"Facebook wird für mich zum politischen Problem": Boris Palmer im TAG24-Interview

Tübingen - Boris Palmer (47) ist wohl nicht nur der bekannteste Oberbürgermeister Deutschlands, sondern auch auf Facebook sehr aktiv.
TAG24-Redakteur Patrick Hyslop im Gespräch mit Boris Palmer.
TAG24-Redakteur Patrick Hyslop im Gespräch mit Boris Palmer.  © Andreas Rosar/Fotoagentur Stuttgart

Im April hatte er mit Äußerungen über Werbegesichter der Deutschen Bahn für Wirbel gesorgt. Und einen riesigen Shitstorm entfacht. Es folgte eine Auszeit auf dem sozialen Netzwerk.

Vor wenigen Tagen meldete er sich dort wieder zurück. TAG24 hat mit dem nicht ganz typisch grünen Politiker gesprochen.

TAG24: Herr Palmer, Sie waren jetzt einige Wochen weg von Facebook, hatten sich ein „Facebook-Fasten“ auferlegt. Wie ist Ihnen das Fasten bekommen?

Boris Palmer: Wie immer beim Fasten: Man merkt, dass es einem besser geht. Weniger Stress, mehr Zeit für andere Angelegenheiten und weniger Daueraufgeregtheit. Mehr Ruhe im Arbeitsalltag.

TAG24: Am vergangenen Samstag haben Sie sich auf Facebook zurückgemeldet. In dem Beitrag klangen Sie sehr selbstreflektiert und auch selbstkritisch. Haben wir es nun mit einem neuen Boris Palmer zu tun?

Boris Palmer: Nein. Denn diese längeren, reflektierten Beiträge habe ich schon seit ich dort bin immer wieder geschrieben. Da gucken nur nicht so viele drauf, das kommentieren nicht so viele.

Wir leben in einer Zeit, in der vor allem der hysterische Empörungsskandal Ressonanz findet. Und dafür sind die sozialen Medien besonders berühmt.

Mein Ziel ist, weniger von diesen hysterischen Debatten hinnehmen zu müssen und mehr Diskussionen zu erreichen. Der Gedanke ist dann tatsächlich: Lieber weniger posten, dafür aber bessere und längere Texte.

Facebook wird zum Problem

Hauptstadt-Besuch im Februar: Palmer mit Burkhard Dregger, dem CDU-Fraktionsvorsitzenden im Berliner Abgeordnetenhaus.
Hauptstadt-Besuch im Februar: Palmer mit Burkhard Dregger, dem CDU-Fraktionsvorsitzenden im Berliner Abgeordnetenhaus.  © DPA

TAG24: Aus Ihrem Samstags-Posting klang heraus: Künftig soll's mehr um die Themen Umwelt und Verkehr gehen und weniger um Flüchtlinge. Gab es da zu viel Ärger in letzter Zeit?

Boris Palmer: Tatsächlich habe ich die Themenverschiebung schon vor anderthalb Jahren vorgenommen, nachdem mein Buch „Wir können nicht allen helfen“ aus meiner Sicht ziemlich umfassend dargestellt hat, wie ich dieses Thema bewerte und was ich für nötig halte, um das besser zu bewältigen.

Was ich aber feststelle ist, dass über das Medium Facebook immer mehr Leute, die mich in anderen Fragen unterstützen würden, sich so gegen mich stellen, dass sie gar nicht mehr zuhören. Und damit wird Facebook für mich zum politischen Problem.

Ich mache in der Sache keinen Rückzieher, aber ich bin Real-Politiker. Ich muss mich fragen, wie ich meine Ziele erreiche. Und in den letzten Monaten und Jahren hat sich Facebook da eher zu einem Problem als zu einer Hilfe entwickelt.

TAG24: Sie haben in Ihrem Posting von einer „Facebook-Wahrnehmung“ über Sie geschrieben, die nicht unbedingt der Realität entsprechen muss. Diese sei für immer mehr Menschen „der Boris Palmer“. Was unterscheidet diesen „Facebook-Palmer“ vom realen Politiker Palmer?

Boris Palmer: Ich bekomme mit, dass vor allem bei den jüngeren Leuten, die sich nur auf diesem Weg informieren, ein Bild entsteht, von einem Rassisten, der einfach ausländerfeindlich ist. Und Asylbewerber loswerden möchte. Das hat mit der Wirklichkeit rein gar nichts zu tun.

Aber aus Diskussionen mit diesen Leuten entnehme ich, dass es ihnen völlig genügt, drei oder vier Zitate zu kennen, die in irgendwelchen Gruppen weiter verbreitet werden, bei denen der Kontext fehlt. Und dann ist man in der Schublade drinnen.

Auch wenn ich es sehr ärgerlich finde, dass Leute sich so wenig Mühe machen, zu verstehen, und dass sie sofort bereit sind, zu verurteilen: Dass Einzige, was ich tun kann, ist dafür zu sorgen, dass kein Futter mehr für solche Denunziation und Diskreditierung entsteht.

Künftig nur Grüne und AfD?

"Lassen Sie sich bitte nicht weichspülen oder davon abbringen, Ihre Meinung zu sagen", würden die Leute Palmer auf der Straße ermuntern.
"Lassen Sie sich bitte nicht weichspülen oder davon abbringen, Ihre Meinung zu sagen", würden die Leute Palmer auf der Straße ermuntern.  © Andreas Rosar/Fotoagentur Stuttgart

TAG24: Ihre Aktivitäten auf Facebook haben immer wieder für Wirbel und Ärger gesorgt. Auch in der eigenen Partei. Inwiefern hat Ihnen der „Facebook-Palmer“ bei den Grünen geschadet?

Boris Palmer: Hier in der Tübinger Stadtgesellschaft und im Land Baden-Württemberg hat er nicht geschadet.Die große Mehrheit der Leute findet es vernünftig, was ich mache und sagt mir auch täglich auf der Straße: „Lassen Sie sich bitte nicht weichspülen oder davon abbringen, Ihre Meinung zu sagen.“

Aber ja, in der Partei gibt es viele, die aus einer falschen Rezeption heraus sagen: „Das ist nicht der Oberbürgermeister, den wir mit den Werten unserer Partei verbinden können.“ Und natürlich muss ich was tun, um das zu ändern.

TAG24: Lassen Sie uns zum Schluss auf die Ergebnisse der Europawahl in Deutschland zurück blicken. Die Grünen sind erstarkt, die AfD hat scheinbar den Osten des Landes erobert. SPD und Union sind abgestürzt. Sind wir auf dem Weg in ein gespaltenes Land, in dem es irgendwann nur noch Grüne und AfD gibt?

Boris Palmer: Diese Spaltung ist bei aller Freude über das Grünenergebnis meine Sorge.

Meine These ist: Die AfD profitiert von dieser Spaltung. Sie hat ein Interesse, sie weiter zu treiben und sie wird alles tun, um sie zu vertiefen. Weil es die Leute zu ihr treibt und an sie bindet. Und wenn das stimmt, dann machen wir als Grüne einen Fehler, wenn wir unsererseits auch zu dieser Spaltung beitragen.

Ich glaube, wir könnten Menschen von der AfD fernhalten oder zurückholen, wenn wir auf zwei Dinge verzichten. Erstens sollte wir die AfD nicht dämonisieren und mit Nazi- und Rassistenvorwürfen überziehen. Das schweißt sie nur zusammen. Und zweitens sollten wir uns nicht einer Haltung gefallen, die besseren Menschen zu sein. Stattdessen sollten wir schauen, dass man den Konflikt herunter fährt, dass man Verständigungsmöglichkeiten sucht.

Dass so viele AfD-Wähler sagen, dass man mit mir immerhin noch reden könne, zeigt ja schon, dass ich diesen Brückenschlag in Richtung der AfD-Wählerschaft schaffe. Nur leider wird das oft nicht als Leistung begriffen, sondern ein Vorwurf daraus gemacht: „Wer ein AfD-Versteher ist, ist selbst ein Hetzer“ Das kann man so sehen.

Aber dann wird man damit leben müssen, dass die von Ihnen beschriebene Spaltung der Landkarte weiter geht und schlimmer wird. Ich glaube, das kann nicht in unserem Interesse sein.

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