Zehntausende Besucher bei Denkmälern, aber Abrissbirnen lauern

Auch für dieses schmucke historische Einfamilienhaus an der Eichstraße 1 in Blasewitz liegt eine Abrissgenehmigung vor.
Auch für dieses schmucke historische Einfamilienhaus an der Eichstraße 1 in Blasewitz liegt eine Abrissgenehmigung vor.

Von Dominik Brüggemann

Sachsen - Am Sonntag feierte Dresden den Tag des offenen Denkmals, zeigte stolz seine historischen Häuser. Gleichzeitig wurden seit 2013 mindestens dreizehn geschützte Gebäude einfach abgerissen. Eine Villa an der Tolkewitzer Straße 57 sogar illegal.

Sachsenweit sind seit dem Jahr 2000 mehr als 4500 Baudenkmale plattgemacht worden. Dies ergab eine Kleine Anfrage der Grünen im Landtag. Wie weit geht der Abriss in Dresden noch?

Das Gesetz ist eindeutig: „Eigentümer und Besitzer von Kulturdenkmalen haben diese pfleglich zu behandeln, im Rahmen des Zumutbaren denkmalgerecht zu erhalten und vor Gefährdung zu schützen.“

Mit einer Genehmigung darf im Zweifel aber abgerissen werden. Für fünfzehn Gebäude in Dresden liegt die Erlaubnis vor.

Der Grünen-Abgeordnete im Landtag, Wolfram Günther (43), ist schockiert über die hohen Abrisszahlen von Kulturdenkmälern.
Der Grünen-Abgeordnete im Landtag, Wolfram Günther (43), ist schockiert über die hohen Abrisszahlen von Kulturdenkmälern.

Akuter Notfall samt Abrisserlaubnis: Das ehemalige Hotel „Stadt Leipzig“ an der Heinrichstraße in der Inneren Neustadt. Das barocke Gebäude bauten Handwerker zwischen 1706 und 1716.

Es gehörte zu den wenigen Häusern, die den 13. Februar 1945 unzerstört überstanden. Jetzt der Verfall, ein Ständer stützt das alte Mauerwerk.

Ebenfalls zum Abriss freigegeben: eine schmucke Hausvilla an der Eichstraße 1 in Blasewitz. Ähnlich der Villa an der Tolkewitzer Straße (MOPO berichtete) droht dem historischen Bauwerk das Ende.

Der Architekturexperte und Landtagsabgeordnete Wolfram Günther (43, Grüne) meint zu den Zahlen: „Die Größenordnung dieses unwiederbringlichen Verlusts an gebauter Kultur und Heimat ist erschreckend."

Für das Kulturdenkmal und ehemalige Hotel „Stadt Leipzig" aus dem Jahr 1706 liegt eine Abrissgenehmigung vor.
Für das Kulturdenkmal und ehemalige Hotel „Stadt Leipzig" aus dem Jahr 1706 liegt eine Abrissgenehmigung vor.
Auch für die „Reithalle" an der Bautzner Straße 24 lag eine Abrissgenehmigung vor. Jetzt stehen hier neue Wohnungen.
Auch für die „Reithalle" an der Bautzner Straße 24 lag eine Abrissgenehmigung vor. Jetzt stehen hier neue Wohnungen.

Busmann-Kapelle fertig

Die Busmannkapelle (li.) soll ein Erinnerungsort für die frühere Sophienkirche werden. Diese wurde 1963 abgerissen. Bereits illegal abgerissen wurde diese denkmalgeschützte Villa an der Tolkewitzer Straße (re.).
Die Busmannkapelle (li.) soll ein Erinnerungsort für die frühere Sophienkirche werden. Diese wurde 1963 abgerissen. Bereits illegal abgerissen wurde diese denkmalgeschützte Villa an der Tolkewitzer Straße (re.).

Was lange währt, wird endlich gut. Dieses Sprichwort könnte auch für die Gedenkstätte Busmannkapelle gelten. Seit dem Jahr 2009 in Zwingernähe im Bau, hat sie jetzt endlich ein kupfernes Dach erhalten.

Zum Tag des offenen Denkmals kamen gestern Dutzende Besucher, erinnerten an die ehrwürdige Sophienkirche, die bis 1963 hier stand.

Kein Geringerer als Prof. Gerhard Glaser (78), der ehemalige Sächsische Landeskonservator, sprach über die einst prächtige Kirche, die im Zweiten Weltkrieg größtenteils ausbrannte. „Sie war bis zu ihrer vorsätzlichen Zerstörung in der DDR im Jahr 1963 die älteste Kirche der Stadt“, so Glaser während seines Vortrages.

Ab 1994 dann der Umbruch: Der Stadtrat beschloss die Errichtung der Gedenkstätte für die Sophienkirche.

Nächster Schritt: Ab 2016 soll die Stätte für Ausstellungen, Vorträge und Andachten genutzt werden.

Dann kostet‘s eben mehr!

Kommentar von Dirk Hein

Denkmalschutz kostet Geld - und das ist gut so! Klar, wie aktuell bei der Albertbrücke, ist es sicher manchmal zum Haareausraufen mit den Denkmalschützern. Weil das alte Geländer an der Brücke eben nicht einfach durch ein schnörkelloses neues ersetzt werden kann, müssen Autofahrer vier Monate länger als ursprünglich geplant einen Bogen um die Brücke machen.

Und auch im Rathaus gibt der Stadtrat 250 000 Euro extra aus, um die Beleuchtung der Kuppelhalle historisch exakt nachzubilden. Im Angesicht der explodierenden Kosten für die Komplettsanierung scheint das tagträumerisch.

Oft lässt sich so viel Vernunft aber nicht ohne Zwang realisieren. Viele Investoren und Privatleute scheuen die Extrakosten oder können sie schlicht nicht bezahlen. Dann ein Auge zuzudrücken und eben doch einem Abriss zuzustimmen ist aber der falsche Weg.

Meist sind doch irgendwie Kompromisse möglich. Bestes Beispiel? Das einstige DVB-Hochhaus am Albertplatz. Drumherum steht jetzt zwar ein Einkaufstempel - doch durch dieses Gesamtprojekt war das marode Hochhaus zu retten.

Foto: Christian Essler/excitePress, Roland Halkasch, PR


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