Müllwagen zerquetscht Auto: Verteidiger des Fahrers warnt vor Rache-Gedanken

Tübingen - Vor Beginn des Prozesses nach dem tragischen Müllwagen-Unfall hat der Verteidiger vor Vergeltungsgedanken gewarnt.

Die Unfallstelle in Nagold im August 2017.
Die Unfallstelle in Nagold im August 2017.  © DPA

"Der Angeklagte ist keinesfalls Krimineller, der weggeschlossen werden muss, sondern ist selbst Opfer seiner Tat", heißt es in einer am Dienstag auf Facebook veröffentlichten Erklärung des Rechtsanwaltes Thomas Weiskirchner. Er vertritt den 54-jährigen Lastwagenfahrer, der sich vor der Zweiten Großen Strafkammer am Landgericht Tübingen vom heutigen Mittwoch an wegen fahrlässiger Tötung verantworten muss.

Der Angeklagte fuhr mit einem Müllfahrzeug am 11. August 2017 in Nagold (Kreis Calw) nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft zu schnell in eine Kurve, wobei der Lastwagen umkippte und auf ein Auto stürzte.

Bei dem Unfall starben alle fünf Autoinsassen: die 25 Jahre alte Fahrerin, ihr Freund (22), die zweijährige Tochter und der nur wenige Wochen alte Sohn sowie die Schwester der Fahrerin (17).

Die Strafkammer werde klären müssen, ob tatsächlich Fahrlässigkeit vorliege, teilte Weiskirchner mit. Der Anwalt hält nicht viel davon, den Angeklagten im Fall einer Verurteilung ins Gefängnis zu schicken. "Eine solche Strafe kann den unermesslichen Verlust und das tiefe Leid der Angehörigen niemals abbilden, sondern dient einem meiner Ansicht nach nicht mehr zeitgemäßen Rachegedanken - Auge um Auge, Zahn um Zahn", teilte Weiskirchner auf seiner Facebook-Seite mit.

Alle fünf Insassen des Autos kamen ums Leben. Das jüngste Opfer war erst wenige Wochen alt.
Alle fünf Insassen des Autos kamen ums Leben. Das jüngste Opfer war erst wenige Wochen alt.  © SDMG

Vier Familienangehörige der Getöteten werden im Prozess nach Angaben des Landgerichts als Nebenkläger auftreten.

Nach dem Unfall habe in der Familie große Wut auf den Fahrer des Müllfahrzeugs geherrscht, sagte Seelsorger Johannes Bräuchle, der die beiden Zirkus- und Schaustellerfamilien nach dem Unfall begleitet hat. Der Prozess wird mit erheblichen Sicherheitsvorkehrungen geführt, alle Besucher werden vor dem Saal durchsucht.

Als Zeugen werden einer Gerichtssprecherin zufolge unter anderem Polizisten, Sachverständige und der Arbeitgeber des Angeklagten befragt. Der Prozess ist auf drei Verhandlungstage angesetzt - bis zum 19. März.

Ob dann schon ein Urteil fällt, hängt nach Einschätzung von Weiskirchner mitunter davon ab, wie lange am Stück der Angeklagte verhandlungsfähig ist, der bei dem Unfall einen schweren Schock erlitten hat und den Angaben zufolge immer noch in ärztlicher Behandlung ist.

Titelfoto: DPA