Familienstreit an Weihnachten: Telefonseelsorge hört zu

Stuttgart - Weihnachten ist die Zeit der Besinnlichkeit, der Familie und der Ruhe. Doch was ist mit den Menschen, die einsam und an den Weihnachtsfeiertagen allein sind? Mit wem können Sie sprechen? Die Telefonseelsorge wird an diesen Tagen häufig angerufen.

An Weihnachten sind Familienstreitigkeiten oft ein Thema. (Symbolbild)
An Weihnachten sind Familienstreitigkeiten oft ein Thema. (Symbolbild)  © DPA

Eine sanfte weiche Stimme meldet sich am Telefon "Telefonseelsorge - Guten Tag". Es ist die Stimme von Krischan Johannsen, dem Leiter der Telefonseelsorge Stuttgart. Der ausgebildete Diakon und Therapeut arbeitet seit 17 Jahren in der Telefonseelsorge und hat auch an Heilig Abend viele Jahre Dienst gehabt.

Die Anruferdichte an den Feiertagen ist höher als sonst, denn das Weihnachtsfest sorgt in vielen Familien für Streit. Der 63-jährige Diakon erinnert sich noch genau an einen Anruf. "Ein Mann erzählte, dass seine Frau nach dem gemeinsamen Weihnachtsfest ihre Koffer packte und zu ihrem neuen Freund ging". Der Anrufe sei wie im Schock gewesen. "Wir lassen erstmal Platz für Gefühle". Der Mann hörte auf zu weinen und Johannsen besprach mit ihm die nächsten Stunden: Wie wird er die Situation den Kindern erklären? Wie geht es jetzt weiter? "Wir versuchen im Gespräch miteinander eine Lösung zu finden", sagt Johannsen.

Familienstreitigkeiten sind ein häufiges Thema bei der Telefonseelsorge an Weihnachten. Oft geht es aber auch um Trost, wenn Menschen ihren Partner in dem Jahr verloren haben und man an Weihnachten besonders mit dem Verlust konfrontiert ist. "Wir sind für die Menschen da, sie müssen die Situation nicht alleine durchstehen", sagt Johannsen mit seiner einfühlsamen Stimme. Oft tut es den Anrufern einfach gut jemanden zum Reden zu haben.

"Es ist eine besondere Atmosphäre an Heilig Abend", sagt er gegenüber TAG24. Der Diakon verweist aber darauf, dass die brisanteren Tage zwischen den Jahren liegen und für viele Menschen schwieriger sind, denn an Heilig Abend gibt es viele Hilfsangebote für Einsame, wie beispielsweise das Weihnachtsfest der "Evangelischen Gesellschaft (eva)". Dagegen blicken am Ende eines Jahres viele Menschen zurück, der Tod eines Angehörigen ist wieder präsenter und auch beruflich verändert sich oft etwas zum neuen Jahr.

Arme, Kranke und Einsame haben kaum Platz in der Gesellschaft

Eine ältere Frau telefoniert mit der Telefonseelsorge. (Symbolbild)
Eine ältere Frau telefoniert mit der Telefonseelsorge. (Symbolbild)  © Reiner Pfisterer, eva Evangelische Gesellschaft St

"Das ist meine Aufgabe in der Gesellschaft" sagt der Diakon. Es sind oft die Kranken, Armen und Einsamen, die in der Gesellschaft kaum Platz finden.

"Wir leisten unseren Beitrag mit diesen Gesprächen, wo sie ernst genommen werden und gehört werden". Das tut den Menschen oft sehr gut und sie sind dankbar für das aufmerksame Gespräch, dass durchschnittlich rund 22 Minuten dauert. Johannsen erzählt, dass die Gespräche in der Länge häufig sehr variieren - zwischen 20 bis 50 Minuten. In dieser Zeit führt er sehr intensive Gespräche, wie in einer Therapie.

Die Menschen rufen anonym bei der Telefonseelsorge an. Die telefonische Beratung nutzen viele im Alter von 40 bis 70 Jahren, den Chat nutzen mehr die Menschen zwischen 15 und 40 und per Mail wenden sich eher die 20-50-Jährigen an die Seelsorger.

Insbesondere arme und psychisch kranke Menschen nehmen das Angebot der Telefonseelsorge an. Arme können oft nicht an den Hilfsangeboten teilnehmen, da hier gelegentlich noch Unkostenbeiträge auf sie zukommen. Psychisch Kranke trauen sich manchmal nicht mehr aus dem Haus und verlieren durch die Krankheit soziale Kontakte.

Eine Kerze für jemand anzünden

Krischan Johannsen, Leiter der Telefonseelsorge, im Gespräch.
Krischan Johannsen, Leiter der Telefonseelsorge, im Gespräch.  © Reiner Pfisterer, eva Evangelische Gesellschaft St

Die Telefonseelsorge hat auch schon Menschenleben gerettet.

Manchmal rufen Menschen an, die so verzweifelt sind, dass sie sich das Leben nehmen wollen oder beispielsweise schon eine Überdosis Tabletten genommen haben. "Oft merken die Leute, wenn sie erzählen, dass es ein Gefühl oder ein Thema ist, dass sie überwinden können". Wenn Sie uns ihre Adresse geben, schicken wir einen Rettungswagen hin und bleiben solange bei Ihnen am Apparat, bis der Notarzt eintrifft.

Johannsen ist oft mit schweren Schicksalen konfrontiert. Er erinnert sich an ein anderes Telefonat: Ein Geschäftsmann war pleite gegangen und musste seinen Laden zum 31.12 schließen. Er führte den Laden in der dritten Generation und fühlte sich wie ein Versager. Er sei gescheitert und schämte sich vor den Familienahnen.

Der Seelsorger hörte zu, machte Mut und war einfach da. Der Anruf hat ihn gedanklich noch eine Weile beschäftigt. "Wir wissen nicht, was mit den Menschen danach passiert". Die Anrufer sind anonym. Wie geht Johannsen mit der Situation um? "Ich bete für sie, schick ihnen einen guten Gedanke oder zünde eine Kerze an". Die rund 130 ehrenamtlichen Telefonseelsorger haben eine zweijährige Ausbildung, gehen regelmäßig zur Supervision und tauschen sich aus.

Und manchmal erhalten Sie eine Spende mit einer Nachricht "Vielen Dank für das gute Gespräch", dann wissen Sie wofür sie jeden Tag 24 Stunden lang da sind und dass sie jemand in einer schweren Zeit etwas Gutes tun konnten.

Mehr zum Thema Weihnachten:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0