Krassester deutscher Film des Jahres? "Systemsprenger" ist knallhart!

Dresden - Nichts für schwache Nerven! Das mehrfach ausgezeichnete deutsche Drama "Systemsprenger" von Regisseurin Nora Fingscheidt ("Synkope") startet am 19. September in den deutschen Kinos.

Mutter Bianca Klaaß (l., Lisa Hagmeister) ist mit ihrer schwierigen Tochter Benni (Helena Zengel) überfordert und kann deshalb nicht für sie sorgen.
Mutter Bianca Klaaß (l., Lisa Hagmeister) ist mit ihrer schwierigen Tochter Benni (Helena Zengel) überfordert und kann deshalb nicht für sie sorgen.  © PR/Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

Im "Oscar"-Kandidaten steht die junge Benni (Helena Zengel) im Mittelpunkt. Sie heißt eigentlich Bernadette, hasst diesen Namen aber und will deshalb nicht so genannt werden.

Sie ist ein Kind, das bereits viele Negativerlebnisse im Leben hinter sich hat und immer wieder heftig ausrastet.

Ihre Mutter Bianca Klaaß (Lisa Hagmeister) ist mit Benni nicht nur überfordert, sie hat sogar Angst vor ihren Gewaltausbrüchen. Zwar liebt sie ihre Tochter, kann und will jedoch nicht für sie sorgen, obwohl sich Benni nichts sehnlicher als das und ihre bedingungslose Liebe wünscht.

Denn so wird sie von einer Pflegefamilie zur nächsten geschoben und kann auch in Heimen immer nur für einen befristeten Zeitraum bleiben.

Die gutmütige Jugendamtmitarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeid) ist mit ihrem Latein am Ende. Was soll sie mit der Systemsprengerin machen? Wo soll sie sie noch unterbringen? Denn selbst in Sonderschulen bleibt Benni nicht lange.

Michael Heller (Albrecht Schuch) kommt da wie gerufen. Der Anti-Gewalt-Trainer nimmt Benni drei Wochen mit in den Wald, wo sie das erste Mal in ihrem Leben wirklich glücklich ist. Doch diese Phase vergeht schnell wieder...

"Systemsprenger" bewegt mit einer aus dem Leben gegriffenen Geschichte zutiefst

Anti-Gewalt-Trainer Michael Heller (Albrecht Schuch) dringt zu Benni durch, was jedoch zu neuen Problemen führt.
Anti-Gewalt-Trainer Michael Heller (Albrecht Schuch) dringt zu Benni durch, was jedoch zu neuen Problemen führt.  © PR/Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

Fingscheidt hat diese zutiefst bewegende Geschichte herausragend gut umgesetzt.

Sie recherchierte für ihre nah an der Realität gehaltene Milieustudie offensichtlich exzellent und erschafft so ein beklemmendes Portrait eines schwierigen Kindes, mit dem sich (fast) niemand näher beschäftigen kann und will.

Dabei gelingt es der gebürtigen Braunschweigerin, Benni und den anderen Charakteren viele verschiedene Facetten zu verpassen. Dadurch haben die Figuren Tiefgang und eine komplett eigenständige, unverwechselbare Persönlichkeit.

Das wiederum führt dazu, dass sich das Publikum mit den Protagonisten identifizieren- und ihre Motive nachvollziehen kann. Gerade Letzteres ist bei der komplexen Art einiger Charaktere eine großartige Leistung der Regie, des stilsicheren Schnitts, der klugen Dialoge und des erstklassigen Drehbuchs.

Überraschende Wendungen sorgen zudem für eine Achterbahnfahrt der Gefühle. So ist "Systemsprenger" stellenweise richtig witzig, beschert den Zuschauern kurz darauf einen Klos im Hals und schockiert mit bedrohlich inszenierten Ausraster-Sequenzen, in denen auch spannende visuelle Einfälle zur Geltung kommen.

"Systemsprenger" lebt von der überragenden Helena Zengel

Benni (Helena Zengel) rastet immer wieder heftig aus.
Benni (Helena Zengel) rastet immer wieder heftig aus.  © PR/Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

Die aggressiven Wutausbrüche wirken auch deshalb so authentisch und beängstigend, weil Zengel ("Die Tochter") genial spielt und sich ihre diffizile Rolle zu eigen macht.

Ihr zartes Gesicht steht dabei in krassem und angemessenem Kontrast zu ihrer körperbetonten Darstellung.

Das 2008 geborene Kind füllt die Rolle sowohl in den extrovertierten, als auch in den introvertierten Momenten perfekt sowie mit viel Leben aus und zieht das Publikum mit ihrer Performance vollends in den Film hinein.

Ein Beispiel: Heller zeigt Benni eine weite Wiese, auf der man sein Echo hören kann. Sie darf sich die Seele aus dem Leib schreien, was ihr sichtlich gefällt. Bis sich ihre tiefsitzenden Gefühle einen Weg an die Oberfläche bahnen und sie immer verzweifelter "Mama" schreit.

Die Sehnsucht in ihrer Stimme verfehlt ihre Wirkung nicht. Bennis Emotionen verschmelzen zu denen des Publikums.

Neben ihr holen auch ihre erfahreneren Kollegen wie Schuch, Schmeid und Hagemeister das Maximum aus ihren Rollen heraus.

So ist der Film mehrdimensional und führt dem Publikum einige Probleme der deutschen Bürokratie vor Augen. Dabei erhebt Fingscheidt nicht etwa anklagend den Zeigefinger, sondern sorgt dafür, dass die Zuschauer sich ihre eigene Meinung bilden können.

Qualität spricht sich herum: "Systemsprenger" ist ein Festivalhit und läuft weltweit

Doch Benni (r., Helena Zengel) hat auch andere Seiten. Hier tröstet sie die verzweifelte Jugendamtmitarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeid).
Doch Benni (r., Helena Zengel) hat auch andere Seiten. Hier tröstet sie die verzweifelte Jugendamtmitarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeid).  © PR/Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

Ihre nüchterne Erzählweise führt dabei zu einer noch stärkeren, nachhaltigeren Wirkung. Deshalb ist "Systemsprenger" einer der Filme, der auch Monate nach dem Kinobesuch noch im Gedächtnis herumspukt.

Das hat sich herumgesprochen, seit das Drama am 8. Februar 2019 seine Weltpremiere auf der 69. Berlinale feierte und wenige Tage später mit dem Silbernen Bären/Alfred-Bauer-Preis und dem Publikumspreis der Leserjury der "Berliner Morgenpost" ausgezeichnet wurde.

Ob in Oslo (Norwegen), Sofia (Bulgarien), Transsilvanien (Rumänien), Taipeh (Taiwan) oder bald Melbourne (Australien): Fingscheidts Werk hat es in die große weite (Kino-) Welt geschafft - völlig zurecht!

Denn auch die detailreichen Locations, die dynamische Kameraführung, die atmosphärische Musikuntermalung und die auffällig pinken Kostüme von Benni sind Stärken des Dramas.

So ist "Systemsprenger" ein zutiefst menschliches Drama geworden, das seine brisante Geschichte auf intelligente Art und Weise erzählt. Dazu greifen Schauspieler, Drehbuch, Regie-Führung und die Dialoge wie ein Rädchen ins andere und sorgen dafür, dass einem der wichtige Film nahe geht und noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Sehenswerter war deutsches Kino in den letzten Jahren nur ganz selten! Deshalb stehen auch die "Oscar"-Chancen trotz harter Konkurrenz gut.

Benni (Helena Zengel) ist ein intelligentes Mädchen, das mit ihren Verhaltensauffälligkeiten aber viele Menschen abstößt. (Bildmontage)
Benni (Helena Zengel) ist ein intelligentes Mädchen, das mit ihren Verhaltensauffälligkeiten aber viele Menschen abstößt. (Bildmontage)  © PR/Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

Titelfoto: PR/Yunus Roy Imer / Port au Prince Pictures

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