"Wir konnten uns das Leben nicht mehr leisten!"

Bremen - Harter, unbequemer Stoff: Der Bremer Tatort: Im toten Winkel führt in die Abgründe des Pflegesystems.

Bedrückender Einstieg: Rentner Claasen informiert die Polizei, nachdem er aus Verzweiflung seine Frau getötet hat.
Bedrückender Einstieg: Rentner Claasen informiert die Polizei, nachdem er aus Verzweiflung seine Frau getötet hat.  © Radio Bremen/Christine Schröder

Ein Rentner erstickt seine Ehefrau, nimmt selber eine Überdosis Schlaftabletten und informiert die Polizei.

Er wird - gegen seinen Willen - gerettet. Die Frau war pflegebedürftig.

Er sagt: "Wir konnten uns das Leben nicht mehr leisten."

Inga Lürsen (Sabine Postel, 63) und Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen, 49) müssen nun klären: gescheiterter Doppel-Suizid oder doch Mord?

Über den Gutachter Kühne ("Büddenwerder"-Bauer Peter Heinrix Brix, 62), der über Pflegestufen zu entscheiden hat, bekommen sie Einblick in den bedrückenden Alltag anderer Menschen, die Angehörige zu Hause pflegen.

Als Kühne tot aufgefunden wird, stellt sich heraus, dass er sich viele Feinde gemacht hat...

Lohnt sich das Tatort-Einschalten?

Für Oliver Lessmann (Jan Krauter, l.) ist Gutachter Kühne (Peter Heinrich Brix) schuld am Schicksal seiner Frau. Lürsen (Sabine Postel) muss schlichten.
Für Oliver Lessmann (Jan Krauter, l.) ist Gutachter Kühne (Peter Heinrich Brix) schuld am Schicksal seiner Frau. Lürsen (Sabine Postel) muss schlichten.  © Radio Bremen/Christine Schröder

Ja. Aber Vorsicht: Der "Tatort: Im toten Winkel" verlässt sich nicht auf übliche Spannungsdramaturgie, sondern kommt eher wie ein nüchterner Dokumentarfilm daher.

Hautnah und schonungslos zeigt der Film unterschiedliche Pflegeschicksale: das Rentner-Ehepaar, eine Frau, die an ihrer demenzkranken Mutter verzweifelt, eine junge Mutter mit Schädelhirntrauma. Unerbittlich werden uns Belastungen vor Augen geführt, die wir alle am liebsten verdrängen - streckenweise ist das sehr schwer erträglich.

Das klingt natürlich nach Thesen-"Tatort", nach einem Film, dem sein gesellschaftsrelevantes Thema wichtiger ist als "echter" Mord und Totschlag. Das geht oft schief. Hier nicht: Den Machern ist es gelungen, aus seinem schweren Thema einen schlüssigen Kriminalfall herauszufiltern, es gibt gleich eine ganze Handvoll Verdächtiger, und der Zuschauer kann mitknobeln.

Letztlich ein unerwartet stark erzählter Krimi, der den Blick auf die russische Pflegemafia, dubiose Gutachter und überforderte Angehörige richtet. Indem er Missstände ehrlich beleuchtet, rüttelt dieser Krimi auf.


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0