Kommentar: Die Eintracht ist ein Abstiegskandidat!

Frankfurt am Main - Wir schreiben den 2. November 2019, zirka 17.20 Uhr: Eintracht Frankfurt hatte gerade den Rekordmeister FC Bayern München mit einem denkwürdigen 5:1 aus der Commerzbank-Arena gekickt. Nicht wenige, darunter auch ich, hatten dem hessischen Bundesligisten nun einen verheißungsvollen Hinrunden-Endspurt prophezeit. Doch es kam anders, wenn nicht sogar vollkommen konträr. Mittlerweile gehe ich soweit zu behaupten, dass diese Eintracht für mich sogar ein Abstiegskandidat ist!

Minen der Enttäuschung bei Bas Dost, Daichi Kamada, Djibril Sow und David Abraham (v.l.n.r.) nach der Last-Minute-Niederlage der Eintracht in der Europa League bei Standard Lüttich.
Minen der Enttäuschung bei Bas Dost, Daichi Kamada, Djibril Sow und David Abraham (v.l.n.r.) nach der Last-Minute-Niederlage der Eintracht in der Europa League bei Standard Lüttich.  © dpa/Marius Becker

Eine gewagte, wenn nicht sogar völlig schwachsinnige Meinung, werden nun viele sagen. Doch die Diva vom Main zeigt viele Anzeichen einer waschechten Krise. Und das, obwohl man vermeintlich noch alle Chancen auf einen Saisonabschluss hat, der der glanzvollen Spielzeit 2018/19 in nichts nachsteht.

Doch eben dieser Maßstab ist es, der mich zu meinem ersten "Problem" mit der Eintracht 2.0 oder der "After-Büffelherde-Ära" führt. In der Vorsaison erreichte man in der Europa League mit Pauken und Trompeten das Halbfinale, kegelte beinahe den späteren Champion FC Chelsea aus dem Turnier.

Doch damals gab es eben noch Sébastien Haller (25), Ante Rebic (26) und Luka Jovic (21). Während die drei in ihren neuen Vereinen mehr Frust als Lust erleben, waren sie bei der Eintracht nahezu gottgleich, spielten Stand jetzt den besten Fußball, den sie bislang (oder jemals) liefern konnten (oder werden).

Ihre Nachfolger, Bas Dost (30), André Silva (24) und Goncalo Paciencia (25) hinken in allen Belangen hinterher - genau wie das gesamte Team. Trotz Verstärkung in der Breite fehlen adäquate Ersätze für die abgewanderte "Büffelherde". Hier unterstelle ich den Verantwortlichen um Sportvorstand Fredi Bobic und Sportmanager Bruno Hübner regelrecht mangelnden Mumm. Und zwar insofern, dass nicht aller Mut, sowie die sicherlich aufgrund der Multi-Millionen-Verkäufe vorhandenen finanziellen Mittel, in die Hand genommen wurden, um eiskalte Knipser und physisch top-austrainierte Kicker an den Main zu lotsen.

Stattdessen pokerte man wochenlang um einen letztlich scheinbar kaum in Form befindlichen Dost und erhielt mit Silva als Tauschmittel einen jungen Portugiesen, der in ähnlich ambitionierten Ligen wie der Serie A und der Primera Division noch keinerlei nennenswerte Zeichen gesetzt hat. Dass darüber hinaus Stürmer Nummer vier der Vorsaison - bei allem Respekt für Paciencia - zum Heilsbringer der Eintracht-Offensive heraufbeschworen wird, sollte sämtliche Schwarz-Weiß-Roten Alarm-Glocken zum Schrillen bringen.

Abraham-Attacke, Bobic-Bredouille, Frankfurter Fußball-Frust

Der Rempler von Eintracht-Kapitän David Abraham (Li.) gegen Freiburg-Trainer Christian Streich zeigte, dass das Nervenkostüm der Frankfurter angekratzt ist.
Der Rempler von Eintracht-Kapitän David Abraham (Li.) gegen Freiburg-Trainer Christian Streich zeigte, dass das Nervenkostüm der Frankfurter angekratzt ist.  © dpa/Patrick Seeger

Und genau hier setzt das nächste Problem an - die Offensive. Denn die knipst Stand jetzt bei weitem nicht so effektiv - und mitunter eindrucksvoll - wie noch in der vergangenen Saison.

Dies ist aber auch auf die mangelnde Kreativität in den Abteilungen hinter den Spitzen zurückzuführen. Einzig Filip Kostic (27) rettet sich in dieser Hinsicht noch. Seine Flankenläufe sind brutal und brachial wie eh und je, seine Flanken lassen aber ebenso zu wünschen übrig, wie sein Abschluss (Anm. d. Red.: Siehe Kostics Großchance kurz vor dem entscheidenden 1:2 in Lüttich).

Ebenso hapert es an Spielwitz und der selten existenten Durchschlagskraft von potentiellen Spielmachern wie Rekordeinkauf Djibril Sow (22) und Überraschungs-Stammspieler Daichi Kamada (23). Besonders letzterer wäre im Eintracht-Kader der Vorsaison wohl eher einer für die Bank gewesen.

Doch es bringt nichts auf einzelnen Personalien herumzuhacken! Das 5:1 gegen die Bayern war keine Initialzündung, es sorgte für einen Bruch im Spiel der Eintracht. Ob es nun Übermut oder die Angst davor war, ab diesem Zeitpunkt nur noch enttäuschen zu können, man weiß es nicht. Fakt ist jedoch, dass die Eintracht binnen drei Wochen eine überaus gute Ausgangsposition in der Europa-League-Gruppe sowie den Anschluss an die Tabellenspitze verspielte.

Dabei geriet man überaus negativ in die Schlagzeilen, als Capitano David Abraham (33) Freiburg-Coach Christian Streich kurz vor Ende der ohnehin drohenden Niederlage per Frust-Foul einfach umcheckte - ein in höchstem Maße zu verurteilendes No-Go!

Ob sie es zugeben möchte oder nicht: Der Eintracht fehlt die "Büffelherde" um Ante Rebic, Luka Jovic und Sébastien Haller (v.l.n.r.).
Ob sie es zugeben möchte oder nicht: Der Eintracht fehlt die "Büffelherde" um Ante Rebic, Luka Jovic und Sébastien Haller (v.l.n.r.).  © DPA/Arne Dedert

Die Konsequenz war heftig: Sieben Woche und sechs Bundesliga-Spiele Sperre für Abraham. Doch Bock auf faires Verhalten hatte die SGE nicht. Ein Einspruch folgte dem nächsten, eine Anhörung, die eher einer Farce glich, bestätigte lediglich die Ausgangsstrafe.

Und auch Bobic ließ sich anmerken, dass es bei der Eintracht scheinbar weitaus mehr brodelt, als man zuvor vielleicht noch annehmen wollte. Laut Sky-Mitarbeitern habe er einen Reporter des Pay-TV-Senders im Nachgang eines Interviews übel beleidigt haben. Und auch die jüngste Niederlage gegen Wolfsburg zeigte: Die Eintracht hat trotz (vermeintlicher) spielerischer Überlegenheit nicht mehr den Biss, der sie vor weniger als einem Jahr noch auszeichnete und unberechenbar machte.

Die Art und Weise, wie die SGE zur Zeit Spiele aus der Hand gibt und sich teilweise selbst und ohne Not aus der Fassung bringt/bringen lässt, lässt eine Form der Verunsicherung vermuten, die der eines Abstiegskandidaten "würdig" ist.

Am Donnerstag (28. November/21 Uhr) haben die Hessen DIE große Chance für den Befreiungsschlag. Können die Hessen beim FC Arsenal ohne ihre Fans im Rücken überzeugen und im besten Fall etwas Zählbares aus dem Londoner Emirates Stadium mitnehmen, könnte dies den Aufschwung bringen, den man eigentlich schon nach dem Sieg gegen die Bayern vermutet hatte.

Gelingt dies nicht, droht das Aus in der Europa League sowie ein weiterer mentaler Knacks, der bis zum Ende der Hinrunde sogar dafür sorgen könnte, dass die Eintracht auch rein tabellarisch als Abstiegskandidat in der Bundesliga dasteht. Denn aktuell trennen die Mannen vom Stadtwald gerade einmal sechs Zähler vom gefürchteten Relegationsplatz.

Doch am Ende wird sich die launische Diva vom Main wieder berappeln, das Ausscheiden in der Euro League eventuell hinnehmen, den vollen Fokus auf die Liga legen und als kleines "Goodie" für die besten Fans der Welt eventuell eine kleine Überraschung im Pokal abliefern. Auch davon bin ich - trotz aller Skepsis - noch immer überzeugt!

TAG24-Reporter Angelo Cali beschäftigt sich intensiv mit der Frankfurter Eintracht.
TAG24-Reporter Angelo Cali beschäftigt sich intensiv mit der Frankfurter Eintracht.  © Angelo Cali

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