Totensonntag: Wie viel Gedenken ist heute erlaubt?

Steinmetz Andreas Hempel
(58) graviert neuerdings
auch Snowboards
oder Fußbälle in die
Grabsteine. Kirchliche
Symbole oder Psalme
werden aber kaum mehr
gewünscht.
Steinmetz Andreas Hempel (58) graviert neuerdings auch Snowboards oder Fußbälle in die Grabsteine. Kirchliche Symbole oder Psalme werden aber kaum mehr gewünscht.  © Norbert Neumann

Dresden - Sonntag scheinen die Seelen der Verstorbenen von den Bäumen zu wispern.

An diesem stillen Totensonntag im tristen November wird es plötzlich hell und laut auf den 58 Dresdner Kirch- und Friedhöfen.

Im Gedenken an ihre Hingeschiedenen zünden die Angehörigen Kerzen an, legen Blumen nieder oder stellen Engel auf. Manche müssen aber erst die Schritte zählen, um den richtigen Grabfleck zu finden.

Auf der grünen Wiese vom Dresdner Heidefriedhof stapelt sich der Grabschmuck. Dabei ist das Betreten der anonymen Begräbnisstätte verboten.

Kränze und Gestecke dürfen nur am Rand abgelegt werden - eigentlich. Denn es ist pietätlos, den Toten auf die eingeäscherten Köpfe zu treten.

Trotzdem: Friedhofsleiter Mario Fischer (50) zeigt sich verständnisvoll. "Mit dem Rasenmäher müssen wir ja auch drüber", sagt er. In der Trauer könne man schließlich nicht mit der eisernen Hand regieren.

Manchmal muss der Chef vom Heidefriedhof konsequent bleiben

Monika (67) und
Herbert Kirsch (69)
legen einen Kranz
für die verstorbene
Großmutter an den
Rand der grünen
Wiese. Eigentlich
ist ihr Grab ein paar
Schritte weiter in
der Mitte - aber
dorthin dürfen sie
nicht zu Fuß.
Monika (67) und Herbert Kirsch (69) legen einen Kranz für die verstorbene Großmutter an den Rand der grünen Wiese. Eigentlich ist ihr Grab ein paar Schritte weiter in der Mitte - aber dorthin dürfen sie nicht zu Fuß.  © Norbert Neumann

Zum Beispiel wenn Angehörige eine Urne wieder ausbuddeln wollen, weil sie mit ihrer Entscheidung für ein anonymes Gemeinschaftsgrab nicht klar kommen.

"Etwa zehnmal im Jahr kommt das vor", sagt Fischer. Die Totenruhe geht aber vor. Umliegende könnten sich durch die Ausbettung gestört fühlen. "Da muss man sich vorher drüber Gedanken machen."

In vielen Familien wird die Frage nach der Bestattung nie gestellt - zumindest nicht zu Lebzeiten. Insgesamt 1300 Beisetzungen finden jährlich auf dem 30-Hektar-Areal des Heidefriedhofs statt, davon jede zehnte unter einem Baum. Doch erst 50 Leute haben sich bislang ihre Grabstelle mit den eigenen Augen ausgesucht, darunter Paare, die sich ein Partner-Grab wünschen.

Steinmetz Andreas Hempel (58) aus Dresden-Leuben weiß von seinen Kunden, wie wichtig ein Grabstein für die stille Zwiesprache ist. "Die Trauerbewegung kommt, die kann man nicht verdrängen", sagt er. Eine schöne Sache aus seiner Sicht sind Grabmal-Patenschaften, wie sie beispielsweise der Johannis-Friedhof in Tolkewitz für seine denkmalgeschützten Grabanlagen anbietet.

Immerhin, wer ein historisches Grab aus der Gründerzeit restaurieren lässt, trägt damit zum Erhalt der Friedhofskultur bei - und setzt sich ein Denkmal für die Ewigkeit.

Heidefriedhof-Chef Mario Fischer (50) kniet vor einer Urnen-Gemeinschaftsanlage. Auf der grünen Wiese „mit Namensnennung“ teilen sich 20 Verstorbene ein Grabmal. Ihre Angehörigen platzieren Engel, Fotos und Kerzen.
Heidefriedhof-Chef Mario Fischer (50) kniet vor einer Urnen-Gemeinschaftsanlage. Auf der grünen Wiese „mit Namensnennung“ teilen sich 20 Verstorbene ein Grabmal. Ihre Angehörigen platzieren Engel, Fotos und Kerzen.  © Norbert Neumann
Die Nachfrage nach Baumgräbern
steigt. Zurzeit arbeitet
der Heidefriedhof an
einer Erweiterungsfläche
mit 100 Bäumen.
Die Nachfrage nach Baumgräbern steigt. Zurzeit arbeitet der Heidefriedhof an einer Erweiterungsfläche mit 100 Bäumen.  © Norbert Neumann

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