wright) und der junge Aborigine Philomac (r., Tremayne und Trevon Doolan) reiten in die Kleinstadt.
Rancher Mick Kennedy (l., Thomas M. Wright) und der junge Aborigine Philomac (r., Tremayne und Trevon Doolan) reiten in die Kleinstadt.  © PR/Grandfilm

Der Film ist von der ersten bis zur letzten Sekunde ein Kinoerlebnis der allerbesten Sorte.

Warum "Sweet Country" auf großen Festivals ausgezeichnet wurde, ist komplett nachvollziehbar.

Sowohl in Venedig 2017, wo er den großen Preis der Jury bekam, als auch in Toronto 2017, wo er den "Platform Prize" erhielt, wurde er mit Trophäen gekrönt. Darüber hinaus gab es einige weitere Awards und Nominierungen bei vielen anderen Festivals auf der ganzen Welt.

Nun hat es der Genremix aus Neo-Western, Rache-Thriller und Familiendrama endlich auch nach Deutschland geschafft.

Zum Glück für alle Cineasten! Denn Thorntons Werk ist ganz großes Independent-Kino, weil bis in die kleinsten Details nahezu alles stimmt.

Die 113 Minuten verfliegen geradezu, weil immer etwas (überraschendes) passiert, sodass "Sweet Country" (welch zynischer Titel!) einen durchgehend bei der Stange hält, was auch an den wichtigen Themen des im Jahr 1929 spielenden Westerns liegt: Rassismus, Macht, Unterdrückung, Kriminalität und Willkür sind nur einige der vielen Sujets.

Sam Kelly (r., Hamilton Morris) und seine Frau Lizzie (l., Natassia Gorey Furber) fliehen vor ihren Verfolgern tief ins australische Outback.
Sam Kelly (r., Hamilton Morris) und seine Frau Lizzie (l., Natassia Gorey Furber) fliehen vor ihren Verfolgern tief ins australische Outback.  © PR/Grandfilm

Und Thornton schwingt dabei nicht etwa die Moralkeule, nein, jeder Zuschauer kann sich seine eigene Meinung bilden, weil keine Figur eindimensional dargestellt wird, sondern genauso, wie Menschen auch in der Realität sind: Mit Stärken, Schwächen und Eigenheiten.

Auch wegen dieser Detailverliebtheit hat der Film sehr viel zu erzählen und schafft es dank eines genialen Schnitts dabei auch, den Zuschauer nicht zu überfordern oder zu verwirren. Im Gegenteil. "Sweet Country" setzt auf entlarvende und hochintelligente Art und Weise ein klares Zeichen gegen Rassismus, Diskriminierung und Intoleranz.

Dass es ausgerechnet einem kleinen Independent-Film aus Australien gelingt, so zu fesseln und zu begeistern, ist bemerkenswert.

Denn "Sweet Country" ist ein atemloser Film, der dank seiner realitätsnahen Inszenierung auch erschüttert. So gibt es nämlich einige äußerst brutale und schwer zu ertragende Szenen, die aufgrund ihrer physischen und psychischen Härte nicht jedermanns Sache sein werden.

Andere Filme hätten diese herausragenden Eindrücke mit einem verwaschenen Ende vielleicht zerstört - nicht so "Sweet Country"! Ein konsequenteres und stimmigeres Finale hat man selten gesehen.

Die weißen Dorfleute lassen die Aborigines ihre Abneigung deutlich spüren.
Die weißen Dorfleute lassen die Aborigines ihre Abneigung deutlich spüren.  © PR/Grandfilm

Ein eigenständiger Charakter ist auch das von der dynamischen Kameraführung fantastisch in Szene gesetzte australische Outback. Gedreht wurde in Alice Springs (Northern Territory) und Lake Gairdner (gelegen im Bundesstaat South Australia), sodass den Zuschauer eine malerische, exotische und extrem abwechslungsreiche Naturkulisse präsentiert wird.

Dazu kommen starke schauspielerische Leistungen und zeitversetzende Kostüme, die diese bewundernswerte Filmperle auch in den Nebenkategorien abrunden.

"Sweet Country" ist Ausnahmefilm, der einem noch lange Zeit im Gedächtnis bleibt, weil er moralisch anspruchsvoll ist, ihm seine Figuren wichtig sind, er deshalb und aufgrund vieler anderer gelungen eingesetzter Stilmittel extrem spannend ist und mit wunderschönen Bildern der atemberaubenden australischen Naturkulisse aufwartet. Mit seiner Konsequenz sammelt er weitere Pluspunkte und verdient sich deshalb eine absolute Sehempfehlung.

Mehr zum Thema Filmkritik:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0