Jenseits der Tränen wartet der Trost: Wer richtig trauern kann, tankt Kraft zum Weitermachen

Dresden - Bevor kommenden Sonntag die Adventszeit eingeläutet wird, ist es heute noch einmal an der Zeit, sich um die Gräber der Angehörigen zu kümmern, sie zu schmücken und zu pflegen und der lieben Hinterbliebenen zu gedenken. Der Totensonntag - ein stiller Feiertag, der uns alle nachdenklich macht.

Geweint wird hier nicht: In Mexiko ist der Tag der Toten einer der wichtigsten Feiertage. In Mexiko City gibt es eine große Straßenparade mit Skeletten und dem Sensenmann.
Geweint wird hier nicht: In Mexiko ist der Tag der Toten einer der wichtigsten Feiertage. In Mexiko City gibt es eine große Straßenparade mit Skeletten und dem Sensenmann.  © 123RF

Indianer vom Stamm der Navajo beweinen ihre Toten nur vier Tage. Die Witwen der Zulu in Südafrika hingegen trauern ein Jahr lang schwarz gekleidet abseits der Gesellschaft, während der Tag der Toten ("Día de los Muertos") in Mexiko als kunterbuntes Volksfest über die Bühne geht.

In jeder Kultur gehört der Tod zum Leben dazu. Wie lange und intensiv getrauert wird, dafür gibt es keine wissenschaftliche Formel.

Ein Jahr. So lange, sagt man, brauche es, um über den Verlust eines geliebten Menschen hinwegzukommen. Aber: "Jeder Mensch trauert auf seine Weise", weiß Michael Leonhardi (61). Der Pfarrer ist Seelsorger am Dresdner Uniklinikum und Herzzentrum. Er hat täglich mit den Sorgen und Schmerzen von Hinterbliebenen zu tun.

Leiden - das ist keine Krankheit, die man einfach mit Tabletten behandeln kann. Aber man kann versuchen, sich dem Schmerz zu stellen und ihn zu lindern.

Ein Geistlicher für ganz weltliche Probleme: Pfarrer Michael Leonhardi (61) ist Klinikseelsorger am Dresdner Uniklinikum und im Herzzentrum.
Ein Geistlicher für ganz weltliche Probleme: Pfarrer Michael Leonhardi (61) ist Klinikseelsorger am Dresdner Uniklinikum und im Herzzentrum.  © Holm Helis

Die schlechte Nachricht: Trauern funktioniert nicht nach einem Schema. Die gute: Man kann trotzdem versuchen, sie zu verstehen.

"Fürs Trauern und Trösten gibt es keine Faustregel. Eine grobe Orientierung aber geben die vier Phasen der Trauer", sagt Michael Leonhardi. Zunächst zieht einem der Schock den Boden unter den Füßen weg, man fühlt sich überrumpelt, im Schock erstarrt. "Das ist Phase eins", so der Pfarrer. Das kann Tage bis Wochen anhalten. "In der zweiten Phase brechen dann die Emotionen auf: Trauer, Zorn, Freude, Wut und Angstgefühle", weiß Leonhardi. "Diese Phase ist wichtig. Hier braucht der Trauernde jemand, der ihm zuhört."

Anschließend, wenn sich die Gefühle und Emotionen beruhigt haben, beginnt der Trauernde in der dritten Phase sich zu orientieren, in der Realität zurechtzufinden. Nicht selten wird ihm schmerzlich bewusst, dass der Verstorbene nie wiederkehren wird. Zu guter Letzt, in der vierten Trauerphase, öffnet sich schließlich der Blick in die Zukunft.

Was uns die vier Phasen lehren? "Trauer muss fließen, ständig in Bewegung bleiben", so Pfarrer Leonhardi. Als Seelsorger ist er der 61-Jährige natürlich besonders sensibel. "Man muss diese Wucht begreifen. Da vergesse ich schon einmal die Zeit und bleibe von 3 Uhr nachts bis früh um 9 Uhr bei den Hinterbliebenen."

Der Seelsorger hat immer ein offenes Ohr - jederzeit für Jedermann.
Der Seelsorger hat immer ein offenes Ohr - jederzeit für Jedermann.  © Holm Helis

Wenn nichts mehr tröstet,muss der Experte helfen

Prof. Kerstin Weidner (52) weiß: Trauer kann krank machen.
Prof. Kerstin Weidner (52) weiß: Trauer kann krank machen.

Der Verlust eines geliebten Menschen lässt oft die Grundfesten der Hinterbliebenen erschüttern.

Was passiert, wenn der Schmerz aber kaum noch auszuhalten ist?

"Trauer kann krank machen", weiß Prof. Kerstin Weidner (52), Direktorin der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Uniklinikum Dresden.

"Aus der Trauer heraus kann sich eine pathologische, also anhaltende Trauerstörung entwickeln." Die Symptome sind mannigfaltig, jeder Mensch leidet individuell. "Diese Störung äußert sich in intensiver Sehnsucht nach der verstorbenen Person, Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen bis hin zu Depressivität, Alpträumen sowie auch körperlichen Störungen." Trauernde können zum Beispiel Schmerzen verspüren, man kennt in diesem Zusammenhang den Herzschmerz", sagt Kerstin Weidner.

Der Ausweg aus dieser Spirale ist die Psychotherapie. "Betroffene lernen, dass Gefühle wie Zorn zum Trauerprozess dazu gehören, sie lernen aber auch Abschied und Neuorientierung", sagt Weidner.

In Deutschland gilt das Bestattungsgesetz. Wer sich außergewöhnlich unter die Erde bringen lassen möchte, muss dafür ins Ausland gehen.
In Deutschland gilt das Bestattungsgesetz. Wer sich außergewöhnlich unter die Erde bringen lassen möchte, muss dafür ins Ausland gehen.  © DPA

WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0