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An diesem Körperkult scheiden sich noch immer die Geister

Dresden - Für die einen ist es Körperkult, andere schauen pikiert weg. An Tattoos scheiden sich die Geister. Die Sticheleien machen das größte Organ des Menschen zur Leinwand für Kunst oder Kitsch - die Haut.
Stich für Stich entsteht ein Motiv: Das Tätowieren treibt manchmal auch den Hartgesottensten die Tränen in die Augen.
Stich für Stich entsteht ein Motiv: Das Tätowieren treibt manchmal auch den Hartgesottensten die Tränen in die Augen.

Von Uwe Blümel

Dresden - Für die einen ist es Körperkult, andere schauen pikiert weg. An Tattoos scheiden sich die Geister. Die Sticheleien machen das größte Organ des Menschen zur Leinwand für Kunst oder Kitsch - die Haut.

Wir sagen Euch, wie man zu guten Tattoos kommt, wen sie schmücken und wie man Jugendsünden wieder wegbekommt.

Die Sehnsucht nach einem Tattoo wird oft im Freibad oder Fitnessstudio geboren: Wow, so ein Tattoo wie der oder die will ich auch! In stundenlangen Sitzungen lässt man sich dann Arme, Waden oder frivole Eckchen des Körpers bestechen.

Die Uni Bochum hat mal nachgezählt: Bundesweit trägt jeder Fünfte der 25- bis 35-Jährigen ein Tattoo spazieren - ganz offen oder versteckt unter T-Shirt oder Slip.

In den 1980er-Jahren trat der Musiksender MTV den Boom los. "Da flimmerten plötzlich Rocksänger mit Tattoos in die Wohnstuben", hat Dirk-Boris Rödel (46) beobachtet. Der Chefredakteur des Tätowier-Magazins weiß, wovon er spricht: "Ich habe selbst um die 50 Tattoos von 40 verschiedenen Tätowierern auf meiner Haut."

Hat selbst 50 Tattoos auf seinem Körper: Tätowie-Magazin-Chefredakteur Dirk-Boris Rödel (46).
Hat selbst 50 Tattoos auf seinem Körper: Tätowie-Magazin-Chefredakteur Dirk-Boris Rödel (46).

Eines davon ist das Porträt des erst kürzlich verstorbenen Motörhead-Sängers Ian "Lemmy" Kilmister. "Nach einem Konzert bat ich ihn, das Tattoo mit Filzstift zu signieren. Danach ließ ich mir seinen Schriftzug noch hinter der Bühne stechen."

Tätowierer kann sich jeder nennen. Es gibt keine klassische Berufsausbildung, keine zertifizierten Prüfungen. Nur das, was da unter die Haut gespritzt wird, regelt seit 2009 die Deutsche Tätowiermittel-Verordnung.

Rödel: "Kontrollen sind beim Gesundheits- und Veterinäramt angesiedelt." Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat zudem festgestellt, dass durch Tattoo-Farben keine Häufung von Hautkrebs zu verzeichnen ist. Nur die Gefahr von Allergien bleibt.

Tattoo-Studios sprießen längst überall wie Pilze aus dem Boden. Doch wie erkennt man ein seriöses? "Die Nadel muss steril eingeschweißt sein. Der Tätowierer sollte Gummihandschuhe tragen", sagt Rödel. Außerdem sollte man sich das Prüfprotokoll des Sterilisators zeigen lassen.

"Wenn Tiere im Tätowierraum herumlaufen, der Tätowierer raucht und sich mit den Schutzhandschuhen am Kopf kratzt oder damit zum Feuerzeug greift, würde ich das Studio sofort verlassen", empfiehlt Dirk-Boris Rödel.

"Verpfuschte Tattoos sind ärgerlich, doch eine Infektion ist schlimmer."

Wegen mangelnder Hygiene beim Tätowieren gibt es in Haftanstalten, auf Diskos oder in der heimischen Küche immer wieder Hepatitis-Fälle.

Der Stundensatz beim Tattoo-Stechen schwankt, liegt zwischen 100 Euro bei Studios auf dem Lande und bis zu 400 Euro für ausgewiesene Künstler.

Ein halbes Dutzend davon gibt es laut Rödel in Deutschland: "Ein hoher Preis ist jedoch nicht unbedingt eine Garantie für Qualität. Auch Pfuscher können Unsummen verlangen."

Zwickauer ist ein Star der Szene

Seine Tattoos gehen unter die Haut: Tätowierer Randy Engelhard (37) gilt als brillanter Techniker farbrealistischer Motive.
Seine Tattoos gehen unter die Haut: Tätowierer Randy Engelhard (37) gilt als brillanter Techniker farbrealistischer Motive.

Gestochen scharfe Bilder, die unter die Haut gehen sind das Markenzeichen des Zwickauer Tätowier-Künstlers Randy Engelhard (37) - 1,90 Meter groß, Glatze, goldene Ohrringe und dank seiner Muskeln mit ausreichend Platz für Tattoos auf dem eigenen Körper ausgestattet.

Randy zählt zu den zehn besten Tätowierern in Deutschland, hat sich auf foto- und farbrealistische Tattoos spezialisiert. Man gibt ihm ein Bild und er tätowiert eine täuschend echte Kopie auf die Haut.

Randy wurde durch "Horror Tattoos - Deutschland, wir retten deine Haut" beim Spartensender Sixx landesweit bekannt, wo er vermurkste Tattoos durchs Übertätowieren, sogenannten Cover-Ups, aufhübschte.

Immerhin verflucht er selbst bis heute sein erstes eigenes Tattoo: "Ein beschissener Drache auf dem linken Oberarm!"

Er konnte es viel besser: "Mit 16 Jahren stach ich mir selbst ein Tattoo in den Fuß. Andere lasen die Bravo, ich das Tätowier-Magazin."

Inzwischen ist das Interesse an Randys Stil so groß, dass der Künstler nur zweimal im Jahr Tätowier-Termine vergibt. Am 3. Mai ist es wieder soweit. Zuletzt meldeten sich im November über 600 Interessenten auf nur 52 freie Sitzungen.

Manche lassen sich für einen echten Engelhard sogar aus Übersee einfliegen.

Im Zwickauer Studio Heaven of Colours gibt Randy sein Wissen auch an den Nachwuchs weiter. Der wird dort in einem seltenen einjährigen Berufsseminar zum Beispiel an die zwei Grundtechniken herangeführt: Tätowiermaschinen mit Magnetspulenantrieb (funktionieren ähnlich wie der Klöppel einer Türklingel) und mit Rotationsantrieb - wie sie auch Randy benutzt.

Wer welche Technik einsetzt, ist ein Glaubenskrieg. "Das ist wie bei Fußballern. Die einen schwören auf Adidas, die anderen auf Puma."

Derzeit wird die zweite Staffel der Tattoo-Retter-Doku für Sixx gedreht, bei der der Zwickauer wieder in der Jury sitzt.

Nächste Woche wäre er gern zur Dresdner Tattoo-Convention gekommen. "Doch ich bin zur Tattoo-Messe nach Mailand eingeladen."

In anderen Kulturen sind sie längst Kult

Sein Status steht ihm ins Gesicht geschrieben: Ein Maori ohne Moko hatte einen niederen sozialen Rang.
Sein Status steht ihm ins Gesicht geschrieben: Ein Maori ohne Moko hatte einen niederen sozialen Rang.

Tattoos sind fast so alt wie das Leben - Ausdruck sowohl von Macht als auch Ohnmacht, zur Selbstdarstellung, Eingruppierung oder Abgrenzung.

Schon das eiszeitliche Reitervolk der Skythen hob sich durch besonders großflächige Tattoos hervor. Auch die 5 000 Jahre alte Eismumie Ötzi war tätowiert. Ende des 19. Jahrhunderts sollen drei Viertel der amerikanischen Oberschicht Tattoos getragen haben. Sogar Kaiserin Sissi hatte angeblich ein Anker-Tattoo im Nacken.

Tattoos sind Bestandteil der Kulturen von Mikronesien, Polynesien und den Philippinen. Die Haut der Maoris in Neuseeland ziert das Ta moko - ein durch Kratzen und Schaben dreidimensional hervortretendes Tattoo.

Hierzulande enttarnten Tätowierungen ihre Träger lange als Matrosen, Soldaten, Häftlinge oder Unterwelt-Gangster. Auch die Mitglieder der japanischen Mafia Yakuza identifizierten sich über rückenfüllende Tattoos.

In der DDR und bei den Nazis war der Körperkult dagegen verpönt. Nur die SS trug eine Blutgruppentätowierung am linken Oberarm.

Tattoos waren lange eine Domäne von Rockern, Punks und Hooligans, später auch von geltungssüchtigen Filmstars. Spätestens die US-Realityshow "Miami [&] LA Ink - Tattoos fürs Leben" holte die skurrilen Hautmalereien vor elf Jahren aus der Schmuddelecke heraus und machte sie hoffähig.

Für "alte Sünden" gibt‘s zum Glück den Laser

Verpatzte Tattoos bereiten zweimal Schmerzen: einmal beim Stechen und nochmal beim Entfernen mit Laserimpulsen.
Verpatzte Tattoos bereiten zweimal Schmerzen: einmal beim Stechen und nochmal beim Entfernen mit Laserimpulsen.

Wenn der Partner, die Lieblingsband oder einfach nur der Geschmack wechselt, will man Tattoos am liebsten wieder loswerden. Doch einfach abkratzen? Das hinterlässt unschöne Narben.

Wie man Tattoos entfernt, versteht man am besten, wenn man weiß, wie sie entstehen. "Beim Tätowieren werden mit der Nadel Farbpartikel in die Mittelhaut gespritzt. Dort werden sie vom Körper eingekapselt", erklärt Kosmetologin und Laserschutzbeauftragte Anita Otto-Tonn (36) vom Körperwelt Institut Dresden.

Mit Laserlicht sprengt sie die Kapseln auf. "Dann schwemmt der Körper die Abfallprodukte über die Lymphbahnen und Nieren aus."

Entfernt werden kann jedes Tattoo, das nicht jünger als ein halbes Jahr (Farbe muss sich erst "gesetzt" haben) und nicht älter als 20 Jahre ist.

Otto-Tonn: "Früher wurden noch Farben verwendet, deren Abbauprodukte krebserregend sind."

Für die Entfernung eines 5 x 5 Zentimeter großen Schmetterlingstattoos sind 150 schmerzvolle Laserimpulse nötig. Preis: 50 bis 100 Euro pro Sitzung (2 bis10 sind nötig). Schmerz inklusive.

Wenn ein Tattoo zum nächsten kommt

Sie trägt ihr Kunstwerk auf der Haut: Am 5. März stellt sich Paulinkaa (22) aus Pulsnitz dem Tattoo-Starlet-Contest des Tätowier-Magazins.
Sie trägt ihr Kunstwerk auf der Haut: Am 5. März stellt sich Paulinkaa (22) aus Pulsnitz dem Tattoo-Starlet-Contest des Tätowier-Magazins.

Sie hat keine Angst vor Schmerzen: Paulinkaa Starker (22) aus Pulsnitz (bei Kamenz) hat die Lust an Tattoos in die Wiege gelegt bekommen: "Ich wollte schon als kleines Kind Tattoo-Modell werden und mir den ganzen Körper tätowieren lassen."

Der ehrgeizige Schlachtplan wurde gleich zwei Tage nach ihrem 18. Geburtstag umgesetzt. "Mein erstes Tattoo war eine rot-weiß gepunktete Schleife über dem Ellenbogen - 220 Euro teuer. "Ich hatte zwar Schmerzen, aber danach gleich schon den nächsten Tattoo-Termin ausgemacht."

So entstand Stich für Stich ein Körpergemälde. Den linken Arm ließ sie sich in schwarz-weiß tätowieren, den rechten kunterbunt mit Süßigkeiten wie Lollipos und Donuts: "Die Bilder sind eine Gedächtnisstütze, dass man das Leben nicht so ernst leben soll und immer ein bisschen Kind bleibt."

Auf Paulinkaas Dekolletee sitzt eine große Eule, "als Symbol für die Freiheit." Nur die Beine sind fast noch jungfräulich: "Sie sollen am Ende ganz klassisch mit einem Seemann, einer Rose und dem Spruch ‚Sei immer du selbst‘ glänzen."

Drei Jahre verheimlichte sie die Sticheleien auf ihrem Körper vor ihrer Mutti: "Sie mag keine Tattoos. Ich habe immer lange Ärmel und einen Schal getragen." Erst als Paulinkaa mit professionellen Fotos von Flyern lächelte und zu Tattoo-Starlet-Contests eingeladen war, ließ sie bei Mutti den Schal weg. "Sie war dann doch stolz auf mich. Nur die älteren Kolleginnen im Büro gucken manchmal blöd", erzählt die Bürokauffrau.

Bislang hat sie in ihrem Kamenzer Stamm-Studio schon rund 3000 Euro in ihre Hautverzierungen investiert und freut sich: "Tätowierte verstehen sich untereinander blind. Und man hat immer gleich ein Gesprächsthema."

Das Tattoo-Gen liegt offenbar in der Familie: Auch ihre Schwester mag Tattoos. Und ihr Bruder ist sogar Nachwuchs-Tätowierer, übt fleißig an Paulinkaas Fuß. Ein Selbstbildnis mit beiden Geschwistern soll später übrigens Paulinkaas Oberschenkel zieren.

Wer Paaulinka live sehen will, hat auf der Tattoo-Convention am kommenden Wochenende im Eventwerk Dresden Gelegenheit dazu. Online-Tickets: 10 Euro.

Erlaubt ist, was gefällt

Ein Tattoo sollte gut überlegt sein, sonst werden Jugendsünden schnell zur Peinlichkeit.
Ein Tattoo sollte gut überlegt sein, sonst werden Jugendsünden schnell zur Peinlichkeit.

Liebe [&] Hass (Love [&] Hate), Smiley oder Totenkopf, Notenschlüssel oder seilspringende Strichmännchen - es gibt nichts, was nicht schon als Tattoo gestochen wurde.

In den 1990er-Jahren gehörte es bei vielen zum guten Ton, am Baggersee mit einer Tätowierung überm Steißbein aufzulaufen - das sogenannte Arschgeweih. Unendlichkeitsschleifen, Katzen wie Hello Kitty oder Sternchen sind die Peinlichkeiten von morgen.

Und heute? "Trend ist, dass es keinen gibt", sagt Tattoo-Experte Dirk-Boris Rödel. "Tattoos gibt es in allen erdenklichen Stilrichtungen - japanische, traditionelle oder welche im Stil mittelalterlicher Kupferstiche. Gestochen wird, was gefällt."

Und das ist derzeit einfach alles querfeldein. "Jeder, der einem Trend folgt, wird früher oder später mit seinem Tattoo unzufrieden sein", weiß Willi Kühn (27), Shop-Manager vom Tattoo-Studio Heaven of Colours.

Er rät seinen Kunden: "Das Motiv sorgfältig auswählen und nicht am Geld sparen." Ein Tattoo ist schließlich eine Investition fürs Leben.

Manche reisen dafür sogar einmal um die Welt zu ihrem Lieblings-Tätowierer. Ist das noch Kunst oder kann das weg? Wenn man ein Tattoo nicht mehr mag, kann es durch Überstechen (cover up) in ein Alternativ-Motiv verwandelt werden.

Fotos: imago/stock[&]people (4), dpa/Claudia Drescher (1), 22-blickwinkel (2), PR (2)

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